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Zulieferer planen mit hartem Brexit

18.10.2018 - 12:36 0 Kommentare

Die Luftfahrtindustrie bereitet sich inzwischen auf einen No-Deal-Brexit vor, skizzieren Matthias Mette und Michael Santo. Die Annahme über einen ungeregelten EU-Austritt der Briten kostet allein in Deutschland schon jetzt Millionen.

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Während der harte Brexit vor knapp einem halbem Jahr noch nicht mehr als eine bewertete Risikoposition im Controlling der Unternehmen der deutschen Zulieferindustrie war, hat sich dieser Zustand nun, knapp 160 Tage vor dem Stichtag, grundlegend geändert. Geprägt durch bisher nicht erfolgreiche politische Diskussion zwischen der EU und der britischen Regierung, hat die deutsche Luftfahrtzulieferindustrie nahezu geschlossen auf einen No-Deal-Brexit als Fakt umgestellt.

Das betrifft nicht nur Unternehmen auf der Ebene der namenhaften Top-Lieferanten, sondern alle entlang der kompletten Lieferkette bis zur Ebene der Tier-2 und -3 Lieferanten. In der Regel sind dies kleine, mittelständische und inhabergeführte Unternehmen.

Bereits heute anfallende Kosten

Doch was bedeutet dieses Umdenken konkret und welche Kosten verursacht das Umschalten auf das No-Deal-Szenario bereits heute? Zunächst steht für alle Unternehmen, unabhängig von der Position in der Supply-Chain, die Aufrechterhaltung der Lieferfähigkeit im Vordergrund; und das in einer Phase kritischer Programm-Hochläufe, vor allem mit Blick auf das A320-Neo-Programm.

© AirTeamImages.com, Markus Mainka Lesen Sie auch: So bereitet sich Condor auf den Brexit vor

Dies geschieht kurzfristig über das Beauftragen zusätzlicher Teile und Komponenten aus dem britischen Wirtschaftsraum und den Aufbau von Pufferlagern, um zumindest einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten zu überbrücken. Hierbei geht es noch gar nicht darum, aus dem Brexit entstehende, mögliche Zölle zu vermeiden und in schwierige kommerzielle Verhandlungen gehen zu müssen.

Hier ist die Überbrückung einer Zeit der Unsicherheit gemeint; Unsicherheit bis überhaupt administrative Strukturen existieren, den Handel mit dann zollpflichtigen Waren und Produkten abzuwickeln. Aber auch an mittel- und langfristigen Maßnahmen wird gearbeitet. Mögliche Alternativlieferanten im "EU-Kernland", insbesondere auch in Süd- und Osteuropa, werden identifiziert, qualifiziert und die Verlagerung stellenweise bereits vorbereitet.

Folgekosten werden über Preisaufschläge kompensiert

All diese Maßnahmen binden bereits heute Ressourcen in den Unternehmen der Zulieferindustrie und erzeugen erhebliche Kosten. Nach unserer Einschätzung - basierend auf den Einkaufsvolumina, den Lager- und Logistikkosten - laufen bereits jetzt höhere zweistellige Millionenbeträge allein in Deutschland auf. Diese werden jedoch in den wenigsten Fällen durch die Kunden in Form von Preisaufschlägen akzeptiert.

Dadurch fehlen diese Gelder schnell bei wichtigen, in die Zukunft gerichteten Investitionen in Forschung und Entwicklung, Automatisierung oder Industrie 4.0 Themen. Alles Bereiche, in denen gerade die deutsche Zulieferindustrie Nachholbedarf hat, um globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten oder zu steigern.

Handelskonflikte sind wichtige Risikoposition für Zulieferer

Anders gelagert ist derzeit noch die Einschätzung der Zulieferer hinsichtlich weiterer globaler Handelskonflikte, vor allem jenen zwischen den USA und China. Die aktuelle Bewertung sieht zwar eine Auswirkung des Konflikt auf die luftfahrttypischen internationalen Supply-Chains, schätzt diese aber im Vergleich zur Wirkung eines harten Brexits auf die deutsche Zulieferindustrie deutlich geringer und aktuell schwieriger bewertbar ein.

Trotzdem bleiben auch die globalen Handelskonflikte eine wichtige Risikoposition für die international ausgerichtete Luftfahrtzulieferindustrie. Für eine komplett internationalisierte Supply-Chain wie die der Luftfahrt, basierend auf den Prinzipien der Arbeitsteilung, haben sich in den letzten 18 Monaten die Rahmenbedingungen grundlegend geändert.

Nachdem die beiden großen OEMs (Original Equipment Manufacturer, Erstausrüster) im Markt (Airbus und Boeing) sich zuvor sehr intensiv um die Fertigentwicklung und Hochläufe ihrer Programme (Boeing 787, Airbus A350, Airbus A320 Neo) sowie um operative Lieferantenschwächen gekümmert haben, beeinflussen nun seit circa eineinhalb Jahren zusätzlich politische Entscheidungen und das Aufkündigen etablierter Handelsstrukturen die Lieferketten. Die hier entstehenden Kosten verbessern leider in keinerlei Form die Performance der Produkte, sondern sind als Kosten eines sich ändernden wirtschaftlichen Rahmens zu verbuchen.

Über die Autoren

Matthias Mette Matthias Mette ist Prinzipal bei der H&Z Unternehmensberatung AG, davor war er in mehreren führenden Positionen bei europäischen OEMs und Zulieferern beschäftigt. Kontakt: matthias.mette@huz.de

Michael Santo Michael Santo ist Vorstand der H&Z-Unternehmensberatung AG und Leiter des Bereiches Aviation & Security. Er ist Autor mehrerer Studien und Veröffentlichungen in diesem Bereich. Kontakt: michael.santo@huz.de

Von: Matthias Mette und Michael Santo für airliners.de
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