Schiene, Straße, Luft (21) ( Gastautor werden )

Zeit für eine bessere Bahn

14.09.2018 - 09:11 0 Kommentare

Bahnchef Lutz weist seine Führungskräfte auf die schlechte Lage des Unternehmens hin. Wenn die Bahn ihre Probleme in den Griff bekommen will, wäre jetzt die beste Gelegenheit dazu, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig. Denn die Konkurrenten in der Luft wanken.

Bahnchef Richard Lutz. - © © Deutsche Bahn AG - Oliver Lang

Bahnchef Richard Lutz. © Deutsche Bahn AG /Oliver Lang

Richard Lutz ist gelernter Eisenbahner, also nicht der oft kritisch beäugte Managertyp, der bestenfalls Ahnung von Business Cases hat, aber nicht von der täglichen Arbeit im Bahnbetriebswerk. Wenn einer wie Lutz einen Brandbrief schreibt, dann läuft in dem Unternehmen wirklich etwas schief.

Es geht um Verspätungen, Gewinnwarnungen und Schuldenberge. Die mangelhafte Pünktlichkeit der Züge ist dabei nur ein Symptom und nicht die Ursache des Debakels. Mit der Gewinnwarnung und den wachsenden Schulden hat am Ende der Eigentümer, also der Steuerzahler, ein Problem. Alles zusammen aber zieht das Image der doch vom umweltpolitischen Standpunkt aus gesehen so zukunftsfähigen Deutsche Bahn AG nach unten.

Konkrete Lösungen fehlen

Man stelle sich nur mal vor, Lufthansa-Chef Carsten Spohr würde den Führungskräften und dem Eigentümer seines Unternehmens einen selbstkritischen Brief schreiben, dass es sowohl bei den Verspätungen als auch beim Gewinn untragbare Zustände gäbe. Anlass und Zeit dafür wären durchaus gegeben, denn der Eigentümer, sprich der Aktionär, hat in den vergangenen Monaten einiges an Höhenverlusten seines Papiers erleben müssen, und eine Möglichkeit zum Steigflug ist nicht abzusehen.

Im Unterschied zur Lufthansa, deren Kurs zuvor dank der Air-Berlin-Pleite im Höhenflug brillierte, haben wir es bei der Bahn allerdings mit einem Phänomen nach dem Motto "Und ewig grüßt das Murmeltier" zu tun, und eine wirkliche Lösung außer "Mehr Geld für die Schiene" fällt nur wenigen ein.

Jahr eins nach Air Berlin

Bemerkenswert am Schreiben des Bahnchefs ist der Zeitpunkt. Die Rahmenbedingungen waren noch nie so gut in den vergangenen Jahren. Wir schreiben das Jahr eins nach der Eröffnung der Hochgeschwindigkeitstrasse Berlin-München, einer der lukrativsten Schienenverkehrsstrecken in Deutschland, deren Passagieraufkommen selbst die optimistischsten Hoffnungen der Bahn übertrifft.

Gleichzeitig ist es auch Jahr eins nach Air Berlin, und während der Luftverkehr in der Neuordnung mit massiven Problemen kämpft, könnte die Bahn elegant Kunden abgreifen. Ebenfalls vor etwa einem Jahr einigten sich die Stakeholder einschließlich des Eigentümers auf einen Masterplan Schienengüterverkehr. Eine wichtige Vereinbarung darin war die Halbierung der Trassenpreise für den Güterverkehr.

Und dann ist da noch der Koalitionsvertrag. Dessen Aussagen zur Bahnpolitik selbst die Schienenlobby als "neue Ernsthaftigkeit" bezeichnet, auch wenn ihr natürlich immer noch weitere Forderungen einfallen. Dazu gehört zu Recht die Belastung eines der schärfsten Konkurrenten der Bahn, der Fernbusse, mit einer Straßennutzungsgebühr. Dies führt zu steigenden Ticketpreisen. Das wäre bei allen Verkehrsträgern nicht das Schlechteste, denn es entlastet die Bilanzen, aber auch die Umwelt.

Arriva-Plan nicht sofort durchschaubar

Das Rezept, Tafelsilber in Form der Auslandstochter Arriva zu verkaufen, ist dabei erklärungsbedürftig. Das bringt zwar kurzfristig Geld, aber sie zu behalten bringt langfristig Gewinn. Sie wurde seinerzeit für 2,8 Milliarden gekauft und wird jetzt auf 4,5 Milliarden Euro taxiert. Warum hat das so geklappt? Vielleicht weil es dem Bundestagsabgeordneten verhältnismäßig schnuppe ist, was der Konzern im Ausland treibt, während er für seinen Wahlkreis ohne Rücksicht auf Verluste Wunschzettel an die DB AG schreibt.

Merkwürdigerweise hält die mangelhafte Zuverlässigkeit der Bahn die Menschen nicht davon ab, sie zu benutzen. Es werden immer mehr, wie Lutz auch im Halbjahresbericht wieder erfreut mitteilen konnte. Sie nehmen es immer öfter mit Humor. In Berlin ist das "Betriebsstörungs-Bingo" (#betriebsstörungsbingo) ein beliebtes Spiel bei der S-Bahn, einer hundertprozentigen DB-Tochter: Wetten, was als Begründung für Zugausfälle und Verspätungen angezeigt wird ... Der eine nennt es Transparenz, der andere Ausrede: Immerhin ist das langweilige "wegen Verzögerungen im Betriebsablauf" Angaben gewichen wie "Vegetationsarbeiten", "Zugstauungen" oder "Stromausfall".

Zum Bingo gehört neuerdings sogar "Fehlverhalten von Fahrgästen". Und da hat die Bahn mit der Lufthansa wieder manches gemein. In beiden Unternehmen hört man öfter den Spruch: "Wenn die Passagiere nicht wären, wäre alles viel einfacher!" Obwohl witzig gemeint, illustriert er doch das Problem mangelnder Dienstleistungsmentalität.

Vielleicht sollten die Damen und Herren von McKinsey, die schon wieder bei der Bahn nach Prozessoptimierungs-Möglichkeiten suchen, dabei anfangen. Auch hier ist "neue Ernsthaftigkeit" gefragt. Der ernsthafte Auftrag heißt, den Kunden in den Mittelpunkt zu stellen.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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