Auswirkungen auf die Luftfahrt bis heute

Zehn Jahre nach 9/11

30.08.2011 - 11:34 0 Kommentare

Wie keine andere Branche wurde der Luftverkehr vom Terrorschock des 11. Septembers 2001 getroffen. Die Al-Kaida-Attentäter hatten Flugzeuge gekapert und unter anderem ins World Trade Center gesteuert. Seitdem musste die Industrie mit weiteren Plagen zurechtkommen.

Flugzeug in fahlem Sonnenlicht - © © dpa -

Flugzeug in fahlem Sonnenlicht © dpa

Als der scheidende Präsident des Airlineverbandes IATA im Juni die Bilanz seiner Amtszeit zog, wählte er drastische Worte. «Die Fluggesellschaften haben ein Jahrzehnt im Überlebensmodus hinter sich», sagte Giovanni Bisignani in Singapur und erinnerte die Delegierten an Kriege, Erdbeben, Vulkanaschewolken und Vogelgrippen-Angst. Doch als Auslöser der Branchenkrise und des folgenden radikalen Umbaus machte auch der IATA-Chef die Anschläge vom 11. September 2001 fest. Im vergangenen Jahrzehnt habe man alles gesehen, nur keine nachhaltigen Profite, resümierte Bisignani.

Die Bilder der ins World Trade Center krachenden Jets stürzten die gesamte Industrie in eine tiefe Krise, in deren Folge sich der Konzentrationsprozess deutlich beschleunigte. «Uns fehlen täglich 30.000 Fluggäste», klagte der damalige Lufthansa-Chef Jürgen Weber kurz nach den Anschlägen. Noch schwerer getroffen vom Passagierschwund wurden die US-Linien, von denen einige wie Northwest, United oder Delta zur Restrukturierung in den Gläubigerschutz flüchten mussten. Unter dem zusätzlichen Druck der weit kostengünstigeren Billigflieger wie Ryanair und EasyJet verendeten traditionsreiche Gesellschaften wie die Swissair, die brasilianische Varig oder die belgische Sabena.

Die Politik reagierte auf den Terror mit verschärften, aber nicht immer klug aufeinander abgestimmten Sicherheitsvorschriften. Zügig wurden Passagierdatensätze gescannt, bewaffnete Polizisten als «Sky Marshalls» in die Flieger gesetzt, biometrische und maschinenlesbare Ausweise ausgegeben sowie die Cockpit-Türen verstärkt. Doch noch im vergangenen Jahr wurden anhand von Paketbomben aus dem Jemen große Sicherheitslücken bei der Fracht offenbar, die in den meisten Teilen der Welt relativ unkontrolliert ins Innere der Jets geschoben wird. Die Passagiere müssen hingegen penible Checks über sich ergehen lassen und dürfen nicht einmal Getränkeflaschen mit an Bord nehmen.

Laut IATA hat die Industrie weltweit erst im Jahr 2006 wieder Gewinne eingefahren, einzelne Gesellschaften schlugen sich aber natürlich besser. In Deutschland wuchs die aktuell kriselnde Air Berlin mit Zukäufen wie dem Ferienflieger LTU zum zweitgrößten Anbieter hinter der Lufthansa heran, die ihrerseits in der Schweiz, Österreich, Belgien, Großbritannien und den USA Sanierungsfälle und Beteiligungen übernahm. Heute ist die Swiss die profitabelste Gesellschaft von Europas größtem Luftverkehrskonzern. Die europäischen Konkurrenten Air France und British Airways wuchsen mit Fusionen und Übernahmen.

Auf den ersten Blick scheint die Krise zehn Jahre später auch in Deutschland überwunden, auch wenn die Vogelgrippe SARS, die isländische Aschewolke, diverse Streiks und die Wirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite für weitere Rückschläge sorgten. Nach Zahlen des Flughafenverbandes ADV gab es im Jahr 2010 hierzulande 50 Millionen Passagiere oder ein sattes Drittel mehr als im Terrorjahr 2001, die Frachtmenge hat sich auf 4,4 Millionen Tonnen glatt verdoppelt und auch die Flugbewegungen sind um gute 10 Prozent gestiegen. Doch die Margen blieben dünn, zuletzt vor allem wegen des dauerhaft hohen Ölpreises und der Luftverkehrsabgabe, die auch den Billigfliegern das profitable Leben schwer machen.

Auch die Urlauber waren 2001 tief und anhaltend geschockt. Die Vorstellung, auf dem Weg in die Ferien in einem Flugzeug zu sitzen, das zur Bombe werden könnte, sorgte für großes Entsetzen. Viele verzichteten auf den geliebten Ferienflug an die Sonnenstrände des Mittelmeeres. Sieben Jahre brauchte die Reiseindustrie, um den Umsatzeinbruch wieder aufzuholen. Erst 2008 übertraf der Gesamtumsatz der Reiseveranstalter mit 21 Milliarden Euro erstmals wieder das Volumen aus dem Sommer 2001. Der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Jürgen Büchy, sieht das Krisen- und Sicherheitsmanagement der Reiseveranstalter in der Folge der Anschläge deutlich professionalisiert. Davon profitierten die Kunden.

«Es war die mit Abstand gravierendste Katastrophe für den Tourismus», sagt der frühere TUI-Vorstand und Professor an der Fachhochschule Wernigerode, Karl Born. Frühere Anschläge hatten ihre Auswirkungen in einzelnen Ländern, die gerade Ziel terroristischer Attacken waren. Im September 2001 aber seien alle getroffen worden - «die Leute wollten überhaupt nicht mehr fliegen». Die wichtigste Veränderung in der Branche, die bis heute nachwirke, sei aber ein Wandel in den Köpfen der Kunden, meint Born. «Es war das Ende der Spaßgesellschaft und der Übergang zur Sinngesellschaft.»  

Von: dpa
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