Spaethfolge (106) Wunderheilung am Gate

31.10.2012 - 10:24 0 Kommentare

Einer der wenigen Möglichkeiten, eine überfüllte Sicherheitskontrolle zügig zu passieren, ist der Rollstuhl. In den USA, so habe ich erfahren, nutzen auch vollkommen Gesunde dieses Schlupfloch gern.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

George Clooney als Mega-Vielflieger Ryan Bingham wusste es in dem grandiosen Film „Up in the Air“ von 2009 gleich als erstes seiner Flug-unerfahrenen Kollegin zu vermitteln: „Stell Dich bei der Sicherheitskontrolle nie hinter alten Leuten an, die tragen meist einen Herzschrittmacher.“ Und das kostet alle hinter ihnen in der Warteschlange Stehende kostbare Minuten.

Genauso schlecht dran ist der Wartende, wenn er eigentlich endlich an der Reihe wäre, aber plötzlich ein Rollstuhlfahrer an ihm vorbeigeschoben wird und selbstverständlich Vortritt erhält. So sind wir nun mal alle konditioniert: Vorfahrt für Rollstühle ist selbstverständlich, und das ist ja im Prinzip auch richtig so.

Trotzdem mache ich immer einen weiten Bogen um eine Kontrollstelle, wenn irgendwo in der Nähe ein Rollstuhl auch nur zu erahnen ist. Denn in der Tat kann das die Abfertigung für alle anderen manchmal unabsehbar verzögern. An manchen Flughäfen gibt es sogar spezielle Kontrollpunkte nur für Rollstuhlfahrer, das ist sicher die beste Methode, von der alle Beteiligten profitieren, aber leider die Ausnahme.

Neulich war ich in Chicago, und dort fiel mir am O’Hare Airport auf, wie relativ viele Menschen in Rollstühlen an die Kontrollstellen geschoben wurden. Völlig automatisch fügt man sich dann ins unabänderliche und lässt den Gebrechlichen natürlich den Vorzug.

Sehr merkwürdig aber mutet es an, und das habe ich in Chicago selbst gesehen, unter was für Handgepäck-Gebirgen sich manche Menschen in ihren Rollstuhl quetschen. Auf den ersten Blick passt das nicht wirklich zusammen, Gebrechlichkeit und Schwerlasten.

An genau dem Tag, als ich aus Chicago abflog und am Gate erstmal drei Rollstuhlfahrer an Bord gebracht wurden, las ich die „New York Times“. Dort stand ein schockierender Artikel, der mir die Augen geöffnet hat. Seitdem betrachte ich zumindest auf amerikanischen Flughäfen Rollstuhlfahrer mit anderen Augen. Berichtet die Times doch sehr glaubwürdig, dass es in den USA gang und gäbe ist, sich als vollkommen gesunder Passagier an den oft langen Warteschlangen vorbei expedieren zu lassen, um Zeit und Nerven zu sparen.

Denn anders als hierzulande, wo das meist der Flughafen-Sanitätsdienst erledigt, schieben in den USA billige Arbeitskräfte die Rollstühle, die für ein gutes Trinkgeld gern mal beide Augen zudrücken und wegschauen, wenn ein vermeintlich Gehbehinderter plötzlich aufspringt, um seine riesigen Rollenkoffer vom Band zu wuchten.

Und Anspruch auf einen Rollstuhl hat auf Anforderung jeder, anders als bei speziellen Behindertenparkplätzen wird nicht nach einem Behindertenausweis oder ähnlichem gefragt. Flughafenangestellte können schon voraussehen, wann die Nachfrage nach Rollstühlen steigt – dann nämlich, wenn die Schlangen an den Kontrollpunkten länger werden. Natürlich, und das räumen alle Befragten ein, gibt es auch jede Menge legitimer Nutzer, aber angeblich erlebt jeder Rollstuhlschieber etwa ein Dutzend Fälle pro Woche, in denen Zweifel angebracht sind.

Besonders eklatant scheint das bei Abflügen aus New York nach Ägypten, den Philippinen und der Dominikanischen Republik zu sein. „Wir nennen das die ‚Wunder-Flüge’“, zitert die Times eine Flugbegleiterin, die sarkastisch fortfährt: „Wir servieren nicht nur, sondern heilen auch noch die Kranken.“ Denn regelmäßig brauchen Leute, die am Abflugort gebrechlich im Rollstuhl an Bord gebracht werden, beim Aussteigen am Ziel plötzlich keine Unterstützung mehr, sondern laufen munter von dannen. Denn was beim Einsteigen ein Privileg ist, vor allen anderen an Bord zu dürfen, ist beim Aussteigen ein Nachteil – Rollstuhlfahrer müssen bis zuletzt warten.

Schon unverschämt, wenn sich Simulanten dieses Schlupfloch so schamlos zunutze machen wie es offenbar Alltag ist. Dabei ist das möglicherweise auch für die Betroffenen gar nicht so ohne Risiko.

Mir fällt nämlich eine eigene Erfahrung ein: Ich wurde nach dem Abitur als Zivildienstleistender im Umgang mit Behinderten ausgebildet. Dazu gehörte es auch, sich selbst in einen Rollstuhl zu setzen und von einem anderen Zivi durch die Stadt schieben zu lassen. Nur irgendwo mussten wir die Rollen tauschen. Das taten wir auf der Toilette eines Kaufhauses. Irgendwer hatte uns vorher und nachher aber beobachtet und ging empört beinahe tätlich auf uns los, als wir plötzlich in anderer Besetzung wieder im Verkaufsraum erschienen. Solchen Volkszorn, mindestens, riskieren auch die Rollstuhl-Simulanten am Flughafen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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