Artikel vom 11.07.2008
Air Berlin und Thomas Cook beenden Condor-Übernahmepläne
Ende der Wachstumsstrategie
Als Grund für die Rücknahme des Antrags nannten beide Unternehmen die erheblich veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seit Vertragsabschluss. Allein die Kosten für Kerosin hätten sich mehr als verdoppelt. Beide Firmen würden jetzt weitere Gespräche ohne Termindruck führen.Thomas Cook betrachtet nach eigenen Angaben seine Ferienfluggesellschaft Condor nach wie vor als starkes Unternehmen mit beträchtlichem Potenzial. Der Konzern prüfe in weiteren Gesprächen mit Air Berlin, ob sich eine alternative Transaktion finden lässt. Allerdings würden auch weitere Optionen für Condor erwogen. Laut Analystin Martina Noß von der Nord/LB wird am Markt immer mal wieder über ein Zusammengehen von TUIfly, Germanwings und Condor spekuliert. Bislang verhandeln Germanwings und TUIfly noch allein über eine Kooperation.
Das Bundeskartellamt hatte Air Berlin am Dienstag letztmals aufgefordert, bis zum kommenden Montag die Pläne für die Übernahme der zu Thomas Cook gehörenden Condor zu erläutern. Die Rücknahme der geplanten Fusion kam nicht überraschend. Bereits im Juni bei der Vorlage der Halbjahreszahlen der Arcandor-Tochter Thomas Cock wurde erklärt, dass beide Firmen die Transaktion überprüften. Als Hintergrund wurden damals das veränderte wirtschaftliche Umfeld sowie zeitliche Verzögerungen bei der kartellrechtlichen Freigabe genannt. Thomas Cook erwäge «ernsthaft verschiedene alternative Möglichkeiten», hieß es.
Hunold und Thomas-Cook-Chef Middelhoff © dpa Joachim Hunold - Luftfahrtmanager mit Mut zum Risiko Air-Berlin-Chef Joachim Hunold (58) gilt als Mann, der sich nicht so schnell unterkriegen lässt. Er brachte das Unternehmen im Mai 2006 an die Börse, obwohl der erste Anlauf gescheitert war. «Ich habe noch nie etwas gemacht, von dem ich nicht überzeugt war, dass es Hand und Fuß hat», sagte er damals, auch wenn er mit dem Gang an den Kapitalmarkt neuen Aktionären Mitsprache gab und so seine dominierende Stellung im Konzern schwächte. Gleichwohl überraschte der gebürtige Düsseldorfer die Märkte schon bald mit zwei Übernahmen, die er persönlich eingefädelt hatte. Der erste Coup gelang mit dem Inlandsflieger dba, ein Jahr später holte er die LTU ins Unternehmen und damit das bis dato fehlende Langstreckennetz. Bei LTU hatte Hunold in den 80er Jahren als Marketing- und Vertriebsdirektor gearbeitet. Bei der ursprünglich amerikanischen Gesellschaft Air Berlin stieg Hunold 1991 ein und steht seitdem an der Spitze des Unternehmens. Seine Handschrift zeigt sich nicht nur geschäftlich: Im Bordmagazin kommentiert der bekennende Fan der Rolling Stones bissig politische Themen wie zum Beispiel Schwächen des Föderalismus. Lange Zeit hielt Hunold Betriebsräte aus seinem Konzern heraus. Dies änderte sich zwangsläufig mit dem Zukauf der neuen Töchter. Erst vor wenigen Tagen wurde Hunold vom Verdacht befreit, vor der Übernahme der dba Insidergeschäfte betrieben zu haben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart stellte das Ermittlungsverfahren gegen ihn und andere Führungskräfte ein. «Ich bin froh, dass das nun endlich ausgestanden ist», sagte Hunold. |
Die Aktien beider Unternehmen reagierten auf die Nachricht mit deutlichen Aufschlägen. Die Air-Berlin-Papiere gewannen bis 10.00 Uhr knapp 6 Prozent auf 3,92 Euro. Thomas Cook erhöhten sich um 2,4 Prozent auf 188 Pence.
Die Deutsche Bank hat derweil ihren Anteil an Air Berlin weiter verringert. Der Anteil sei am vergangenen Dienstag auf unter die Mitteilungsschwelle von drei Prozent gesunken, teilte die Fluggesellschaft am Freitag mit. Erst vor einer Woche hatte die Deutsche Bank ihren Anteil auf 5,8 Prozent gesenkt. Mitte Juni hatte er noch bei 12,9 Prozent gelegen.
Das Ende der Air-Berlin-Wachstumsstrategie
Schon in den vergangenen Monaten lief es nicht nach Wunsch. Die immer steil steigenden Kerosinpreise verhagelten Air Berlin wie vielen anderen Fluggesellschaften das Geschäft. Zweimal wurden die Gewinnprognosen gesenkt. Unternehmenschef Joachim Hunold erwartete zuletzt gerade noch, dass sich Air Berlin im laufenden Jahr beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern ins Plus retten kann.
Jetzt zeigt sich, was sich seit dem Frühjahr angedeutet hat: Die bisherige Wachstumsstrategie von Air Berlin ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Die Konsequenz: Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft verzichtet auf die Übernahme des Ferienfliegers Condor. Air Berlin und die Condor-Mutter Thomas Cook zogen am Freitag ihren Fusionsantrag beim Bundeskartellamt zurück.
Eigentlich sollte die Übernahme mit einem Volumen von 500 Millionen Euro bis Februar 2009 vollzogen sein. Aber auf beiden Seiten wuchsen offenkundig die Bedenken. Zwar bestritt Hunold noch Ende Mai Gerüchte, wonach Air Berlin kein Interesse mehr an Condor habe. Keine vier Wochen später teilten beide Seiten mit, dass der Deal auf dem Prüfstand stehe. Jetzt kam die Bestätigung für das Aus.
Damit verzichtet Air Berlin auf rund acht Millionen zusätzliche Passagiere pro Jahr und die Chance, sein Langstreckennetz mit neuen Zielen in Afrika, Asien und Amerika auszubauen. Gerade diese Chance wurde von Fachleuten zunehmend als Risiko bewertet: «Das wäre ein zu großer Brocken», hatte vor kurzem ein Aktionärsschützer auf der Hauptversammlung gesagt.
Das Management von Air Berlin blieb am Freitag eine strategische Antwort schuldig. Es verwies zur Begründung der Fusionsabsage lediglich auf die «erheblich veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen» seit dem Vertragsabschluss vor zehn Monaten, namentlich den verdoppelten Kerosinpreis. Finanzvorstand Ulf Hüttmeyer hatte aber vor wenigen Wochen von einem großen Margendruck auf der Langstrecke gesprochen. Einige der Verbindungen, die mit der LTU-Übernahme vor einem Jahr hinzukamen, seien nicht gut ausgelastet, räumte er ein.
Thomas Cook scheint über die jüngste Entwicklung auch nicht unglücklich zu sein. Das Aktienrückkaufprogramm wurde gestoppt, damit sind Gelder frei, um neue Geschäfte zu finanzieren. Es gebe eine Reihe von Optionen für Condor, hieß es vieldeutig bei Thoams Cook.
In der Branche wird jetzt ein Szenario diskutiert, das Air Berlin noch weniger schmecken dürfte. So könnten TUIfly, die Lufthansa- Beteiligungen Eurowings und Germanwings sowie Condor sich zu einem Anbieter vereinigen. Air Berlin müsste sich dann gegen den Branchenprimus Lufthansa und diesen Block behaupten. Noch ist übrigens Lufthansa zu 24,9 Prozent an Condor beteiligt. Die anderen 75,1 Prozent gehören Thomas Cook. Ob Lufthansa seine Beteiligung wie ursprünglich vorgesehen bis 2010 abgibt, war zuletzt unklar.
Artikel vom 11.7.2008
Quelle: ddp
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