Interview

"Wir liegen unter den Stückkosten von Easyjet"

27.03.2018 - 09:00 0 Kommentare

Sun-Express-Chef Bischof erklärt im Gespräch mit airliners.de, warum die Türkei immer noch das wichtigste Ziel für seine Airline ist, wie sich die deutsche Tochtergesellschaft entwickelt und warum er keine Angst vor Brussels Airlines hat.

Sun-Express-Chef Jens Bischof im Gespräch mit airliners.de. - © © airliners.de -

Sun-Express-Chef Jens Bischof im Gespräch mit airliners.de. © airliners.de

Als Ferienflieger mit dem Schwerpunkt Türkei hatte Sun Express in den vergangenen beiden Jahren kein leichtes Spiel. Die Tochter von Turkish Airlines und Lufthansa hat es mit einem strikten Sparkurs 2017 trotzdem geschafft, profitabel zu fliegen. Im Gespräch mit airliners.de erläutert Airline-Chef Jens Bischof, wo er weiteres Wachstum sieht und wie unabhängig er agieren kann.

airliners.de: Herr Bischof, wie wichtig ist die Türkei nach zwei Jahren touristischer Flaute für Sun Express noch?
Jens Bischof: Sehr wichtig. Zwei Drittel unserer Sitzplatzkapazität fliegen wir im Sommer in die Türkei. Auch in dem vermeintlich sehr schwierigen Jahr 2017 haben wir darauf gezählt, dass die Türkei letztendlich einen starken Anteil am touristischen Geschäft haben wird. Und es war uns wichtig, den Veranstaltern und Reisebüros die Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, die sie dafür gebraucht haben - auch wenn es vielfach Last-Minute-Buchungen waren. Deshalb haben wir selbst 2017 nochmal 20 Prozent auf unsere ohnehin schon große Präsenz in der Türkei draufgelegt, und wir werden das Gleiche auch in diesem Jahr tun.

Das Türkei-Wachstum kam aber zuletzt nicht so sehr aus dem touristischen Geschäft, oder?
Natürlich sind wir überproportional stark mit den Flügen nach Anatolien gewachsen. Das ganze Segment Visiting Friends and Relatives mit Verbindungen nach Anatolien ist ein immer stärker werdendes Geschäft. Aber wir haben auch einen guten zweistelligen Zuwachs in die touristischen Gebiete hingelegt. Deswegen sind wir in allen Segmenten Richtung Türkei - Anatolien wie auch die Küsten - klarer Marktführer.

Andererseits hat Sun Express aber den Verkehr in andere Ländern immer mehr ausgebaut …
Wir diversifizieren unser Geschäft in dreierlei Hinsicht. Einerseits fliegen wir mit dem türkischen AOC mehr nach Europa - nicht mehr nur nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz, sondern auch nach Skandinavien, England, Frankreich, Holland und Belgien. Dann fliegen wir Russland und den Mittleren Osten an und können damit andere Besucherströme ansprechen als nur den europäischen Markt. Und mit der Sun Express Deutschland bewegen wir uns in die anderen touristischen Destinationen - Bulgarien, Italien, Griechenland, Marokko, Kanaren, Ägypten.

Zum Interviewpartner

Der Manager: Jens Bischof steht seit Anfang 2017 an der Spitze von Sun Express. Er war zuvor Vertriebschef bei der Lufthansa Group. Zuvor war er seit 1990 in verschiedenen Positionen für Lufthansa tätig, unter anderem als Amerika-Chef.

Die Airline: Sun Express wurde 1989 als Tochter von Lufthansa und Turkish Airlines gegründet, Sun Express Deutschland entstand 2011. Beide Airlines zusammen beförderten im vergangenen Jahr 8,8 Millionen Passagiere. Sie starten in diesem Sommer an 19 Flughäfen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Flotte umfasst 61 Boeing 737 und 7 Airbus A330. Die A330 und elf 737 gehören zu Sun Express Deutschland.

Boeing 737-800 der Sunexpress. Foto: © AirTeamImages.com, Wolfgang Mendorf

Wie ist die Perspektive für Sun Express Deutschland?
Wachstum. Momentan fliegen wir bei Sun Express Deutschland elf Boeing 737, und wir werden die Flotte in den nächsten Jahren erneuern und vergrößern. Zwei oder drei neue 737 MAX 8 bekommt die Sun Express Deutschland schon im nächsten Jahr.

Wie stark werden Sie die Sun-Express-Flotte insgesamt vergrößern?
Zwischen 2019 und 2024 kommen 32 neue Flugzeuge vom Typ 737 MAX 8, davon fünf im nächsten Jahr. Was davon Wachstum und was davon Ersatz ist, das machen wir von der Marktentwicklung abhängig. Wir haben seit dem vergangenen Jahr sehr konsequent auf Profitabilität und Nachhaltigkeit gesetzt, und wir werden so weitermachen - für die Sun Express in der Türkei und für die Sun Express Deutschland.

Aber die Konkurrenz im deutschen Flugmarkt wird nach dem Aus von Air Berlin und Niki offenbar nicht geringer …
Wir haben so eine gute Kostenstruktur, dass wir den Wettbewerb in keinerlei Hinsicht scheuen müssen. Wir liegen selbst mit der Sun Express Deutschland unter den Stückkosten von Easyjet oder Vueling.

Nun wollen die Mitarbeiter von Sun Express Deutschland einen Betriebsrat gründen. Macht Ihnen das Sorgen um Ihre Kostenstruktur?
Bei Sun Express legen wir größten Wert darauf, dass wir mit unseren Mitarbeitern einen offenen, vertrauensvollen und direkten Dialog leben und Lösungen und Probleme gemeinsam erarbeiten. Daran wollen wir auch in Zukunft festhalten.

Bleibt es bei den bisher acht Standorten von Sun Express Deutschland?
Ganz ideal ist es nicht, wenn wir nur ein bis zwei Flugzeuge pro Standort positioniert haben. Das machen wir natürlich, um die Nachfrage der großen Reiseveranstalter abzudecken. Aber wir schauen uns schon an, wo wir etwas optimieren und wie wir noch kosteneffizienter werden können.

© AirTeamImages.com, Jorgen Syversen Lesen Sie auch: Sun Express mietet zusätzliche Kapazitäten

Die Langstrecken von Eurowings betreiben sie künftig nicht mehr alleine. Hoffen Sie trotzdem auf weitere Aufträge?
Für Eurowings fliegen wir mittlerweile sieben A330 für Eurowings - wir haben Anfang 2018 um eine Maschine erhöht. Die Eurowings hat sich bewusst und, wie ich finde, richtigerweise in der Langstrecke jetzt auf zwei Beine gestellt - mit der Brussels Airlines und mit uns. Damit hat man konzernintern eine kleine Wettbewerbsposition geschaffen, und mit unserer Flexibilität und Kostenstruktur brauchen wir uns da auch überhaupt nicht zu verstecken.

Wie schnell könnten Sie für Eurowings weitere Langstrecken-Jets zur Verfügung stellen?
Wir arbeiten mit Eurowings sehr erfolgreich und eng zusammen und können aufgrund der guten Kooperation ein zusätzliches Flugzeug innerhalb von wenigen Monaten in die Luft bekommen.

Wie sieht ihre Zukunft innerhalb der Lufthansa Group aus? Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann komplett unter das Dach der Marke Eurowings zu schlüpfen?
Wir sind eine vollkommen unabhängige und eigenständige Gesellschaft und Marke der beiden Mütter Lufthansa und Turkish Airlines. Wir können den Background dieser starken Muttergesellschaften nutzen und auf der anderen Seite vollkommen eigenständig agieren. Dazu ist nicht anderes geplant.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bischof.

Von: pra
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