Spaethfolge (122) ( Gastautor werden )

Wir sind das Volk

27.02.2013 - 09:32 0 Kommentare

Nichts bleibt in der Luftfahrt heute mehr unter der Decke, seit jeder im Netz Dampf ablässt. Flugbegleiter, Piloten und Passagiere haben auf You Tube und Twitter ein Ventil gefunden, ihren Frust rauszulassen. Mit manchmal urkomischen Ergebnissen.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Teure Warteschleifen am Telefon und dann Call Center-Mitarbeiter am Apparat, die weder Ahnung noch Lösung haben. Sinnlose Formbriefe oder, fast noch schlimmer: Gar keine Reaktion. So reagieren Airlines häufig auf Kundenbeschwerden. Aber das geht heute nicht mehr wie früher. Die erste Fluggesellschaft, die lernen musste, welche Macht verärgerte Passagiere inzwischen haben, war United Airlines. Im Juli 2009 lud der kanadische Musiker David Carroll einen Protestsong als gut gemachtes Country-Musikvideo auf You Tube hoch, das mit heute 12,8 Millionen Klicks zum Hit wurde: „United breaks Guitars“ im Netz.

Er hatte auf dem Weg zu einem Auftritt mit ansehen müssen, wie Gepäck-Mitarbeiter auf dem Vorfeld seine teure Gitarre unsanft durch die Luft warfen, wodurch das 3.500 Dollar teure Instrument nur noch Schrott war. „I should have flown with someone else or gone by car, because United breaks guitars“, der Refrain des Songs, wurde fast zum Schlachtruf. Die Airline verwendete das Video schließlich sogar zur Schulung der eigenen Mitarbeiter und spendete als Wiedergutmachung Geld an eine Musikeinrichtung.

Seitdem hat es kein Passagier mehr geschafft, mit einer solch kreativen Form des Protestes größere Aufmerksamkeit zu erringen, obwohl es dazu sicherlich weiter viele Anlässe gäbe. Doch plötzlich scheinen vor allem Flugbesatzungen das Netz als Ventil für ihren Frust entdeckt zu haben. Vor einem Jahr erregte American Airlines-Flugbegleiter Gailen Davids mit mehreren Videos die Gemüter seiner Bosse. In „Aluminum Lady“, eine Parodie auf den Thatcher-Film „Iron Lady“, tritt er als fiese Airline-Managerin auf und karikiert Sparpläne mit Playmobil-Flugzeugen. In einem weiteren Film liest er auf urkomische Weise ein authentisches Schreiben des American-Managements an die Besatzungen vor und macht es lächerlich – sozusagen Realsatire.

Weniger virtuos verstehen russische Flugbegleiterinnen soziale Netzwerke für ihre Zwecke zu nutzen. Nach dem Absturz des Sukhoi Superjets im vergangenen Mai twitterte eine Aeroflot-Mitarbeiterin: „Ist ein Superjet abgestürzt? Hahaha! Dieses Flugzeug ist beschissen, schade dass es nicht von Aeroflot war, dann wär’s eins weniger.“ Die Dame wurde verständlicherweise gefeuert, aber ein wenig seherische Gabe muss man ihr schon bescheinigen – erst jüngst wurden wieder einige Aeroflot-Superjets gegroundet.

„Denken hilft“ möchte man der Aeroflot-Kabinenmitarbeiterin Tatiana Kozlenko zurufen, die vorletzte Woche mit einer selten dämlichen Aktion in einem russischen Netzwerk auffiel: Sie postete ein Foto, auf dem jemand von hinten in der Kabine den Passagieren einen Stinkefinger zeigt. Auch sie wurde erst gekündigt, dann aber aufgrund heftiger Proteste im Netz wieder eingestellt – auf sechs Monate zur Bewährung. Schließlich beteuerte sie, dass es auf dem Bild weder ihr Finger noch eine Aeroflot-Maschine war. Bei Aeroflot müssen sowohl Management als auch Angestellte offenbar noch ziemliche Lücken in ihrer Medienkompetenz füllen.

Eine der bisher beeindruckendsten Darbietungen im Netz aus Luftfahrtkreisen kam dann schließlich vergangene Woche aus Indien: Der „Air India Rap“ eines 28-jährigen Boeing 787-Copiloten der indischen Staatsgesellschaft. Die hat den Schaden und braucht für den Spott nicht zu sorgen – eine chaotischere und kunden-unfreundlichere Gesellschaft als Air India gibt es weltweit unter den Großen kaum. Für das Grounding der 787 allerdings können die Inder natürlich auch nichts, es dürfte ihre Probleme noch vergrößern. Das fünfminütige Epos des Cockpit-Schönlings beginnt mit dem Anruf der Betriebszentrale, dass der geplante Flug wieder gestrichen ist. „Ich bin seit über fünf Monaten nicht bezahlt worden“, rappt der Copilot mit schräg aufgesetzter Mütze ins Mikro, im Uniformhemd und mit 787-Ausweis um den Hals. „Ich fliege mit Frauen in den Sechzigern, sie nennen sie Flugbegleiterinnen, wir nennen sie Tantchen“, knödelt er weiter, was ihm einen Sexismus-Vorwurf eintrug.

Eine Ode an den Dreamliner folgt: „Ich darf diese Schönheit fliegen als einer der wenigen Glücklichen, ich bin auf dem Dreamliner, das ist das beste Flugzeug das ich je geflogen habe.“ Na immerhin. Während sein Arbeitgeber noch über disziplinarische Maßnahmen nachdenkt, kommentiert ein Internet-Nutzer treffend: „So ein unreifer Bubi fliegt bei Air India einen Widebody-Jet? Das macht mir Angst.“ Ich für meinen Teil überlege mir schon mal, wie ich auf die nächste Frechheit reagiere, die mir beim Fliegen passieren könnte. Singen kann ich schließlich auch und einen Liedtext kriege ich noch zusammen. Also, liebe Airlines: Nehmt Euch in Acht.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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