Interview

"Wir wollen Rostock als Ostseeflughafen etablieren"

09.08.2018 - 08:22 0 Kommentare

Der Flughafen Rostock-Laage hat sich mit Kreuzfahrt-Gästen ein neues Geschäft erschlossen. Doch Airport-Chefin Dörthe Hausmann hat noch viel mehr vor: Mit Urlaubern und Business Travellern will sie den Verkehr verdoppeln, erklärt sie im airliners.de-Interview.

Rostocks Flughafen-Chefin Dörthe Hausmann im Gespräch mit airliners.de. - © © airliners.de -

Rostocks Flughafen-Chefin Dörthe Hausmann im Gespräch mit airliners.de. © airliners.de

Großraumflugzeuge sind an einem Regionalflughafen eher selten zu sehen, doch in Rostock-Laage landen sie seit 2016 regelmäßig, um im Sommer Zigtausende von Kreuzfahrern aus Südeuropa zu ihren Schiffen zu bringen. Airport-Chefin Dörthe Hausmann will aber auch mehr Urlauber an Mecklenburgs Küste und Seenplatte sowie Geschäftsreisende für Rostock-Laage gewinnen - mindestens 300.000 mehr in den kommenden Jahren. "Das ist intensive Akquise-Arbeit", erzählt sie. Und auch mit Rückschlägen wie dem plötzlichen Rückzug des Carriers VLM muss der Flughafen umgehen. Im Interview mit airliners.de spricht Hausmann über das Riesenpotenzial der Region, die Tücken der Billigflieger und die EU-Auflagen für kleine Airports.

Frau Hausmann, Rostock-Laage hatte 25 Prozent mehr Passagiere im ersten Halbjahr. Liegt das am boomenden Kreuzfahrt-Geschäft?
Dörthe Hausmann: Nein, nicht nur. Die Charter-Flüge für Reedereien machen zwar mittlerweile fast ein Drittel unseres Verkehrsaufkommens aus. Aber wir haben weitere Geschäftsfelder. Im ersten Halbjahr haben wir insbesondere bei den Geschäftsreiseflügen und dem touristischen Outbound-Verkehr zugelegt. Stuttgart ist jetzt täglich, München zweimal täglich angebunden. Im touristischen Bereich hat Germania 2018 einige Sommerdestinationen vier Wochen früher bedient, zudem ist die durchschnittliche Auslastung aller touristischen Flüge gestiegen.

Aber jetzt verlieren Sie nach nur drei Monaten wieder die Verbindung nach Köln. Was bedeutet das für den Flughafen?
Die Kurzfristigkeit dieser Entscheidung enttäuscht uns, zumal wir als Flughafen in den Entscheidungsprozess gar nicht eingebunden waren. Betroffen ist ja nicht nur Rostock-Laage, sondern auch andere Flughäfen, weil die VLM ihre Flotte reduziert. Die Verbindung Rostock-Köln wurde hier in der Region gut angenommen, und ich hoffe deshalb, dass wir jetzt eine andere Airline dafür gewinnen können, sie zu bedienen.

Bei den Linienverbindungen setzen sie bisher auf Regionalflieger - nicht gerade ein boomendes Segment.
Die Maschinengrößen, die wir brauchen, sind 50-Sitzer, also etwa Fokker 50 oder Embraer 145. In dem Bereich gibt es nur eine Handvoll Airlines europaweit, mit denen wir verhandeln können. Daher ist es nicht einfach, die täglichen Verbindungen aufzubauen, die wir brauchen. Wir wissen aber, dass sich beim Aufbau neuer Routen nur diese Kapazität für tägliche Frequenzen rechnet.

Die Interviewpartnerin

Dörthe Hausmann kennt die Luftfahrt- und Tourismusbranche aus mehreren Perspektiven. Die gelernte Reiseverkehrskauffrau war in verschiedenen Marketing- und Vertriebspositionen bei British Airways, Cathay Pacific und den Berliner Flughäfen tätig und war Geschäftsführerin der Usedom Tourismus GmbH. Seit Januar 2017 leitet sie den Flughafen Rostock-Laage - als eine von zwei Airport-Chefinnen in ganz Deutschland.

Rostocks Flughafen-Chefin Dörthe Hausmann im Gespräch mit airliners.de. Foto: © airliners.de

Der Flughafen

Rostock-Laage ging 1984 zunächst als Militärflugplatz in Betrieb. Der zivile Flugbetrieb begann 1993. Die Flughafen GmbH gehört zu 54,1 Prozent der Rostocker Versorgungs- und Verkehrsholding, zu 35,6 Prozent dem Landkreis Rostock und zu 10,3 Prozent der Stadt Laage. Das Land Mecklenburg-Vorpommern zahlt bislang einen Zuschuss von jährlich einer Million Euro. Neben der Luftwaffe der Bundeswehr ist auch die Pilotenakademie von Lufthansa Aviation Training in Rostock-Laage angesiedelt.

Wären nicht auch die Billigflieger eine Möglichkeit, neue Strecken und Passagiere zu gewinnen?
Als kleiner Flughafen muss man sich gut überlegen, mit welcher Strategie man wachsen kann. Natürlich wäre es schön, einen Low-Cost-Carrier mit einigen interessanten Strecken zu haben, und ich bin mir sicher, dass diese auch zu füllen wären. Aber das Problem ist: Das Preisgefüge eines Low-Cost-Carriers entzieht im Endeffekt jedem anderen Carrier, gerade wenn er mit kleinen Maschinen fliegt, die Basis wirtschaftlichen Handelns.

Aber die Eurowings hat jetzt von der LGW Turboprops mit 80 Sitzen. Könnte das für Rostock passen?
Ja, das wäre eine Option. Die Eurowings ist früher bereits Rostock-Stuttgart geflogen. Die Q-400 wäre zum einen für das touristische Incoming in den Sommermonaten ein gutes Angebot und perspektivisch auch für innerdeutsche oder europäische Strecken. Aber die Q-400 beibt bei Eurowings wohl perspektivisch nicht in der Flotte.

Wie entwickelt sich das Geschäft mit den Kreuzfahrern?
Das ist stabil. Wir werden auch in diesem Jahr damit 90.000 Fluggäste abfertigen. Das Kreuzfahrt-Charter-Geschäft hängt ja immer von der Kapazität der Schiffe ab, die Warnemünde anlaufen, darauf haben wir als Flughafen keinen Einfluss. Wir arbeiten aber mit drei Reedereien eng zusammen. Während wir für Costa Crociere 2018 mehr Passagiere abfertigen, ist Pullmantur ab Rostock mit kleineren Schiffen unterwegs. Bei MSC ist die Kapazität konstant.

Die Reedereien kommen mit großem Gerät wie Jumbojets und Dreamliner nach Rostock. Warum hat sich das Geschäft so stark entwickelt?
Wir bieten da ein besonderes Produkt an, das in Deutschland einmalig ist - es heißt "Seamless Travel". Dabei muss sich der Gast nicht um sein Gepäck kümmern. Er gibt es am Abflughafen auf und wir sorgen gemeinsam mit den Handling Agents am Hafen dafür, dass er es in seiner Kabine auf dem Schiff vorfindet. Für den Rückflug wird der Koffer bereits auf dem Schiff gelabelt und der Gast stellt ihn vor der Kabinentür ab, von dort wird er bis zum Zielort transportiert. Unsere Kollegen installieren vor der Kreuzfahrtsaison auch auf den Schiffen die Technik für die Ausgabe von Bordkarten und schulen die Crew. Alle notwendigen Prozesse, die mit Reederei, Zoll und Bundespolizei abgestimmt werden müssen, haben wir hier am Flughafen Rostock-Laage umgesetzt.

Und Sie haben auch umgebaut dafür.
Richtig, wir haben in diesem Jahr unseren Rollweg verbreitert, so dass wir die Großraumflugzeuge nun auch auf unserem Vorfeld abfertigen können. In den letzten Jahren geschah das auf dem Vorfeld der Bundeswehr, begleitet von viel aufwendigeren Prozessen: Die Maschine musste dort bewacht werden, die Passagiere mussten mit Bussen zum Terminal gebracht werden etc. Jetzt sind wir für die Abfertigung von Großraumflugzeugen besser aufgestellt. Im Mai haben wir auch die Sicherheitskontrollen erweitert, um den Durchsatz zu erhöhen. Immerhin haben wir in den Sommermonaten bis zu 54.000 Passagiere pro Monat. Für einen Regionalflughafen wie uns ist das viel.

Kreuzfahrt-Charter

Von Mai bis September landen in diesem Jahr laut Flugplan insgesamt 193 Vollcharter von Kreuzfahrtreedereien in Rostock-Laage. 119 sind von Costa Crociere beauftragt, 38 von MSC und 36 von Pullmantur. Abflughäfen sind Madrid, Rom, Mailand, Barcelona, Marseille, Catania, Venedig, Lissabon und Bilbao. Für Costa fliegt wöchentlich ab Madrid eine A330 der Iberia und ab Mailand eine B787 der Neos, für MSC fliegt ab Madrid alle zwei Wochen eine A330 der Iberia. Alle anderen Vollcharter werden mit Mittelstreckenflugzeugen durchgeführt. Auch die Verbindungen von Zürich und Linz nach Rostock werden zum Teil von den Reedereien gefüllt.

Eine Boeing 747 brachte 2016 Kreuzfahrttouristen zum Airport Rostock-Laage. Foto: © dpa, Bern Wüstneck

Für die nächsten Jahre haben Sie ehrgeizige Wachstumspläne …
Unsere strategische Planung sieht vor, dass wir unsere Fluggastzahlen von 2018 in den nächsten fünf Jahren verdoppeln müssen, um im operativen Bereich rentabel arbeiten zu können. Das bedeutet, auf 600.000 bis 700.000 Passagiere zu wachsen.

Und das müssen Sie, weil die EU staatliche Beihilfen künftig verbietet?
Richtig, im operativen Bereich wollen wir als Flughafen uns zukünftig selbst tragen und versuchen, die Unterstützung sukzessive zu reduzieren. Dafür haben wir ein Investitionsprogramm entwickelt und arbeiten in allen betrieblichen Bereichen an Verbesserungen.

Wieviel an Zuschüssen erhalten Sie bislang?
Wir durchlaufen derzeit ein EU-Notifizierungsverfahren, das wir 2017 selbst angestoßen haben. Dort notifizieren wir Betriebsbeihilfen. In den letzten Jahren waren es 2,8 Millionen Euro pro Jahr inklusive der Erstattung hoheitlicher Aufgaben. Dies wird sich bereits ab diesem Jahr ändern, da die EU-Kommission Betriebsbeihilfen auf Ebitda-Basis und nicht auf Cash-Flow-Basis berechnet. Dadurch wird kleinen Flughäfen die Finanzierung von Investitionen und Zinsen versagt, was uns stark in unserer Entwicklung behindert.

Bekommen Sie dadurch erheblich weniger?
Das kann ich noch nicht sagen, den Bescheid erhalten wir hoffentlich im August. Aber es wird Einschnitte geben.

Sie müssen also für mehr Verkehr sorgen. Wie realistisch sind 600.000 Fluggäste?
Wir haben im April 2017 eine Umfrage unter den Unternehmen in unserer Region durchgeführt, um eine solide Zahlenbasis zu haben. Mit einer Anzahl von 85.000 Flügen pro Jahr ist das Aufkommen vielversprechend. Bisher wurden nur 2,7 Prozent davon ab Rostock geflogen. Viele Reisende aus der Region fliegen bislang von Hamburg oder Berlin und nehmen damit mehr als zwei Stunden Fahrzeit pro Weg in Kauf. Im touristischen Bereich ist es ähnlich. Daher ist der Bedarf groß und gibt uns die Chance, stabil zu wachsen.

Passagierzahlen 2007-2017
Passagiere am Flughafen Rostock-Laage
2007 192744
2008 175411
2009 161812
2010 219489
2011 223516
2012 203990
2013 177464
2014 169945
2015 190869
2016 250200
2017 290654

Quelle: Flughafen Rostock-Laage

Abgesehen von der Köln-Verbindung - welche Ziele fehlen dem Flughafen noch?
Auf meiner Wunschliste ganz oben steht natürlich die Frankfurt-Anbindung. Das ist wegen der Slot-Situation gerade für kleinere Maschinen nicht ganz einfach. Und wir brauchen dafür eine Airline, die auch mit einem Lufthansa-Code fliegt, um entsprechende Umsteigeverbindungen zu ermöglichen - das ist die zweite Herausforderung. Die Maschinen der Lufthansa selbst sind zu groß - dort gibt es nur 100-Sitzer. Das ist zumindest für den Anfang nicht sinnvoll.

Wie viel Potenzial sehen Sie für das Geschäft mit Küstenurlaubern?
Da gibt es noch sehr viel Potenzial - beim touristischen Incoming möchte ich Rostock als den Ostseeflughafen etablieren. Bisher haben wir in der Sommersaison nur Incoming-Flüge aus Österreich und der Schweiz. Aber wir müssen den Ostsee-Urlaubern nahebringen, dass sie die Strecken aus Süddeutschland auch fliegen können, statt bis zu zwölf Stunden mit dem Auto zu fahren. Sie können die München-, Köln- und Stuttgart-Strecken schon jetzt nutzen. Zukünftig wollen wir von verschiedenen Flughäfen in Süddeutschland Strecken etablieren, die einmal wöchentlich geflogen werden und Reiseveranstaltern die Möglichkeit bieten, Ostsee-Flugreisen aufzulegen.

Welche Abflughäfen haben Sie im Blick?
Unser Ziel ist es, im nächsten Jahr zusätzliche Verbindungen zu etablieren, die von Mai bis September wöchentlich geflogen werden. Wir denken über Nürnberg und/oder Friedrichshafen nach. Nach Nürnberg gab es bereits Flüge von Rostock, als es das Air-Berlin-Drehkreuz noch gab. Ausschlaggebend ist aber die Kaufkraft in der Region. Friedrichshafen hätte den Vorteil, dass es an beiden Enden der Strecke ein interessantes touristisches Angebot gibt, so könnte man Outbound wie Inbound verkaufen. Natürlich wäre auch NRW interessant, mit einer zusätzlichen Strecke ab Düsseldorf.

Auf Usedom werden diese Flüge von der Tourismuswirtschaft finanziell unterstützt. Wie sieht es in Rostock aus?
Das gibt es in Rostock nicht, aber ich bin zuversichtlich, dass wir Airlines finden, wenn wir Reiseveranstalter als Partner gewinnen, die diese Ostseeflugreisen in ihr Programm aufnehmen.

Frau Hausmann, vielen Dank für das Gespräch.

Von: pra
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