Interview

"Wir verschaffen den Herstellern Luft zum Atmen"

23.07.2018 - 13:30 0 Kommentare

Der CCO von Luftfahrtdienstleister Vartan, Henk Fischer, spricht im Interview mit airliners.de über Farnborough 2018, den Unterschied zwischen Wartung sowie Serienfertigung neuer Flugzeugmodelle und warum in dem Bereich immer mehr Know-How gefordert ist.

Vartan-CCO Henk Fischer:

Vartan-CCO Henk Fischer: "Auf Ersatzteile zu warten, kann sich keiner mehr erlauben." © Vartan

Der große Wurf ist keinem der großen Zivilflugzeughersteller in diesem Jahr in Farnborough gelungen. Airbus neuestes Produktkind A220 wartet trotz pompöser Vorstellung auf die große Bestellung und Boeing lässt in der Marktmitte weiter eine offene Flanke für die 797. Aber das ist gar nicht schlimm, findet Vartan-CCO Henk Fischer. Der Bedarf ist da und Bestellungen werden kommen. Zudem arbeiten Airlines wie auch die Zulieferindustrie auf Hochtouren weiter daran, das Beste aus ihrer jetzigen Flotte herausholen, erklärt der Manager im Gespräch mit airliners.de.

airliners.de: Herr Fischer, ziehen wir einen Schlussstrich unter Farnborough 2018: Keine großen Überraschungen, Milliardenaufträge für Airbus sowie Boeing und trotzdem sind alle happy?
Henk Fischer: Erst einmal freut es uns natürlich, dass Airbus und Boeing grundsätzlich so viele Aufträge verbuchen konnten. Im Speziellen sind wir positiv erfreut, dass die ehemalige C-Series, also die jetzige A220, vom Kunden angenommen wurde. Dass das Produkt kurz nach dem Launch bereits verkauft wurde, zeigt einfach die Reputation, die Airbus genießt.

Inwiefern beobachten Sie die Konsolidierung der Industriegiganten, die ja mit den Deals mit Bombardier und Embraer noch einmal Fahrt aufgenommen hat?
Das Duopol von Airbus und Boeing ist für uns kaum von Bedeutung. Wir arbeiten als Dienstleister für Zulieferer auf den Flugzeugen aller Hersteller: Natürlich sind das die großen Beiden, Airbus und Boeing, aber das sind auch Embraer sowie Bombardier und inzwischen Comac. Genau da knüpft ja auch unser Business-Modell des On-Site-Support an: Die Vartan Aviation Group ist ein wichtiger Bestandteil auf der 'letzten Meile' im Prozess der Flugzeug-Endmontage. Wir stellen sicher, dass die Komponenten unsere Kunden bei den Flugzeugherstellern sauber und schnell eingebaut und im Notfall nachgearbeitet werden, damit es zu keiner Verzögerung in der Auslieferung des Flugzeugs kommt. Dabei ist das eigentliche Flugzeug selbst nicht so entscheidend für uns, sondern die Produkte unserer Kunden.

Zum Interviewpartner

Der Manager: Henk Fischer kam 2009 zur Vartan Product Support GmbH - dem Vorgänger der heutigen Vartan Aviation Group. Seit vergangenem Jahr ist er Chief Commercial Officer des weltweit agierenden Dienstleisters. Zuvor arbeitete er nach dem Studium zum Betriebswirt bei Airbus - unter anderem in Peking.

Das Unternehmen: Vartan ist als Dienstleister in drei Segmenten tätig - On-Site-Support, Maintenance und Centers of Excellence (Endfertigung von Komponenten). 1997 nahm das Unternehmen an seinem Stammsitz in Hamburg die Arbeit auf - inzwischen hat Vartan zwölf Standorte: unter anderem in Tolouse, Tianjin, Seattle, Abu Dhabi und Melbourne. Darüber hinaus ist das Unternehmen auch bei AOGs jederzeit überall verfügbar.

Zahl der Mitarbeiter weltweit
Mitarbeiter
2006 24
2007 24
2008 37
2009 37
2010 57
2011 57
2012 111
2013 138
2014 218
2015 309
2016 394
2017 411

Quelle: Vartan

Das heißt, Sie sind gar nicht von einem einzigen Hersteller abhängig und können die Fokussierung der Branche auf Airbus und Boeing ganz entspannt beobachten?
Genau, wir haben direkt keine vertraglichen Verbindungen zu Airbus oder Boeing. Unsere Vertragspartner sind die Kabinenhersteller, und die liefern ihre Produkte an ganz viele Flugzeughersteller. Zudem unterstützen wir teilweise unsere Hersteller schon in deren Fertigungen oder nutzen unsere weltweite Werkstätten-Infrastruktur an den Standorten der Flugzeughersteller und endmontieren als verlängerte Werkbank deren Bauteile. Das hat den Vorteil, dass wir den Herstellern in deren Fertigungskapazität Luft zum Atmen verschaffen und unsere Mitarbeiter schon vorab auf die Produkte qualifizieren, die später im On-Site-Support sowieso von uns betreut und eingebaut werden.

Apropos Fertigungskapazitäten, eine Grundsatzfrage: Inwiefern braucht es eigentlich immer neue Flugzeuge?
Dadurch, dass der Bedarf im Markt aktuell höher ist, als das, was Airbus und Boeing ausliefern können - Stichwort Ramp-Up -, ist natürlich auch Kabinenwartung ein wichtiges Thema für die Airlines und die MROs, aber auch für die Kabinenhersteller. Hier unterstützen wir unsere Kunden - also die First-Tiers -, aber auch die Airlines direkt, und betreuen deren Produkte. Das können stetige Kabinenbegehungen sein, kleinere Nacharbeiten direkt am Flieger oder auch größere Events, bei denen ganze Bauteile von Kabinen während der Wartung ausgebaut werden müssen. Insofern sind neue Flugzeuge auch weiterhin unverzichtbar für das Wachstum der Branche. Die Bedeutung der Wartung von Kabinen beziehungsweise ganzen Flugzeugen ist aber ebenso groß.

Jetzt haben wir zwei Bereiche: Serienfertigung und Wartung. Wo liegen die Unterschiede?
Beide Bereiche kann man nur schwer miteinander vergleichen, weil die Anforderungen ganz verschiedene sind. In der Serienfertigung hat man wesentlich schneller getaktete Produktionsabfolgen - da legt die kleinste Störung einen ganzen Prozess lahm. Zudem legen Airline-Kunden in dem Bereich ein viel höheres Augenmerk auf kosmetische Themen. Das ist vergleichbar mit Autos: Wenn Sie einen Neuwagen kaufen, gucken Sie ja auch ganz anders darauf, als wenn Sie einen Wagen nur in die Werkstatt bringen. Insofern sind wir hier gefordert, schnelle und effektive Lösungen zu finden, damit die Serientaktung nicht stockt und müssen mit ganz anderen Ressourcen unterstützen, um die Abläufe nicht zu gefährden.

Und in der Wartung?
Da liegt das Augenmerk eher auf Form, Fit und Function der Komponenten. Um beim Autobild von eben zu bleiben: Wenn der Wagen schon drei Jahre fährt, guckt man nach dem Werkstattbesuch nicht auf den letzten kleinen Kratzer. Da wird viel mehr auf praktische Dinge und Funktionalität geachtet. Allerdings sehen wir mit jedem Flugzeugmodell, das in den vergangenen zehn Jahren auf den Markt gekommen ist - A380, Boeing 787, A350 -, dass die Einrichtung immer hochwertiger wird, dass die Kabine mit immer sensibleren Oberflächen und Materialien ausgestattet ist und dementsprechend dieses Know-How auch in die Wartung übergehen muss. Da sehen wir auch für uns die Möglichkeit, wie wir die Erfahrungen aus der Serienfertigung mit in die Wartung übernehmen können.

Nämlich …
Viele Airlines verändern die Wartungsintervalle immer mehr. Diese großen Checks, bei denen die Maschine vier bis sechs Wochen aus dem Verkehr gezogen wird, teilen sie auf in die kleineren A-Checks. Dadurch sind die Flugzeuge mehr im operativen Betrieb. Gleichzeitig wird die Lebenszeit von vielen Komponenten maximal ausgereizt. Dementsprechend muss man aber auch schnelle Lösungen bringen, und da sind Parallelen zur Serienfertigung: In einer relativ kurzen Zeit muss man Lösungen bieten, wie man Dinge flexibel überholen kann, statt sie aufwändig auszutauschen. Dieses Know-How hat nicht jeder.

Aber Sie schon?
Ja, und wir arbeiten stetig dran. Klar ist es einfacher, ein neues Teil einzubauen. Wenn etwas kaputt geht und bei einer Airline das Know-How nicht da ist, die Komponente zu reparieren, muss ein neues Teil her. Wenn aber das Wissen über verschiedene Vorgänge vorhanden ist, wird repariert. Denn: Auf Ersatzteile warten, kann sich keiner mehr erlauben. Und hier spielt wieder der Aspekt rein, den ich vorhin ansprach: Die immer sensibleren Komponenten der neuesten Maschinen erfordern zudem immer mehr Detailwissen. Das muss man sich aneignen, sonst wird es teuer - und das nicht nur bei der Wartung.

Herr Fischer, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs
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