Die Born-Ansage (115)

"Wiiil-maaa" im Sommerloch!

18.07.2019 - 10:23 0 Kommentare

Neue Boarding-Verfahren sind manchmal gar nicht so neu und ihre Wirksamkeit entscheidet sich leider in der Praxis und nicht in der Theorie. Auch Wilma wird wohl die Realität ereilen, meint unser Kolumnist Karl Born.

   - © © Lufthansa Group, Privat - Montage airliners.de

© Lufthansa Group, Privat /Montage airliners.de

Offensichtlich gibt es auch bei der Lufthansa-Kommunikation so etwas wie ein Sommerloch, wo es einfach an aufregenden Themen fehlt. Im Fernsehen überbrückt man diese Tage mit uralten Filmen, schon x-mal gesendet. So ein Dauerbrenner über Jahre hinweg ist bei Lufthansa das Thema Boarding-Verfahren.

Mit steter Regelmäßigkeit wird ein neues Verfahren erprobt und als der Weisheit letzter Schluss angekündigt. Erst, wenn wieder ein neues Verfahren angekündigt wird, kann man daraus schließen, dass das vorherige nichts gebracht hat. Da die theoretische Anzahl denkbarer Varianten begrenzt ist, wird irgendwann mal wieder ein altes Verfahren neu ausgegraben und mit noch schöneren Worten angepriesen. Ein attraktiver neuer Namen kann dabei hilfreich sein.

Zeit sparen mit Wilma?

Aktuelles Beispiel, das neue "Wilma-Boarding" wird als die beste zeitsparende Methode gepriesen. Die Boardingtechnik "Wilma", (Window, Middle, Aisle) bezeichnet die Reihenfolge, in der die Passagiere das Flugzeug betreten sollen. Wer nun denkt, diese Reihenfolge hatten wir doch schon mal, liegt nicht so falsch. Ich frage mich eher, wo kommt dieses "l" im Namen her. Hat vielleicht nichts mit der Sache zu tun, man brauchte es, um einen Namen zu haben. Etwas altes als neu zu kreieren klappt nur, wenn wenigstens der Name neu ist.

© Lufthansa, Lesen Sie auch: Lufthansa testet neues Boarding-Prozedere

Aber sorry, bei "Wilma" denke ich sofort an die ordnungsliebende Ehefrau in "Familie Feuerstein", eine auch nicht mehr neue Zeichentrick-Comedyserie, aber im Sommerloch mit der Qualität zur Wiederholung. Und bei "Wilma" denke ich natürlich auch sofort an den markerschütternden Schrei "Wiiil-maaa", wenn Fred Feuerstein mal wieder ein Problem hatte, das dringend einer Lösung bedurfte. Und so wird jetzt beim "Pilotprojekt Wilma" mancher LH-Mitarbeiter am Gate oder im Flugzeug, "Wilma" als "Wiiil-maaa" stöhnen.

Denn der erfahrene Passagier, der schon alle Einstiegsvarianten er- und überlebt hat, weiß, dass das gewählte theoretische Verfahren in der Praxis nicht das entscheidende ist. Es sind zwei Probleme, die jedes System zum Kippen bringen.

1. Gewollte und ungewollte Ausnahmen

Die gewollten Ausnahmen sind z.B. Gruppen. Macht überhaupt keinen Sinn, Gruppen zusammen einsteigen zu lassen, wie auch bei "Wilma-Neu" akzeptiert. Das blockt ohne Not das System, denn "Zusammensitzen" ist von der Bordkarte abhängig und nicht vom gemeinsamen Einsteigen. Außerdem sind per se miteinander quatschende Passagiere langsamer als einzelne.

Die ungewollten Ausnahmen. Leider gibt es genügend Passagiere, denen jedes System vollkommen schnuppe ist, sie steigen ein, wann immer sie gerade wollen, unabhängig ob vom Fenster zur Mitte oder von hinten nach vorne gerade sortiert wird. Gate-Mitarbeiter wehren sich selten dagegen. Klar, warum auch, gibt nur Ärger. Selbst bei automatisiertem Check-in, wenn ihnen der Zugang verweigert wird, werden sich solche Gäste beschweren. Und jede längere Diskussion über Ausnahmen zerstört den "errechneten" Zeitvorteil.

Aber viel schlimmer ist die zweite Gruppe.

2. Zu viel Handgepäck

Es ist einfach unglaublich, was da alles unter der Überschrift Handgepäck an Bord geschleppt wird. Sobald das erste Stauproblem auftritt, kann man die Optimierung vergessen. "Wilma" kann nur funktionieren, wenn hier 100%-Einhalt geboten wird. Arme Lufthansa-Mitarbeiter, die das durchsetzen sollen. Beschimpfungen vor Ort gibt es gratis plus Androhung, wer jetzt alles mit der Beschwerde angeschrieben werden wird. Und immer, wenn wie diese Woche in Düsseldorf eine Gepäckanlage fast komplett ausfällt, wird das wieder als Grund zitiert, die "selbst genehmigte Handgepäckgrenze" noch weiter zu erhöhen.

Kurzum, beim Kampf um Minuten durch schnelleres Einsteigen schlägt Praxis die Theorie. Und nicht zu vergessen, jeder zu spät kommende Fluggast macht den ganzen eventuellen Zeitgewinn zunichte. Auch hier muss man konsequent sein, egal ob der "Normalo-Gast" beim Bier an der Bar den letzten Aufruf verpasst oder ein angeblich wichtiger oder sich zumindest für wichtig haltender Rapper-Zeitgenosse glaubt, dass der letzte Aufruf nur für das Volk, aber nicht für ihn gelte. Zwei Minuten zu spät ist genauso zu spät, wie noch länger zu spät. Auch hier gilt es, konsequent zu sein. Da setze ich gerne einen Pluspunkt hinter das Handeln von Eurowings.

Und wenn der "verhinderte" Fluggast dann noch großkotzig bei Instagram postet, "fliege ich jetzt im Privatjet oder kaufe ich Eurowings?", ist das keine Frage, die über den berühmtem Sack Reis in China hinausgeht. Spätestens jetzt möchte man mit Fred Feuerstein fröhlich "Yabba-Dabba-Doo" rufen.

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Montage: airliners.de Der Kranich und seine verlorene Tochter

    Die Born-Ansage (110) Lufthansa will Condor nach 20 Jahren von Thomas Cook zurück. Die kleine Airline ist dem Willen der großen Player ausgeliefert. Fast wie Hänsel und Gretel im Märchen der Gebrüder Grimm, findet unser Kolumnist Karl Born.

    Vom 09.05.2019
  • Karl Born: Hart in der Sache, aber immer mit einem Augenzwinkern. Die Luftfahrtbranche in der Vertrauenskrise

    Die Born-Ansage (114) Vertrauen ist ein kostbares Gut, schnell verspielt und schwer zurückzugewinnen. Mehr Ehrlichkeit und Offenheit, dafür weniger Marketing wäre ein sinnvoller Ansatz für eine bessere Reputation der Branche, findet unser Kolumnist Karl Born.

    Vom 04.07.2019

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus