Wie sich der Luftverkehr gerade zur Streikbranche entwickelt

22.04.2013 - 06:44 0 Kommentare

Der Luftverkehr in Deutschland steht vor Zerreißproben. Starke Spartengewerkschaften prallen auf Spar- und Umbauprogramme. Gleichzeitig entdecken andere die Schlüsselbranche Luftverkehr als Streikgebiet.

Ein streikender Flugbegleiter hat am Flughafen Frankfurt am Eingang zur Lufthansa-Basis ein Schild mit der Aufschrift "Außer Betrieb" umgehängt.

Ein streikender Flugbegleiter hat am Flughafen Frankfurt am Eingang zur Lufthansa-Basis ein Schild mit der Aufschrift "Außer Betrieb" umgehängt.
© dpa - Frank Rumpenhorst

Streikende gehen im Flughafen Düsseldorf an wartenden Passagieren vorbei.

Streikende gehen im Flughafen Düsseldorf an wartenden Passagieren vorbei.
© dpa - Caroline Seidel

Flugbegleiter stehen am Flughafen Frankfurt als Streikposten vor der Einfahrt zur Lufthansa-Basis.

Flugbegleiter stehen am Flughafen Frankfurt als Streikposten vor der Einfahrt zur Lufthansa-Basis.
© dpa - Frank Rumpenhorst

Streikendes Sicherheitspersonal am Flughafen Düsseldorf

Streikendes Sicherheitspersonal am Flughafen Düsseldorf
© dpa - Daniel Naupold

Lufthansa-Pilot vor einem Seitenleitwerk

Lufthansa-Pilot vor einem Seitenleitwerk
© dpa - B. Roessler

Streikende gehen am Flughafen-Terminal in Düsseldorf vorbei.

Streikende gehen am Flughafen-Terminal in Düsseldorf vorbei.
© dpa - Caroline Seidel

Verdi-Fahne vor einem Abflug-Schild

Verdi-Fahne vor einem Abflug-Schild
© dpa - Federico Gambarini

Mitarbeiter des Flughafen-Sicherheitsdienstes demonstrieren am 14.02.2013 vor einem Hotel in Hamburg, in dem die Hamburg-Aviation-Conference stattfindet.

Mitarbeiter des Flughafen-Sicherheitsdienstes demonstrieren am 14.02.2013 vor einem Hotel in Hamburg, in dem die Hamburg-Aviation-Conference stattfindet.
© dpa - Christian Charisius

Flugbegleiter der Lufthansa stehen während eines Warnstreiks im Januar 2009 vor einem Eingang für Lufthansa-Bedienstete.

Flugbegleiter der Lufthansa stehen während eines Warnstreiks im Januar 2009 vor einem Eingang für Lufthansa-Bedienstete.
© dpa - Frank Rumpenhorst

Der Luftverkehr in Deutschland hat es nicht leicht. Neben einer sich gerade komplett umkrempelnden Branchenstruktur, steigender Ölpreise, der Luftverkehrssteuer, dem Verwirrspiel um die Einführung des europäischen Emissionshandels und den Sackgassen-Verhandlungen um den Single European Sky etwickelt sich die Branche langsam aber sicher zum beliebten Streikterritorium verschiedenster Interessenvertreter.

So nutzte gerade erst das Sicherheitsgewerbe in gleich zwei Bundesländern die Schlüsselstellung der Luftfahrt für ihre Tarifziele - zum Leidwesen der Luftfahrt und der Passagiere. Aber auch intern folgte in letzter Zeit in kurzen Interwallen ein Ausstand auf den nächsten: Auf die Fluglotsen und die Lufthansa-Flugbegleiter sowie aktuell dem Bodenpersonal werden bald schon die Lufthansa-Piloten folgen, um mit Macht die besondere Stellung ihrer Berufsgruppe im Luftverkehr zu demonstrieren. (s.a. Chronik ganz unten)

Zumindest letztere drei Arbeitskämpfe waren abzusehen, denn die Lufthansa steckt mit «Score» in einem der größten Spar- und Umbauprogramme ihrer Geschichte. Ziel ist es, den Gewinn deutlich zu steigern und sich damit gegen die scharfe internationale Konkurrenz besser aufzustellen.

Die Notwendigkeit wird von vielen Mitarbeitern angesichts der aktuellen Milliardengewinne in Zweifel gestellt. Dennoch, Lufthansa gibt sich unnachgiebig. Man dürfe nicht wegen "kurzfristiger Harmonie das langfristige Wachstum aufs Spiel setzen", sagte Finanzchefin Simone Menne Ende März. "Wir sind bereit für neue Streiks,[...] wenn wir dadurch unsere langfristigen Ziele erreichen".

Beim heutigen Warnstreik der Gewerkschaft Verdi geht es nun um die Tarife für rund 33.000 Lufthanseaten am Boden, vor allem aus Technik- und Serviceeinheiten. Der Konzern erwartet in der Folge des ganztägigen Warnstreiks tausende gestrichene Flüge. Ist das überzogen? Lufthansa-Vorstandsmitglied Stefan Lauer sieht es so: Die Grenzen eines Warnstreiks seien deutlich überschritten. Die Ankündigung sei wie ein Vollstreik zu bewerten.

Lauer machte die "heftige Konkurrenz" der Gewerkschaften untereinander dafür verantwortlich. Zuständig für Lufthansa-Beschäftigte sind neben Verdi (Bodenmitarbeiter und einige Flugbegleiter) auch die Spartengewerkschaften Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) und die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Im vergangenen Jahr hatten die Flugbegleiter der UFO gestreikt und dem Konzern den bislang größten Streikhieb verpasst - mit Erfolg und mit Signalwirkung für die "anderen".

Derzeit verhandeln neben dem Bodenpersonal auch die Piloten über ein neues Tarifwerk. Diese Auseinandersetzungen werden für die Lufthansa sicherlich nicht einfacher als derzeit bei den Mitarbeitern am Boden und zuvor bereits in der Kabine. Auch bei der Lufthansa-Tochter Germanwings, die weite Teile des Europageschäfts übernehmen soll, stehen übrigens Verhandlungen für die Piloten und die Kabinenmitarbeiter an.

In einem so vernetzten System wie dem Luftverkehr haben Streiks immer eine verheerende Wirkung. Selbst Ausstände von wenigen Stunden können weltweit noch tagelang zu Problemen führen. Zudem sind immer alle Beteiligten direkt betroffen, egal ob es nun ein Flughafen ist oder die Airline, die bestreikt wird. Arbeitskämpfe bei Sicherheitsdienstleistern oder bei der Flugsicherung kann kein Flughafen und keine Fluggesellschaft beeinflussen.

Ausstände von indirekt angestellten Personenkontrolleuren in Hamburg, Vorfeldlotsen in Frankfurt oder auch Fluglotsen in Langen bewirken vieles und zwar weit über die Streikregion hinaus. Alle Branchenteilnehmer werden so regelmäßig stark in Mitleidenschaft gezogen. Das gilt gleichermaßen für die Passagiere - und sicherlich fragt sich der ein oder andere Velflieger irgendwo in der Welt auch heute wieder, ob er nicht nächstes Mal lieber in einem anderen Land umsteigen sollte.

Bedeutende Ausstände im Luftverkehr seit 2012

In der Tat beeinträchtigen Tarifkonflikte den Flugverkehr in Deutschland zuletzt vermehrt:

  • Februar 2012 2012: Am Frankfurter Flughafen fallen während eines neuntägigen Arbeitskampfes mehr als 1700 Flüge aus. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) schließt am 21. März für Verkehrsdisponenten, Vorfeldlotsen und Flugzeug-Einweiser einen neuen Tarifvertrag ab.
  • 27. März 2012: Wegen Warnstreiks an den Flughäfen in Frankfurt/Main, Köln/Bonn, Düsseldorf, München, Stuttgart, Bremen und Hannover fallen Hunderte Flüge aus. Über Stunden sorgen die von der Gewerkschaft Verdi vertretenen Mitarbeiter von Feuerwehr, Gepäckabfertigung und Bodenverkehrsdiensten dafür, dass nicht mehr viel geht.
  • 7. September 2012: Die Gewerkschaft Ufo verursacht den bislang größten Ausfall an einem einzigen Streiktag in der Geschichte der Lufthansa . Rund 1000 Flüge werden gestrichen, mehr als 100 000 Passagiere sind betroffen. Es ist der erste bundesweite Streik der rund 18 000 Lufthansa-Flugbegleiter. Bei zwei Streikwellen in den Tagen zuvor waren insgesamt bereits rund 500 Flüge ausgefallen.
  • 10. Dezember 2012: Warnstreiks des privaten Sicherheitspersonals führen an mehreren deutschen Flughäfen zu Verspätungen. Verdi hatte zu den Aktionen aufgerufen. Hintergrund sind stockende Verhandlungen über einen Manteltarifvertrag.
  • Januar/Februar 2013: Streiks des Sicherheitspersonals legen mehrere deutsche Flughäfen mehrfach weitgehend lahm. In Hamburg, Düsseldorf und Köln/Bonn kommt es zu massiven Behinderungen.
  • März 2013: Im festgefahrenen Tarifstreit des privaten Sicherheitsgewerbes in Nordrhein-Westfalen treten die Fluggastkontrolleure in Düsseldorf und Köln/Bonn an mehreren Tagen erneut in den Ausstand.
  • 21. März 2013: Nach ergebnislosem Auftakt der Tarifverhandlungen um Entgelte und Arbeitsbedingungen von rund 33 000 Technikern und Serviceleuten bei der Lufthansa im Februar waren die Gespräche auf den 22. März vertagt worden. Kurz zuvor legen Beschäftigte der Lufthansa an mehreren Flughäfen nach einem Warnstreik-Aufruf von Verdi die Arbeit nieder. Große Teile des Flugverkehrs werden lahmgelegt. Die bestreikte Lufthansa streicht 700 Flüge.
Von: dpa, AFP, airliners.de
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