Reaktionen zur Air-Berlin-Insolvenz: "Wie eine heiße Kartoffel"

15.08.2017 - 16:41 0 Kommentare

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit reagiert geschockt auf die Air-Berlin-Insolvenz und prangert Management-Fehler an. Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Ryanair äußern sich.

Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. - © © dpa - Ralf Hirschberger

Air Berlin schreibt seit Jahren rote Zahlen. © dpa /Ralf Hirschberger

Air Berlin ist insolvent. Die deutsche Fluggesellschaft hat jetzt einen entsprechenden Antrag gestellt. airliners.de sammelt die Reaktionen:

Die Vereinigung Cockpit (VC) bezeichnete die Insolvenz von Air Berlin als "Schock", kritisierte die Airline aber auch. Die Pilotenvertretung sieht die Hauptursachen in "falschen strategischen Weichenstellungen und Managemententscheidungen, die bereits viele Jahre zurückliegen". "Da kann man schon mal die Frage stellen, wer davon profitiert hat, wenn zum Beispiel Leasinggeber an überteuerten Verträgen mit Air Berlin viel Geld verdienen, während das Unternehmen riesige Verluste angehäuft hat", sagte VC-Präsident Ilja Schulz.

© AirTeamImages.com, Lesen Sie auch: Air Berlin ist insolvent

Auch Etihad als Großinvestor habe "seit Jahren Fehlentscheidungen getroffen, die nun darin gipfeln, keinen geregelten Übergang auf neue Investoren mehr zuzulassen. Etihad lässt Air Berlin damit fallen wie eine heiße Kartoffel, obwohl neue Investoren Interesse signalisiert haben", schreibt die Gewerkschaft.

Es ist ein Skandal, dass sich Etihad nun jeder Verantwortung entzieht und die Air Berlin-Mitarbeiter im Regen stehen lässt.

VC-Präsident Ilja Schulz

Das Ziel das aller Beteiligten müsse nun sein, den Flugbetrieb wieder in geordnete Bahnen zu bringen. So könnte man die deutschen Arbeitsplätze erhalten.

Verdi fordert "tragfähige Konzepte"

Auch die Gewerkschaft Verdi äußerte sich zur neuesten Entwicklung bei Air Berlin. "Das ist ein harter Schlag für die Beschäftigten von Air Berlin", sagte Christine Behle, Bundesvorstandsmitglied der Verdi.

"Wir haben große Sorge um die Arbeitsplätze der Beschäftigten", so Behle weiter. "Wir erwarten von Air Berlin, dass vorrangig die Interessen der Beschäftigten berücksichtigt werden und das Unternehmen mit Hochdruck daran arbeitet, tragfähige und gute Konzepte zu entwickeln, um möglichst viele Arbeitsplätze zu retten."

Ähnlich äußerte sich auch die Industriegewerkschaft Luftverkehr (IGL), was sie Sicherung der Arbeitsplätze angeht. Der IGL-Vorsitzende Nicoley Baublies forderte aber auch: "Den Mitarbeitern muss eine klare Zukunftsperspektive aufgezeigt werden, das Schweigen oder die simplen Durchhalteparolen der Geschäftsführung müssen jetzt der Vergangenheit angehören."

Air Berlin als "wichtiger Pfeiler" und "wichtiger Partner"

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) sowie der Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF) begrüßten den Kredit der Bundesregierung. Gleichzeitig bedauerte der BDL, "dass der Anteilseigner Etihad seine Zusage, die Zahlungsfähigkeit von Air Berlin bis Herbst 2018 zu garantieren, nicht länger aufrechthält".

Laut BDL ist "Air Berlin für den deutschen Luftverkehr ein wichtiger Pfeiler". "Die Marke Air Berlin steht nicht nur für gute Verbindungen nach Europa und in die ganze Welt, sondern repräsentiert auch unsere Hauptstadt", hieß es.

Aus der Hauptstadt kamen ebenfalls Reaktionen. Der Berliner Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup bezeichnete Air Berlin als "wichtigen Partner" für den Flughafenstandort. "Wir haben ein großes Interesse daran, dass der Flugbetrieb so stabil wie möglich fortgesetzt und zügig eine langfristige Lösung erreicht wird", so der Manager. Laut Angaben der Berliner Flughäfen betrug der Marktanteil von Air Berlin inklusive Niki von Januar bis Juli 2017 mehr als 28 Prozent.

Ryanair spricht von "arrangiertem" Insolvenzantrag

Der irische Billigflieger Ryanair kritiserte die Rettungsmaßnahmen für die insolvente Fluggesellschaft Air Berlin scharf. Der Insolvenzantrag sei "ganz eindeutig" mit dem Ziel arrangiert worden, dass Lufthansa Air Berlin übernehmen könne, erklärte Ryanair-Sprecher Robin Kiely.

Dies werde gegen alle deutschen und EU-Wettbewerbsregeln verstoßen, zumal die deutsche Regierung den von Lufthansa initiierten Deal mit staatlichen Beihilfen in Höhe von 150 Millionen Euro unterstütze. Die Zeche zahle der Verbraucher: "Deutsche Reisende sowie Deutschland-Besucher werden höhere Ticketpreise erdulden und für dieses Lufthansa-Monopol bezahlen müssen."

Kanzlerkandidat und FDP-Chef äußern sich ebenfalls

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz forderte, auch die Interessen der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Die Sozialdemokraten würden die Verhandlungen über die Zukunft der Fluggesellschaft "sehr intensiv und aufmerksam begleiten, vor allem im Interesse der Belegschaft". "In diesem Insolvenzverfahren wird es jetzt darauf ankommen, dass rational und ruhig gehandelt wird", so Schulz.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz Foto: © dpa, Wolfgang Kumm

FDP-Chef Christian Lindner warnte vor einer dauerhaften Finanzierung von Air Berlin durch Steuerzahler. "Die Insolvenz von Air Berlin war nach Jahren der ständigen Strategiewechsel und hoher Verluste absehbar", erklärte er. Die Bundesregierung wäre gefordert gewesen, früher auf einen geordneten Prozess der Übernahme gesunder Unternehmensteile zu drängen. "Dann wären Staatshilfen möglicherweise vermeidbar gewesen."

Berliner Senat: "Urlauber müssen sich keine Sorgen machen"

Der Berliner Senat reagierte "mit Bedauern" auf den Insolvenzantrag der Fluggesellschaft Air Berlin. "Der Senat ist sehr interessiert daran, dass die Arbeitsplätze so weit wie möglich erhalten bleiben", sagte Vize-Senatssprecher Julian Mieth.

Er verwies in dem Zusammenhang auf Gespräche zwischen der Fluglinie und der Lufthansa zur Übernahme von Teilbereichen des Unternehmens. Positiv sei, dass der Flugbetrieb dank eines Übergangskredits des Bundes vorerst weitergehen könne. "Menschen, die im Urlaub sind und mit Air Berlin zurückfliegen wollen, müssen sich also keine Sorgen machen, dass sie nicht mehr nach Hause kommen."

Von: ch, mit Material von AFP, dpa
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