Wie ein Kamel durchs Nadelöhr

18.08.2016 - 15:40 0 Kommentare

Thilo Heffen überwacht am Flughafen Frankfurt die Beladung von Frachtflugzeugen. Ein Bericht über die Luftfracht-Abläufe und wie eine große VIP-Palette durch die kleine Cargotür gezirkelt wird.

Thilo Heffen von AirBridgeCargo Airlines vor der VIP-Palette eines Frachtflugs nach Chicago. - © © Ines Schaub -

Thilo Heffen von AirBridgeCargo Airlines vor der VIP-Palette eines Frachtflugs nach Chicago. © Ines Schaub

Als Operations & Ground Handling Manager leitet Thilo Heffen in der Frankfurter Niederlassung der Frachtfluggesellschaft AirBridgeCargo Airlines (ABC) den operativen Bereich. Neben seinen administrativen Aufgaben, steht er einem Team von 15 Loadmastern vor. Bis vor ein paar Jahren war er einer von ihnen, und manchmal übernimmt er deren Aufgaben wieder selbst. So wie heute, wenn in ungefähr fünf Stunden eine Boeing 747-8F mit ihrer Fracht nach Chicago abheben soll.

Geht nicht gibt’s nicht

Um sich einen Überblick über die Anzahl und Art der zu verladenden Paletten zu verschaffen, geht Heffen ins Warenlager. Dorthin wird sämtliche Fracht angeliefert, gelagert und vom Bodenabfertigungsdienstleister Frankfurt Cargo Services (FCS) mithilfe von Folien, Netzen und Verzurrgurten zu Paletten verbaut. Manche Kunden liefern ihre Paletten bereits fertig als sogenannte "Build-up Pallets". Diese brauchen dann nur noch geröntgt und auf Sprengstoff sowie anhand der Vorschriften zum Transport gefährlicher Güter im Luftverkehr (Dangerous Goods Regulations) untersucht zu werden.

"Neben Gewicht und Höhe gilt es bei den Paletten außerdem die Kontur zu beachten", erklärt Heffen. Kontur bedeutet, dass die Krümmung der Flugzeuginnenwand berücksichtigt werden muss. "Wir sagen unseren Kunden nie, dass etwas nicht geht", fährt er fort, "sondern wir machen Vorschläge, wie sie es anders machen können, damit es passt."

Im Hof steht bereits die VIP-Palette des Fluges

Anschließend geht der Manager in den Hof des Warenlagers. Dort steht bereits an ein Zugfahrzeug gekoppelt die VIP-Palette dieses Fluges. Doch das, was an empfindlichen Stellen gepolstert und vollständig in schwarze Plastikfolie eingewickelt ist, ist heute zur Abwechslung mal nicht etwa ein sogenannter "Erlkönig", also der streng geheime Prototyp eines Autos, sondern ein Hubschrauber.

Die Zeit drängt und Heffen fährt zurück ins Büro. Drei Stunden vor Abflug muss er zahlreiche Dokumente erhalten beziehungsweise erstellt haben. Von FCS kommt das "Final Onload Sheet". Dieses enthält sämtliche Paletten mit Nummern, deren Gewichte, Specials wie Angaben zu Tieren und die "Notification To Captain" (NOTOC). Das NOTOC, eine Information über die Art der Gefahrgüter an Bord und an welcher Position sie verladen sind, kann bei einem Frachtflug schnell mal ein 26-seitiges Dossier werden. Anhand dieser Unterlagen veranlasst Thilo Heffen, dass in Russland, wo ABC beheimatet ist, der Flugplan erstellt wird.

Mit den fertigen Dokumenten fährt er aufs Vorfeld zur Parkposition des Frachters. Anhand des Ladeplans beginnt zwei Stunden vor Abflug eine Ladecrew, das Lower Deck vorne zu beladen, danach eine zweite das Main Deck. Die entscheidende Rolle an dessen großer, seitlicher Cargotür spielt ein Mann, den sie alle "Lippi" nennen. Er ist der sogenannte Rührwerker. Seinen knappen, klaren Anweisungen folgen sämtliche Männer widerspruchslos. Mit motorischem Feingefühl und ausgezeichnetem Augenmaß steuert er mittels eines Joysticks die Paletten auf den Schienen und Kugeln des sogenannten Cargo Loading Systems im Flugzeug, erst durch die Tür und innerhalb des Frachters weiter auf die vorgesehenen Positionen.

© AirTeamImages.com/airliners.de, JHribar/Montage: airliners.de Lesen Sie auch: Basiswissen Airline Operations (7): Beladung eines Flugzeugs

Wie ein Kamel durchs Nadelöhr

Bis schließlich die VIP-Palette mit dem Hubschrauber durch die Cargotür gezirkelt ist und auf ihrer Position verlockt werden kann, vergehen mindestens 20 Minuten. Alle im Team sind hochkonzentriert, schauen mit, drücken, drehen, schieben, rufen Warnungen, damit der Hubschrauber ja nirgends anstößt und weder das kleine, noch das große Fluggerät beschädigt werden.

Auch Heffen packt mit an: "Für uns Loadmaster ist es selbstverständlich, dass wir mithelfen, wo wir können." Zwar benötigt die Palette des Hubschraubers nur eine Position, auch vom Gewicht her ist sie nicht zu schwer, jedoch ragt der Hubschrauber mit Schnauze und Heck weit über seine Palette hinaus. Die spezielle Fracht nimmt so an Bord insgesamt fünf Positionen ein und muss zusätzlich verzurrt werden.

Wenn es jemals einem Menschen gelingen sollte, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu bugsieren, dann Lippi. Apropos Kamele: Auch die hat ABC schon befördert, ebenso Eisbären, Ölbohrgestänge, Freiluftkinoleinwände. Oder die Landekapsel der Sojus Mission TM-19, die nun im Technik Museum Speyer zu bewundern ist. Die zwei Autos einer richtig teuren Marke auf dieser Maschine sehen dagegen einfach nur banal aus.

Wenn Thilo Heffen sich per Handschlag von Lippi und seiner Mannschaft verabschiedet hat, von der Flightcrew die Dokumente unterzeichnet und alle Flugzeugtüren geschlossen sind, hat er noch längst keinen Feierabend. Zurück im Büro muss er seinen Flug nachbereiten. Während er dem Zielflughafen in Chicago noch die Daten über die Beladung und die erwartete Ankunftszeit übermittelt, verschwindet die Silhouette des davonfliegenden Frachters allmählich im Frankfurter Abendrot.

© airliners.de, Ines Schaub Lesen Sie auch: Beruf & Karriere: Das macht ein Load Controller

Von: Ines Schaub für airliners.de
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