Antworten aus dem Cockpit ( Gastautor werden )

Wie beeinflusst ein Hurrikan den Flugverkehr?

11.09.2017 - 10:31 0 Kommentare

Flugzeuge fliegen Geschwindigkeiten von weit über 800 Stundenkilometern - da sollten die Winde eines Hurrikans keine großen Auswirkungen haben, oder? Langstreckenpilot Nikolaus Braun gibt Antworten.

Blick auf ein Unwetter aus einem Cockpit heraus. (Foto: Coast Guard News, gepostet auf Flickr, CC BY-NC-ND 2.0) - © © Coast Guard News -

Blick auf ein Unwetter aus einem Cockpit heraus. (Foto: Coast Guard News, gepostet auf Flickr, CC BY-NC-ND 2.0) © Coast Guard News

Hurrikan "Harvey" hat Houston überschwemmt, "Irma" wütet aktuell über Florida und "Jose" ist schon auf dem Weg. Wirbelstürme dieser Art - die im Pazifik übrigens Taifune heißen - bringen für den Luftverkehr vor allem zwei Gefahren: Wind und Niederschlagswasser.

Ab wann ist Wind für Flugzeuge kritisch?

Wind ist an und für sich für Flugzeuge ein Aspekt des Wetters, der immer eine große Rolle spielt. Das ist ganz besonders der Fall, wenn es um Start oder Landung geht: Für das Flugzeug zählt aerodynamisch nur die Geschwindigkeit durch die Luftmasse. Mit Gegenwind addiert sich zur Geschwindigkeit auf der Startbahn die Windgeschwindigkeit noch hinzu. Das Flugzeug muss daher nicht so stark beschleunigen um den notwendigen Auftrieb in der Luftmasse zu erreichen.

Im Umkehrschluss wird es problematisch, wenn der Wind von hinten kommt. Für diesen zweiten Fall sind durch die Hersteller und die Zulassungsbehörden enge Grenzen gesteckt: In der Regel ist nicht mehr Rückenwind als zehn Knoten (etwa 18,5 Stundenkilometer) zugelassen. Wind von vorn ist hingegen in den meisten Fällen nicht beschränkt.

Wind wird zum schwer kalkulierbaren Faktor

Aber Wind kommt nicht immer nur von vorne oder hinten - oft kommt er auch von der Seite oder dreht variabel. Für die Seitenwindkomponente des Windes werden in spektakulären Flugversuchen bei der Zulassung maximal Werte ermittelt. Diese sind aber oftmals nur Empfehlungen der Hersteller und nicht festgeschrieben. Typische Größenordnungen sind dabei 32 - 45 Knoten (etwa 59 – 83 Stundenkilometer) Seitenwind.

Theoretisch sind somit Windgeschwindigkeiten von weit über 60 Knoten (111 Stundenkilometer) möglich, wenn die Windrichtung stimmt. Dabei sind zwei Aspekte aber noch nicht beachtet: Zum einen ist Wind selten stetig. Oft ist er bei stürmischen Wetterlagen mit kräftigen Böen gepaart und die machen das Fliegen schwierig. Werden die Böen zu stark, kann es sein, dass das Flugzeug nicht mehr sicher gesteuert und daher nicht gelandet werden kann.

Der andere Aspekt betrifft alles nach der Landung: Hier drohen große Gefahren durch die vielen Gegenstände, die sich im Vorfeldbereich eines Flughafens befinden und die sich durch den Wind losreißen können.

Schon ab 40 Knoten Windstärke beginnen für die meisten Flughäfen umfangreiche Vorbereitungsarbeiten wie die Sicherung von losen Gegenständen beziehungsweise großen Fahrzeugen. 60 Knoten Windgeschwindigkeit ist in der Regel jene Grenze, bei der der Betrieb auf den Flughäfen zum Erliegen kommt: Die beweglichen Boardingbrücken dürfen nicht mehr bewegt werden, Flugzeuge dürfen nicht mehr geschleppt werden und sollten mit der Nase in den Wind geparkt werden. Teilweise dürfen die Türen der Maschinen nicht mehr geöffnet werden, die Limits von Notausrüstung wie den Notrutschen sind unter Umständen bereits erreicht oder überschritten.

Werden Verkehrsflugzeuge wie Kleinflugzeuge festgebunden?

Gerd G.

Aber nicht nur die Airports sollten wachsam sein, auch die Airlines müssen Maßnahmen ergreifen: Geparkte Flugzeuge werden beschwert - per Sturm Betankung. Es wird Treibstoff in großer Menge getankt. In den Betriebshandbüchern der Hersteller sind Werte individuell hinterlegt, die mindestens getankt werden müssen, damit das Flugzeug ausreichend stabil steht. Die Größenordnung liegt etwa bei 75 Prozent der Tankkapazität.

Ob bei einem aufkommende Sturm noch geflogen wird oder ob Flüge gestrichen werden ist eine Frage der Airline und der Crew. Während sich manche Aspekte des Wettergeschehens gut vorausberechnen lassen, gibt es natürlich trotzdem manchmal Überraschungen.

Und es kann Zeitdruck entstehen: Wenn bei einem aufziehenden kritischen Wettergeschehen ein Flug noch durchgeführt wird, lastet auf der Besatzung eine besondere Verantwortung: Was ist, wenn es jetzt operationelle Überraschungen gibt? Was, wenn jetzt ein technisches Problem auftaucht? Kann die Crew dann noch unbefangen entscheiden? Mit dem Sturm im Nacken?

© AirTeamImages.com, Angelo Bufalino Lesen Sie auch: Ist ein Gewitter für ein Flugzeug gefährlich? Antworten aus dem Cockpit

Ist ein Flugzeug erstmal in der Luft, sieht das Wettergeschehen anders aus. Ein Sturm mit starkem Wind ist durchaus normal in der Atmosphäre und kann Geschwindigkeiten von über 300 Stundenkilometer erreichen. Unangenehm kann hier nur die Turbulenz sein. Sind Gewitterwolken oder andere hochreichende Wolken mit viel Auf-und Ab-Dynamik involviert, sind diese auf jeden Fall zu meiden. Neben extremer Turbulenz und Blitzschlag ist das größte Risiko der Hagelschlag.

Je nach Ausdehnung und Höhe eines Wirbelsturms kann dieser theoretisch überflogen werden. Im Zentralatlantik und im Golf von Mexiko ist das oftmals aber nicht der Fall, da die Höhe die Möglichkeiten von Verkehrsflugzeugen bei weitem übersteigt.

Und der Regen?

Regen ist für Flugzeuge grundsätzlich kein Problem. Die Triebwerke sind extra so gebaut und getestet, dass sie unglaubliche Mengen an Wasser schlucken können und trotzdem nicht erlöschen. Regen auf der Startbahn ist ebenfalls im gewissen Rahmen kein Problem: Operationell wird dabei „feucht“, „nass“ (glänzende Oberfläche“ und „stehendem Wasser“ (Pfützen) unterschieden. „Stehendes Wasser“ ist dabei auf der glatten Oberfläche der Startbahn bis einen Zentimeter Wassertiefe zugelassen. Ist das Wasser tiefer, ist kein Start mehr möglich.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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