Wie Economy-Class-Passagiere den besten Sitzplatz finden

29.05.2014 - 08:46 0 Kommentare

Fluggesellschaften feilschen in ihren Flugzeugen um jeden Zentimeter. Immer mehr Sitze werden installiert. Die Passagiere kommen sich oft wie Sardinen vor. Doch neue Sitze versprechen Besserung. Und auch das Internet kann helfen.

Economy-Class im neuen Langstreckenflugzeug Airbus A350 XWB.

Economy-Class im neuen Langstreckenflugzeug Airbus A350 XWB.
© dpa - Christian Charisius

Economy Class der Cathay Pacific.

Economy Class der Cathay Pacific.
© Cathay Pacific

Secret Seat in einem A 380 von Thai Airways.

Secret Seat in einem A 380 von Thai Airways.
© Tripadvisor

Blick in die Economy Class der Etihad Airways.

Blick in die Economy Class der Etihad Airways.
© Etihad Airways

Premium Economy bei Lufthansa

Premium Economy bei Lufthansa
© Lufthansa

Ein Airbus-Mitarbeiter geht durch die Kabine der Economy-Klasse des neuen Langstreckenflugzeugs A350 XWB.

Ein Airbus-Mitarbeiter geht durch die Kabine der Economy-Klasse des neuen Langstreckenflugzeugs A350 XWB.
© dpa - Christian Charisius

 Die Armlehnen des Modells CL3710 von Recaro verjüngen sich nach vorn, um den Gästen mehr Platz zu bieten.

Die Armlehnen des Modells CL3710 von Recaro verjüngen sich nach vorn, um den Gästen mehr Platz zu bieten.
© Recaro Aircraft Seating

Billig fliegen - schön und gut. Doch ein Schreckgespenst fliegt gratis mit: "Economy-Class-Syndrom" heißt es, und wenn man den Diskussionen im Internet trauen darf, ist es ein Wunder, dass überhaupt ein Fluggast seinen Zielort lebend erreicht. Der Tenor: Die knappen Abstände zwischen den günstigsten Reihen im Flugzeug zwingen die Gäste in eine Sitzhaltung, bei der das Blut nicht mehr richtig zirkuliert. Blutgerinnsel und in der Folge Thrombosen oder Schlimmeres drohen die Sparfüchse unter den Fluggästen dahinzuraffen. Soweit die Legende.

Tödlich ist unbequemes Sitzen jedoch nur selten. Und wer vorbelastet ist, kann die Gefahr mit Stützstrümpfen und Blutverdünnern wirksam gen null minimieren, erklärt der Mediziner Holger Lawall von der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung. Wer über den Wolken reist, setzt sich zweifellos zahlreichen Gefahren aus - von Abstürzen über Höhenstrahlung bis hin zu fadem Mittagessen. Der plötzliche Tod aus Platznot gehört jedoch in der Regel nicht dazu. Auch wenn sich mancher Fluggast wie eine Legehenne fühlt.

Mehr Komfort nur gegen Bares

Doch ebenso zweifelsfrei ist Komfort zunehmend ein Luxus, den Fluggesellschaften gesondert berechnen. So gibt es etwa bei Germanwings gegen eine Zusatzgebühr einen freien Mittelsitz, etliche Airlines wie zuletzt Lufthansa führen zudem Extraklassen zwischen Economy- und Business-Class ein.

«Das Layout der Fluggastkabine wird wesentlich vom Geschäftsmodell der jeweiligen Airline bestimmt», sagt Ralf God, Leiter des Instituts für Flugzeug-Kabinensysteme an der Technischen Universität Hamburg-Harburg.

Bei Billigfliegern, die ihr Geld kaum noch mit Flugtickets, sondern mit dem Verkauf von Wurstsemmeln und Instantkaffee verdienen, werde kein Raum verschenkt. «Ryanair geht sogar so weit, die Sicherheitskarten auf die Rückenlehnen zu kleben, um sich die Zeitungstaschen zu sparen», weiß God zu berichten.

Das war nicht immer so: «Noch nach dem Zweiten Weltkrieg waren Flugreisen ein absolutes Luxusgut», erläutert God. Die Propellermaschinen flogen vergleichsweise niedrig und langsam - das Gewicht der Zuladung spielte eine untergeordnete Rolle. «Erst mit den Düsenflugzeugen öffnete sich die Luftfahrt für ein breiteres Publikum», sagt God. Bei deren Einführung Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre änderten sich die Vorzeichen in der Passagierluftfahrt dramatisch: «Statt Luxus standen nun Geschwindigkeit und Effizienz im Fokus.» Die Passagierkabine wurde zu einer schlanken Röhre, in der für die Anordnung der Sitze wenig Spielraum blieb.

© Condor Lesen Sie auch: Komplett neue Kabine für die Condor-Langstrecke

Pro Sitz ein paar Kilo Gewicht sparen

In jüngerer Zeit kamen weitere Anforderungen hinzu: Die Airlines forschen händeringend nach Konzepten, wie sie mehr Sitze in ihren Flugzeugen unterbringen können, um Kosten - und vor allem den Treibstoffverbrauch zu senken. Auch das Gewicht der Sitze selbst gerät in den Fokus. «In der Europakabine der Lufthansa etwa kommen Modelle zum Einsatz, die im Wesentlichen nur noch mit Stoff bespannte Metallgestelle sind. Die sehen fast wie Gartenstühle aus», so God. Dem Komfort, so der Experte, tue das jedoch keinen Abbruch. Dafür sind sie 3,8 Kilo leichter als die alten Modelle.

Bei 120 Sitzen in der Economy-Class eines Airbus A320 bringt das eine Gewichtsersparnis von einer knappen halben Tonne. Nach Angaben des Unternehmens lassen sich durch die Gewichtsreduktion pro Maschine 43 Tonnen Kerosin im Jahr einsparen, erklärt Klaus Gorny, Sprecher des Unternehmens. Bei der Gewichtsreduktion in der Kabine sieht er noch viel Spielraum, um die Luftfahrt wirtschaftlicher zu gestalten. Und umweltfreundlicher.

Der Spielraum für die Passagiere endet dagegen oft nach rund 75 Zentimetern an der Rückenlehne des Vordermanns. Es sei denn, man weiß sich zu helfen: Andrew Wong vom Kabinen-Ratgeberportal Seatguru sieht das komfortable Reisen über den Wolken als eine Art Gesamtkunstwerk aus den unterschiedlichsten Komponenten: Unterhaltungssysteme am Platz gehören ebenso dazu wie der Kabinenservice oder die verfügbaren Steckdosen für Laptops und eine eventuelle Wifi-Anbindung.

© Lufthansa Lesen Sie auch: Mehr Kapazität pro Flugzeug: Lufthansa zeigt neue Europa-Kabine

Wussten Sie's? So misst man den Seat-Pitch

Sitzabstand (Seat-Pitch) und Beinfreiheit (Legroom) wird oft synonym verwendet. Es ist aber nicht dasselbe.

Seat-Pitch ist nicht gleich Beinfreiheit: So wird er gemessen. Foto: © airliners.de,

Der Seat-Pitch bezeichnet den Abstand zwischen zwei Sitzen. Die Angabe bezeichnet aber nicht die zur Verfügung stehende Beinfreiheit für den Passagier sondern die Distanz zwischen zwei gleichen Punkten an hintereinanderstehenden Sitze.

Misst man also beispielsweise in Kniehöhe den Pitch von Anfang Rückenlehne bis Anfang Rückenlehne des Vordersitzes muss die Tiefe der Rückenlehne noch abgezogen werden, um die tatsächliche Beinfreiheit zu ermitteln.

Moderne Sitze werden immer schmaler, so dass auch Sitzabstände von 28 Zoll möglich sind, wobei die tatsächliche Beinfreiheit der eines Pitches von 29 oder 30 Zoll bei älteren, dickeren Sitzen entspricht.

Übersicht von Seat-Pitches internationaler Airlines

Die Jagd nach den besten Sitzen beginnt online

«Bei den Sitzabständen hingegen unterscheiden sich die Airlines auf Kurzstreckenflügen innerhalb Europas kaum», so der Sitzplatzexperte. Meist kommt eine Boeing 737 oder ein Airbus A320 zum Einsatz. Beide verfügen über nur einen Mittelgang, zu dessen Seiten sich jeweils drei Sitze befinden. Entsprechend vorhersehbar sei das Kabinenlayout. Die üblichen knapp 30 bis 32 Zoll (76 bis 81 Zentimeter) Sitzabstand seien zwar nicht großzügig - auf Flügen von zwei bis drei Stunden aber akzeptabel. Die absolute Schmerzgrenze liegt bei 29 Zoll (73 Zentimeter). Diese reizen zum Beispiel Easyjet, Thomas Cook und AirAsia aus.

Wer ein wenig Extrakomfort auf Kurzstrecken sucht, sollte sich lieber mit der Reservierung des besten Sitzplatzes beschäftigen, als mit der Auswahl der Airline - zumindest bei vergleichbaren Preisen. Denn begehrte Plätze etwa am Notausgang, die oft etwas mehr Beinfreiheit bieten, sind schnell vergeben. «Zudem sind die Airlines inzwischen so clever, eine zusätzliche Gebühr für diese Sitzplätze zu verlangen, oder sie sind Vielfliegern vorbehalten», erklärt Andrew Wong. «Noch verfügbare Plätze in diesen Reihen kann sich meist nur sichern, wer frühzeitig online zuschlägt.»

Am besten gleich bei der Onlinebuchung. Ist dies nicht möglich, etwa weil man sein Ticket bei einem Buchungsportal erworben hat oder weil Airlines für eine Sitzplatzreservierung gleich bei der Buchung Geld verlangen, sollte man möglichst früh online einchecken und den Platz ihrer Wahl reservieren - meist geht das 24 Stunden vor Abflug. Diese Möglichkeit bieten die allermeisten Unternehmen kostenlos.

Gut vorbereitet in die Langstrecken-Sitzauswahl

«Es lohnt sich immer, vor dem Check-In den Kabinenplan des betreffenden Flugzeugs anzuschauen», sagt Wong von Seatguru. An manchen Fensterplätzen fehle zum Beispiel das Fenster. Und nicht immer sind die Sitze am Notausgang oder an der Stirnwand die allerbeste Wahl.

«Mal fehlt in einer normalen Reihe ein Sitz, oder es ist kein Vordersitz vorhanden - so bekommt man mehr Raum, von dem man vorher gar nicht wusste, dass er existiert.» Wong nennt diese Sitze «secret seats» - verborgene Plätze. Sie sind die Trüffel bei der Suche nach dem besten Sitzplatz in der Economy. Nach ihnen sollte man natürlich vor allem auf Langstrecken Ausschau halten.

Dabei ist man aber heute schon lange nicht mehr allein: Rund um die Auswahl der besten Airline-Sitze haben sich neben dem inzwischen von Tripadvisor gekauften Seatguru eine ganze Anzahl von Websiten spezialisiert. Ähnliche Angebote gibt es auch bei Seatexpert, Seatmaestro oder Seatplans.com sowie natürlich auf den Websites der Fluggesellschaften.

Aber gerade hier ist die Konkurrenz ungleich größer: Wer will schon sechs, acht oder zehn Stunden eingezwängt wie eine Sardine verbringen? Umso wichtiger ist der Vergleich der Airlines: Zwischen rund 79 und 81 Zentimeter bewegen sich die Abstände hier in der Regel. Doch es gibt Ausnahmen: Klassenprimus Thai Airways zum Beispiel wartet selbst in der Economy-Class mit luxuriösen 34 Zoll (86 Zentimeter) auf, so Wong.

Und auch die Sitzbreite bestimmt den Komfort wesentlich: Die Vorteile von geräumigen 19 Zoll (48 Zentimeter) gegenüber schmalen 17 Zoll (43 Zentimeter) werden nicht nur beleibtere Personen gegen Ende des Fluges spüren. Besonders ärgerlich: Einige Airlines experimentieren bereits etwa mit einem zehnten Sitz in einer auf neun Plätze ausgelegten Reihe. Das lässt den Platz für die Hüften weiter schrumpfen. Allerdings gibt es auch Konzepte zur Linderung der schlimmsten Auswüchse.

Jeder Quadratzentimeter ist wertvoll

«Eine Fluggastkabine gehört zwar im übertragenen Sinne zu den teuersten Grundstücken der Welt, und deshalb wird um jeden Quadratzentimeter gerungen», erklärt René Dankwerth, Vizepräsident der Forschungs- und Entwicklungsabteilung beim Sitzhersteller Recaro Aircraft Seating. «Doch beim Thema Komfort und Ergonomie gibt es noch Spielraum.» So seien zum Beispiel die Armlehnen moderner Passagiersitze vorne schmaler als hinten und unten schmaler als oben, sodass sie den Gästen mehr Bewegungsfreiheit gewähren.

Um den Raum optimal auszunutzen, sei es zudem sinnvoll zu prüfen, auf welchen Strecken überhaupt eine Liegefunktion benötigt wird. «Air France setzt zum Beispiel auf Kurzstrecken bereits Sitze ein, die ergonomisch geformt sind und einen größeren Neigungswinkel besitzen», sagt Dankwerth. «In Liegeposition lassen sie sich jedoch nicht stellen». Wozu auch, auf zwei- bis dreistündigen Flügen? «Die Silhouette der Sitze ist dafür schlanker. Das spart Gewicht und schafft Platz für Knie und Füße.» Bereits heute, das habe eine Studie gezeigt, sind 5,4 Kilogramm leichte Sitze realisierbar - ohne Sicherheits- oder Komfortverlust. «Allerdings ist deren Einsatz bislang noch nicht wirtschaftlich, sie sind in der Herstellung einfach zu teuer.»

© Etihad Airways, Lesen Sie auch: Etihad Airways bringt Privatjet-Feeling in den A380

Und wird es künftig mehr Platz über den Wolken geben? «Das hängt von der technologischen Entwicklung ab», sagt Dankwerth. «Sollten sich in ferner Zukunft Überschallflugzeuge in der Passagierluftfahrt durchsetzen, wird es eher enger.» Da dann aber auch Langstrecken in kürzester Zeit zu überwinden sind, sei das verschmerzbar. «Es ist aber auch das Gegenteil möglich: Setzen sich Elektroflieger wie jener, den Airbus gerade vorgestellt hat, durch, dann geht es wohl wieder langsamer am Himmel zu.» Längere Reisezeiten erhöhen dann den Druck auf die Airlines, die Passagierkabine komfortabler zu gestalten.

Für die nahe Zukunft entwirft jedoch Ralf God von der Universität Hamburg-Harburg ein mögliches Szenario: «Die Menschen werden immer größer und schwerer. Das werden auch die Airlines beim Kabinenlayout künftig berücksichtigen müssen», sagt God. Er schränkt aber ein, dass sich die Airlines wie alle Unternehmen an den Märkten orientieren. «Und die liegen künftig in Asien: In puncto Enge sind Asiaten sicher noch leidensfähiger als wir Europäer.» Das "Economy-Class-Syndrom" wird also noch lange herumgeistern.

Von: Jan Ahrenberg, dpa mit airliners.de
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