Spezialisten können Konzerne lahmlegen

Wettbewerb unter Gewerkschaften wirkt verheerend

29.07.2008 - 17:44 0 Kommentare

Es sind nur kleine Gruppen an Spezialisten notwendig, um ganze Konzerne lahmzulegen. Piloten, Lokführerer, die Fluglotsen oder jetzt die Techniker bei der Lufthansa sitzen am Hebel der Macht, wenn es um Tarifauseinandersetzungen geht. Im Hintergrund steht bei der Lufthansa wie schon bei der Bahn im vergangenen Jahr aber auch der Kampf konkurrierender Gewerkschaften um Mitglieder und Einfluss.

Mehrere tausend Mitarbeiter konnte ver.di seit Montagfrüh zu dem unbefristeten Streik animieren. Doch an Flughäfen wie Frankfurt war auch am zweiten Streiktag nichts von einem Ausstand zu spüren. Im Vergleich zu normalen Tagen waren sogar mehr Lufthansa-Mitarbeiter vor Ort. «Klappt es, oder klappt es nicht?», fragt eine besorgte Reisende die immer lächelnden Service-Mitarbeiter in ihren gelben Westen. «Es klappt», erhält sie als Antwort und wünscht noch alles Gute: «Wir hoffen, dass Sie Ihre Gehaltserhöhung auch ohne Streik kriegen.»

Flugausfälle gab es am Tag Zwei trotzdem: Streikende Techniker hatten die Stilllegung von neun Maschinen erzwungen. 70 Flüge auf innereuropäischen Strecken mussten abgesagt werden, die Passagiere wurden auf andere Maschinen umgebucht. Das Konzept der Gewerkschaft ver.di, Lufthansa wirtschaftlich zu treffen und nicht den Zorn der Passagiere auf sich zu ziehen, scheint aufzugehen.

Boden-Mitarbeiter der Lufthansa

Für den reibungslosen Luftverkehr ist ein perfektes Zusammenspiel von Boden- und Bord-Personal notwendig. Bei der Lufthansa gilt im Bodenbereich vor allem die Wartung der Flieger als Knackpunkt: Die Maschinen müssen in fest Intervallen von oft wenigen Tagen genau inspiziert werden. Ohne diese vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Wartungsintervalle darf kein Flugzeug starten. Lufthansa hat einen großen Technikbereich, der auch für andere Airlines tätig ist.

Wichtig ist auch das Catering. In diesem Bereich ist die Lufthansa-Tochter LSG tätig. Aufgrund der großen Menge an Starts auf deutschen Flughäfen und auch den wichtigen Sicherheitsvorschriften ist es nicht leicht, hier Ersatz zu finden.

Als weiterer kritischer Punkt gilt die Abfertigung am Schalter und am Fluggate - hier haben Gewerkschaften aber traditionell eher weniger Mitglieder.

Nicht betroffen von den Streiks der ver.di bei Lufthansa sind eine ganze Reihe weiterer wichtiger Bodendienste: Die Gepäckbeförderung und Sicherheitskontrollen werden meist von den Flughäfen oder speziellen Firmen übernommen. Die Vorfeld-Mitarbeiter gehören ebenfalls meist zu den Flughäfen, die Luftüberwachung findet in der Regie der Deutschen Flugsicherung statt. Für das Betanken der Flieger sind meist eigene Tankgesellschaften zuständig.

«Es geht um das Aufschaukeln von Lohnforderungen»

Mit einer Forderung von 9,8 Prozent mehr Geld für das Boden- und Kabinenpersonal war ver.di in die Tarifverhandlung gegangen. Das ist mehr, als etwa die IG Metall in der letzten Runde forderte. Doch die konkurrierende Gewerkschaft Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO), die mehr Mitglieder in der Kabine hat als ver.di, hat für 2009 gleich eine Forderung von 15 Prozent mehr Geld auf den Tisch gelegt. «Da geht es dann um das Aufschaukeln von Lohnforderungen», sagte der Tarifexperten Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Dies könne verheerende Folgen haben.

«Die Forderung von ver.di müsse man auch vor dem Hintergrund der vergangenen Jahre sehen, in denen es recht niedrige Abschlüsse und sogar Nullrunden bei Lufthansa gegeben hat. Da sind 9,8 Prozent nicht zu hoch», meint dagegen Heiner Dribbusch von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler- Stiftung. Die Verhandlungen bei Lufthansa seien auch nicht mit den Lokführer-Auseinandersetzungen bei der Bahn vergleichbar.

Dennoch, mit den Technikern habe ver.di bei Lufthansa eine große Gruppe, die Druck ausüben könne. «Wenn die sich abspalten würden, dann könnte ver.di einpacken», sagte Lesch, der das Referats «Tarifpolitik und Arbeitskämpfe» des arbeitgebernahen Instituts in Köln leitet. «Die Gewerkschaft steht mit dem Rücken zur Wand.»

Konkurrenzkampf der Gewerkschaften

Lufthansa kennt das Problem mit konkurrierenden Gewerkschaften schon seit 2001, als erstmals die Vereinigung Cockpit (VC) sich als eigenständiger Tarifpartner etablieren konnte. Die VC kämpft derzeit für höhere Löhne bei den Piloten zweier Töchter und könnte jederzeit mit neuen Streiks die Flugpläne durcheinanderwirbeln. Lufthansa- Personalchef Stefan Lauer forderte schon vor einem Jahr neue Regeln, damit konkurrierende Gewerkschaften sich nicht Runde für Runde überbieten. «Eine Tarifautonomie ohne Regeln läuft Gefahr, zu einem reinen Tarifdiktat zu werden», erklärte er damals.

Eine Lösung im aktuellen Tarifkonflikt zeichnet sich indes nicht ab. «Unsere Türen sind offen. Wir sind dialogbereit», warb Lufthansa- Sprecher Klaus Walther im Nachrichtensender n-tv. Allerdings will ver.di erst Signale für ein deutlich verbessertes Angebot abwarten. «Die Einladungen zu Kaffeekränzchen reichen nicht», wehrte ver.di - Sprecher Harald Reutter das Gesprächsangebot ab. Damit könnten in den kommenden Tagen weitere Flugzeuge mangels Wartung stillgelegt werden.

Von: dpa
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