Wenn Verzweiflung den Steuerknüppel führt

19.03.2014 - 07:30 0 Kommentare

Ein Flugzeug, viele Widersprüche und noch mehr Spekulationen: Der verschwundene Flug MH370 löst weltweit Diskussionen aus und schürt Ängste. Terror und Verzweiflungstaten sind zwar selten - passieren aber.

Air France A330-200 Flug 447 Höhenleitwerk - © © dpa -

Air France A330-200 Flug 447 Höhenleitwerk © dpa

Seit anderthalb Wochen beschäftigt der verschwundene Flug MH370 die Fantasie von Menschen in aller Welt: War es ein Schwelbrand an Bord, der Cockpit-Crew und Passagiere außer Gefecht setzte und die Maschine dann automatisch weiterfliegen ließ? Ein Terrorakt, bei dem sich Unbekannte mit Flugerfahrung den Radarschatten eines anderen Verkehrsflugzeugs zunutze machten? Oder gar die Verzweiflungstat eines Piloten, wie am 29. November 2013 im namibisch-angolanischen Grenzgebiet?

Dort hatte ein Pilot auf dem Flug Maputo-Luanda eine Embraer 190 in den Boden gesteuert - 34 Menschen starben. Später fand die Untersuchungskommission heraus, dass der Flugzeugführer sich im Cockpit eingeschlossen und absichtlich den Absturz auslöst hatte.

1999 gab es einen ähnlichen Fall. Damals stürzte eine ägyptische Boeing 767-300 auf dem Flug von New York nach Kairo in den Atlantik. Die Unglücksursache blieb umstritten - US-Ermittler sahen ein Fehlverhalten des Co-Piloten, ägyptische Experten dagegen eine Verkettung unglücklicher Umstände.

Suizidgefahr im Cockpit extrem selten

Strenge Auswahltests stellen bei den meisten Airlines sicher, dass nur charakterlich gefestigte Kandidaten überhaupt Pilot werden können. Regelmäßige medizinische Tests und auch vertrauliche innerbetriebliche Meldesysteme sollen gewährleisten, dass auffälliges Piloten-Verhalten entdeckt wird.

Einen völligen Schutz gibt es dennoch nicht, sagt Trainingspilot Claus Borgloh (49), der bei Deutschlands viertgrößter Fluggesellschaft TuiFly für die Aus- und Weiterbildung von 2000 Crew-Mitgliedern - darunter 510 Piloten - zuständig ist. Suizidgefahr im Cockpit? Das sei extrem selten, meint der Flugzeugführer mit rund 15.000 Stunden Flugerfahrung.

Nach dem 11. September wurden die Cockpittüren verstärkt, um ein Eindringen von Außen zu erschweren. Piloten werden zudem intensiv auf Zwischenfälle vorbereitet und können bei Entführungen versteckt über den Transponder Notsignale absetzen - vorausgesetzt, sie werden nicht von Dritten daran gehindert, die um diese Möglichkeiten wissen.

© AirTeamImages.com Alle Meldungen zum Thema: Themenseite Malaysia Airlines MH-370

Manchmal ist die Realität komplett irrational - wie alle Spekulationen

Schlimm wird es aber auch für geschulte Piloten, wenn sie mit hoffnungslos irrationellen Forderungen von Entführern zu tun haben. So war es beim Ethiopian-Airlines-Flug 961, als drei junge Männer das Cockpit einer Boeing 767 stürmten. Sie forderten trotz viel zu geringer Treibstoffmenge, übers offene Meer nach Australien geflogen zu werden. Flugkapitän Leul Abate entschloss sich mit dem Mut der Verzweiflung zu einer spektakulären Notwasserung vor den Komoren, um möglichst viele seiner Passagiere zu retten.

Angesichts widersprüchlicher Informationen beim Geisterflug Malaysia Airlines MH370 halten sich viele Profis öffentlich mit Spekulationen zurück (aber nicht alle), warum die malaysische Boeing 777-200 mit 239 Insassen an Bord am 8. März auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking einfach so verschwunden ist.

Denn ein anderes Unglück hat gezeigt, wie weit solche Spekulationen oft daneben liegen können: der Fall des ebenfalls zunächst mysteriös verschwundenen Air-France-Fluges AF447. Der Airbus war in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 2009 auf dem Flug Rio-Paris verschollen.

Auch die Tage später gefundenen Trümmer gaben keinen Aufschluss über die Unfallursache und ließen breiten Raum für Spekulationen. Erst Jahre später stellte sich dann heraus: Eine Verkettung unglücklicher Umstände hatte eine Situation entstehen lassen, die die erfahrene Cockpit-Crew trotz immer ausgefeilterer technischer Assistenzsysteme völlig überraschte und letztlich überforderte.

Flug MH370 hat eins allerdings erreicht: Obwohl das Fliegen rund 100 Jahre nach dem Start der ersten Linienmaschine so sicher ist wie selten zuvor, ist die Debatte um die Sicherheit im Luftverkehr erneut angestoßen. Auch die großen Flugzeugbauer beobachten interessiert, was die Ermittler nun herausfinden - um mit eventuell notwendigen Verbesserungen das Fliegen noch sicherer zu machen. Und es bleibt abzuwarten, welche neuen Gesetzgebungen im Bereich Security auf die Branche zukommen, sollte sich eine Entführung oder Sabotage als Grund für den Malaysia-Airlines-Irrflug bestätigen.

Von: airliners.de mit dpa
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