Gedankenflug

Wenn Bahnfahren wie Flugzeugfliegen wäre

16.09.2016 - 10:19 0 Kommentare

Wie in Flugzeugkabinen gibt es im neuen ICE 4 jetzt LED-Stimmungsbeleuchtung. Das ist schick, findet airliners.de-Herausgeber David Haße. Seltsam nur, dass die Bahn nicht noch mehr von der Luftfahrt abguckt.

Gehört in vielen Flugzeugen zum Standard: Mood-Lighting an der Kabinendecke.

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© Germania - Germania

Die Beleuchtung der neuen ICE-4-Waggons passt sich jetzt der Tageszeit an.

Die Beleuchtung der neuen ICE-4-Waggons passt sich jetzt der Tageszeit an.
© dpa - Maurizio Gambarini

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In der Luftfahrt geht es neben der Sicherheit vor allem um Effizienz. Ohne extrem auf Effizienz zu trimmen, könnte keine Airline lange überleben. Anders ist das bei der Eisenbahn. Die wird mit Steuer-Milliarden subventioniert, um zu funktionieren.

Bei der Präsentation des neuen ICE 4 habe ich jetzt die schicke LED-Beleuchtung im Dachhimmel der Waggons gesehen. Wie in modernen Flugzeugkabinen hüllt der neue Zug die Passagiere je nach Tageszeit in passendes Licht. Beim Betrachten der Sitze im Zug kam mir folgende Frage:

Wie würde ein ICE eigentlich aussehen, wenn die Eisenbahn dieselben Anstrengungen in Sachen Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit unternehmen müsste, wie der Luftverkehr?

Schauen wir uns den neuen ICE an, den die Bahn stolz als besonders effizienten "Nutzflächen-Champion" beschreibt: 830 Passagiere passen rein. Bei einer Zuglänge von 349 Metern ergibt das ganz unwissenschaftlich berechnet rund 2,3 Passagiere pro Längenmeter.

Das ist extrem großzügig. Zum Vergleich: Die Boeing 737-800 ist nur ein paar Zentimeter breiter als ein ICE. Auf ihren knapp 40 Metern Länge müssen sich aber Sage und Schreibe 189 Passagiere quetschen. Auch wenn der Vergleich natürlich etwas hinkt, macht das satte 4,8 Passagiere pro Meter - mehr als doppelt so viele wie im ICE!

Warum keine engen Flugzeugsitze in der Eisenbahn?

Seien wir ehrlich: Das merkt man auch. Selbst das ICE-Fahren in der zweiten Klasse ist angenehmer als Economy zu fliegen. Dabei gab es früher im Flugzeug durchaus ebenso viel Beinfreiheit wie heute im Zug. Das ist aber einfach nicht mehr wirtschaftlich darstellbar. Und der Umwelt ist ohnehin nicht geholfen, wenn es an Bord primär um den Komfort und nicht um die Wirtschaftlichkeit geht, egal ob am Himmel oder am Boden.

Man darf sich also getrost fragen, warum die Bahn nicht einfach enge Vierer-, Dreier- und Zweier-Sitzreihen in jeden Winkel ihrer neuen ICEs presst, um so endlich einige ihrer wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Immerhin hätte eine Bestuhlung auf Flugzeugniveau das Potential, die Effizienz deutlich zu steigern. Die Bahnpreise könnten sinken und mit günstigeren Tickets steigt dann wahrscheinlich auch die Auslastung.

Die Auslastung ist bei der Bahn nämlich so eine Sache. Beim ICE liegt sie aktuell bei mageren 52 Prozent. Zum Vergleich: Airlines operieren in der Regel mit weit über 80 Prozent Auslastung, Tendenz steigend. In der Luft haben mehr Sitze und eine höhere Auslastungen in jüngerer Vergangenheit ganz erheblich zur Verbesserung der Energiebilanz je Passagierkilometer beigetragen.

Die Bahn hat sich mit dem ICE 4 jetzt schon dazu durchgerungen, der prestigeträchtigen Energieverschwendung im Höchstgeschwindigkeitsbereich ein Ende zu setzen. Der neue Zug fährt aus Effizienzgründen nur noch maximal 250 km/h und ist nach Bahnangaben 22 Prozent effizienter als die alten ICEs. Da könnte sie doch gleich auch noch die Sitze enger zusammenrücken. Mehr Sitze könnten den ICE bei gleicher Kapazität um bestimmt ein Drittel kürzer, leichter und somit noch energiesparender machen.

Den Passagieren würde es bestimmt nichts ausmachen, etwas enger zu sitzen. Weil der Fernbus billiger ist, kehren sie gerade in größeren Zahlen der Bahn den Rücken. Busse sind dabei gemeinhin genauso eng bestuhlt wie Flugzeuge - ein moderner Setra-Bus etwa kommt in meinem unwissenschaftlichen Raumvergleich immerhin auf 4,2 Passagiere pro Längenmeter. Und dabei ist so ein Bus sogar über einen Meter schmaler als eine 737. Bequemlichkeit sieht anders aus.

Michael O'Leary wäre begeistert

Man denke nur an die Möglichkeit von Billigstkunden-Stehabteilen, die bei der Eisenbahn im Gegensatz zum Flugzeug sogar rechtlich möglich wären… Ryanair-Chef Michael O'Leary wäre schlicht begeistert. Derart effizient aufgestellt müsste die Bahn den Fernbus dann auch nicht mehr in ihrem "UmweltMobilCheck" verschweigen. Sie könnte sich endlich ganz ehrlich als umweltschonendste Art des Reisens präsentieren.

© Deutsche Bahn, Lesen Sie auch: Grün scheint, wer am lautesten schreit

Am oberen Ende der Sitzprodukt-Skala könnte die Bahn derweil ebenfalls vom Flugzeug lernen: Die zweite Klasse wird zur "Premium-Economy". Und statt mehrerer Waggons Erster-Klasse-Sitze werden im Triebwagen ein paar echte Business-Class-Sessel auf Langstreckenflugzeug-Niveau eingebaut. Etliche Bahnen weltweit bieten soetwas schon an. Auch für die Deutsche Bahn könnte das durchaus Sinn machen.

Vom Zeitaufwand her ist ein Bahn-Tagestripp zwischen Hamburg und München nun mal eher ein Langstreckenflug als ein innerdeutscher Hüpfer. Genau wie zwischen Frankfurt und New York würde sich ein Geschäftsreisender bestimmt auch in der Bahn über einen echten Liegesessel mit Massagefunktion sowie eine Stewardess samt echtem Verpflegungsservice freuen. Vielleicht sogar mehr als über eine stimmungsvolle LED-Beleuchtung an der Decke.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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