Analyse

Warum Ryanair auf einmal zukauft

17.05.2018 - 12:38 0 Kommentare

Ryanair scheint nach Jahrzehnten die Strategie zu ändern. Chef O'Leary setzt mit Lauda Motion sowie eventuell auch Norwegian auf Zukäufe. airliners.de versucht zu ergründen, warum das der richtige Weg ist.

Niki Lauda (links) und Michael O'Leary. - © © dpa - Herbert Neubauer/APA

Niki Lauda (links) und Michael O'Leary. © dpa /Herbert Neubauer/APA

Ryanair scheint mit dem Einstieg bei Lauda Motion (inklusive Option auf Komplettübernahme) und einem eventuellen Engagement bei Billigkonkurrentin Norwegian ebenfalls auf Wachstum durch Zukäufe zu setzen. Immerhin könnte man durch die ehemaligen Niki-Slots, die aktuell zum Teil im Besitz von Lauda Motion sind, voraussichtlich in beispielsweise Berlin-Tegel und Düsseldorf auch unter eigener Flugnummer starten.

Buzz

Der bislang einzige Zukauf im Ryanair-Reich war Buzz. Die von KLM 1999 als Billigtochter gegründete Airline wurde 2003 für gut 20 Millionen Euro von den Iren gekauft und in "Buzz Stansted" umbenannt. Buzz flog zehn BAe-146-Maschinen - vier davon im Wet-Lease für KLM - und acht Boeing-737-Flugzeuge für Ryanair. Ende 2004 wurde Buzz eingestampft und die acht Boeing-Flugzeuge gingen in den Bestand der Iren über.

So hat sich Ryanair schon 25 Prozent an der Niki-Nachfolgerin gesichert, will - wenn die Kartellbehörden zustimmen - bald Dreiviertel übernehmen und könnte in ein paar Jahren Niki Lauda dessen Airline komplett abkaufen. Bei Low-Coster Norwegian will Ryanair wohl zusammen mit IAG zuschlagen.

Hier könnten sich die Iren laut mehrer Experten wohl "die Rosinen bei Norwegian herauspicken", zumal IAG allein im Norwegian-Übernahmekampf schon abblitzte. Spekulationen, dass die Airline-Gruppe nun zusammen mit Ryanair eine Offerte abgeben könnte, begrüßte Norwegian-Chef Bjørn Kjos. Gleichzeitig dürfte der Fakt, dass Ryanairs Chefkontrolleur David Bondermann über seinen Fonds Anteile von Norwegian hält, der Transaktion nicht im Weg stehen.

Anteile von Ryanair in Lufthansa-Märkten

Ein Blick in die Statistik zeigt: Ryanair steht trotz glänzender Wachstumszahlen unter einem starken Druck. Denn der größte Konkurrent für die Iren ist immer noch der mächtige Kranich-Konzern. Muss dieser rund 30 Milliarden Euro Umsatz einfahren, um einen Gewinn im einstelligen Milliardenbereich zu erwirtschaften, sind die Ertragserlöse beim Billigflieger im direkten Vergleich dazu hochprofitabel.

Die Grafik zeigt Umsatz und Ergebnis der Lufthansa Group (links) und von Ryanair im Jahr 2017. Quelle: Unternehmen, Darstellung: airliners.de

Dies mag vor allem an den einfacheren Strukturen bei Ryanair liegen - immerhin handelt es sich hier nicht um einen Konzern mit drei Netzwerk- sowie zwei Point-to-Point-Airlines und angeschlossenem Technik-, Logistik- sowie Catering-Geschäft. Doch täuscht es nicht über eines hinweg: In den Kernmärkten des Lufthansa-Konzerns - Deutschland, Österreich und Schweiz - liegt Ryanair weit zurück.

Die Grafiken zeigen die prozentuale Verteilung der von Ryanair angebotenen Sitzplatzkapazitäten im laufenden Sommerflugplan. Quelle: ch-Aviation, Darstellung: airliners.de

Vor allem in den südeuropäischen Ländern und dem traditionellen Stammarkt Großbritannien ist Ryanair eine feste Größe und kommt in diesem Sommer auf zweistellige Anteile. Betrachtet man alle Abflüge von verschiedenen Airlines in allen Länder des Kontingents zusammen, kommen die Iren immer noch auf starke 10,5 Prozent.

Aer Lingus

Nach Buzz versuchte sich Ryanair noch einmal an einem Zukauf: Insgesamt drei Anläufe unternahm der Low-Cost-Carrier ab 2006 auf die Aer Lingus und stockte den Anteil von 16 Prozent immer weiter auf - die irische Regierung sollte jedoch auch weiterhin knapp ein Drittel halten. Im Februar 2013 blockierten die EU-Wettbewerbshüter die Offerten endgültig - sie sahen die Airline-Wahl für irische Verbraucher stark eingeschränkt und befürchteten höhere Ticketpreise. Aer Lingus ist heute eine hundertprozentige Tochter der IAG.

Gerade Lauda Motion bietet neben Slots an attraktiven Flughäfen auch die Chance, dass die Iren in den Lufthansa-Kernmärkten wachsen. Norwegian hingegen verspricht vor allem Wachstum für die bislang von Air Europa in einer Kooperation bediente Low-Cost-Langstrecke für Ryanair. Gleichzeitig betreibt Norwegian aktuell vor allem Boeing-Flugzeuge, was wiederum gut zur homogenen Flotte von Ryanair passt.

Monatelang übertrumpfte Ryanair den Kranich-Konzern

Bei den Passagierzahlen liefern sich Lufthansa Group und Ryanair derweil wieder ein deutlich Kopf-an-Kopf-Rennen. Im Langzeitvergleich wird deutlich, dass der Kranich-Konzern jahrelang Monat für Monat sehr komfortabel vor Ryanair lag. Doch das Verhältnis drehte sich.

Zwischen November 2015 und Februar 2017 waren die Passagierzahlen der Iren durchgehend höher als die des Kranich-Konzerns. Nur seit dem konnten die Iren den Kranich lediglich noch in vier von vierzehn Monaten schlagen.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der Passagierzahlen von der Lufthansa Group und von Ryanair zwischen April 2013 und 2018. Die blau hinterlegten Zeiträume sind jene, in denen der Kranich-Konzern mehr Fluggäste beförderte; die gelb hinterlegten jene, in denen die Iren mehr Passagiere zählten. Quelle: Unternehmen, Darstellung: airliners.de

Der Vorsprung der Lufthansa Group liegt wohl vor allem in deren Übernahmen begründet, schätzen Branchenkenner. So wuchs die Flotte in den vergangenen zehn Jahren nur sehr leicht auf 728 Maschinen an. Doch wurde das Kranich-Reich stetig erweitert - erst 2017 übernahm Lufthansa komplett Brussels Airlines.

Seit der Komplettübernahme werden die Zahlen des belgischen Carriers auch in die Monatsstatistiken der Lufthansa Group unter der Bezeichnung "Punkt-zu-Punkt-Verkehr" eingerechnet. Seit neuestem ist von der "Eurowings Group" die Rede, denn die Belgier betreiben auch drei Langstreckenmaschinen für Eurowings.

Lufthansa hat Air-Berlin-Pleite gut genutzt

Und dann ist da noch Air Berlin. Zwar sicherte sich Ryanair über den Deal mit Lauda Motion letztlich auch Slots der insolventen Airline Niki, die ab Ende 2016 die Warmwasserdestinationen im Auftrag des Berliner Krisen-Carriers bediente. Doch die Lufthansa hat das lange Ende der strauchelnden Air Berlin besser für sich genutzt und zusammen mit LGW auch viele attraktive Zeitfenster übernommen.

Quelle: Lufthansa Group, Darstellung: airliners.de

Nach der Air-Berlin-Pleite ordnet sich der europäische Markt weiter neu - die Konsolidierung hat sogar gerade erst begonnen. Da erscheint es sinnvoll, dass Ryanair als großer Player nicht mehr nur organisch wachsen will. Denn nicht nur die Lufthansa Gruppe wächst aktuell durch Zukäufe. Auch IAG und Air France/KLM treiben die Konsolidierung in Europa gerade durch Übernahmen voran. So besteht für Ryanair durchaus die realistische Gefahr, dass immer mehr kleinere Konkurrenten langsam aber sicher unter das Dach großer Airline-Gruppen schlüpfen.

All dies zeigt eindrucksvoll, dass Ryanair neu denken muss, um weiter zu den größten Airlines Europas zu gehören. Wegen Personalknappheit konnte der vergangene Winterflugplan schon nicht so geflogen werden wie gedacht, hinzu kommen Streitigkeiten mit den Gewerkschaften. Das Wachstum aus eigener Kraft scheint daher zumindest im bisherigen Ryanair-Sytem limitiert. Hier müssen die Iren gegensteuern, schließlich geht es um nicht weniger als die Spitzenposition in Europa.

Von: cs
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