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Wie kann es zu einer Notlandung kommen?

27.07.2017 - 09:03 0 Kommentare

Immer wieder liest man von Notlandungen nach dramatischen Ereignissen an Bord. Langstreckenpilot Nikolaus Braun erklärt, wie Fehler an Bord behandelt werden und was wirklich eine Notlandung ist.

Konsole im Cockpit einer A340  - © © airliners.de - Christian Höb

Konsole im Cockpit einer A340 © airliners.de /Christian Höb

Auch wenn Verkehrsflugzeuge regelmäßig gewartet werden, kann es immer mal wieder zu Ausfällen oder Fehlfunktionen in einem der vielen komplexen Systemen kommen. Ein Aspekt der Technik, der für die Piloten zu ihrem normalen Arbeitsalltag an Bord gehört.

Schaut man in die Betriebshandbücher eines Verkehrsflugzeugs, findet man die Verfahren in zwei Kategorien eingeteilt: Zum einen die "Normal Procedures" und die "Non-Normal-Procedures" (Boeing) beziehungsweise "Abnormal and Emergency Procedures" (Airbus). Die "Abnormals" beinhalten Verfahren für alle Arten von Systemausfällen. So findet man dort beispielsweise kurze Verfahren zum Zurücksetzen eines Computers für die Temperaturregelung der Klimaanlage.

Ebenso findet man dort etwas komplexere Verfahren für den Fall eines Triebwerksausfalls bis hin zu hochkomplexen Verfahren bei weitreichenden technischen Defekten wie zum Beispiel der Isolierung eines Treibstofflecks. Der Einfachheit halber bezieht sich dieser Artikel auf die Airbus-Verfahren, sofern es nicht anders erwähnt wird.

Sicherer Reset der Systeme

Ein kleiner technischer Defekt, wie er immer mal wieder einmal auftreten kann, bleibt für die Passagiere meist unbemerkt. Da viele Systeme über Computer angesteuert werden, wird bei einer Vielzahl an Ausfällen ein Zurücksetzen des Systems durch die bereits angesprochenen Verfahren veranlasst.

Computernutzer kennen das: "Einfach mal Aus- und wieder Einschalten." Im Flugzeug wird das aber nicht freihändig "einfach so" gemacht, sondern streng nach Verfahren: Je nach System sind dabei bestimmte Vorkehrungen zu treffen, um einen solchen Reset sicher durchführen zu können. Lässt sich mit Hilfe des Resets das Problem nicht lösen, wird das betroffene System in der Regel abgeschaltet und ist ein Fall für die Techniker am Zielort.

Oft informieren die Piloten den Wartungsbetrieb schon oft aus der Luft, um eventuelle Folgen für den nächsten Flug zu klären: Die "Minimum Equipment List" (MEL) regelt, welche Systeme einen Defekt haben dürfen und wie damit umgegangen wird. So dürfen zum Beispiel Teile der Positionslichter defekt sein, wenn die weißen Blitzlichter alle funktionsfähig sind. Systeme, die nicht in der MEL aufgeführt sind, müssen funktionieren. Würde in einem solchen Bereich ein Defekt vorliegen, muss er am Boden vor dem nächsten Flug behoben werden.

Übertragen auf ein Auto könnte beispielsweise das Fahren mit einem ausgefallenen Scheibenwischer gestattet sein, wenn vor Fahrtantritt klar ist, dass es nicht regnen wird. Bei einem Defekt an der Bremsanlage wäre eine Weiterfahrt nicht möglich. Der Ausfall des Autoradios hingegen wäre kein Problem.

Was heißt "Land as soon as possible" für die Piloten?

Mareike K.

Bei größeren Fehlern, wie zum Beispiel dem Ausfall eines Triebwerks bei einem zweimotorigen Flugzeug, ist klar, dass das Flugzeug baldmöglichst wieder landen sollte. Airbus schreibt hier "Land as soon as possible (asap)" in gelber Schrift auf dem Display. Für die Crew ist das der Hinweis, zügig wieder zu landen, allerdings erst, nachdem das Flugzeug entsprechend für die Landung vorbereitet worden ist - es ist noch keine Notlandung.

Diese Arten von Sicherheitslandungen sind vermutlich der Großteil der technisch bedingten Ausweichlandungen: Das Flugzeug ist im aktuellen Zustand noch problemlos flugfähig und kann voll kontrolliert gesteuert werden. Es ist lediglich die Absicherung (Redundanz) verloren gegangen, die eine weiteren Ausfall kompensieren könnte.

Im Falle des Triebwerksausfalls heißt das: Das Flugzeug ist trotz des Verlustes eines Triebwerks vollumfänglich flugfähig. Es kann zwar vielleicht nicht mehr die aktuelle Reisflughöhe halten und muss etwas tiefer weiterfliegen, aber es kann ohne Weiteres noch mehrere Stunden in der Luft bleiben und sicher zu einem Ausweichflughafen fliegen.

© dpa, Ralf Hirschberger Lesen Sie auch: Wie fliegt ein Flugzeug, wenn ein Triebwerk ausfällt? Antworten aus dem Cockpit

Erst bei sehr großen Fehlern kann es wirklich zu einer Notlandung kommen. "Großer Fehler" heißt hier ein Versagen mehrerer Systeme oder eine Situation, die ein sofortiges Landen erfordert - Airbus schreibt bei diesen Fehlern "Land as soon as possible" in rot.

Fehler dieser Art kann man einfach in zwei Gruppen einteilen: Zum einen Fehler, welche die Flugfähigkeit oder Steuerung des Flugzeuges drastisch reduzieren und zum anderen alle Probleme, die mit Feuer oder Rauch zu tun haben.

Fällt ein Flugzeug bei Ausfall aller Motoren vom Himmel?

Jannik P.

Fallen bei einem Flugzeug gleichzeitig alle Triebwerke aus, fällt es nicht vom Himmel. Es wird zum Segelflugzeug und gleitet im Segelflug langsam der Erde entgegen. Auch wenn in diesem Fall eine Landung eine echte Notlandung ist, kann es durchaus gut ausgehen.

Erfolgreiche Landung

In der Geschichte der Luftfahrt findet man mehrere erfolgreiche Landungen von Verkehrsflugzeugen ohne laufende Motoren. Einer der bekanntesten Fälle ist der Fall der Air Transat 236. Der Linienflug einer A330-200 im August 2001 von Toronto nach Lissabon hatte nach etwa vier Stunden Flugzeit ein Leck in einer Treibstoffleitung. Aufgrund von Arbeitsfehlern der Piloten wurde dieses Leck erst sehr spät bemerkt und erst dann eine Ausweichlandung auf den Azoren angestrebt. Kurze Zeit später fiel der erste Motor wegen Treibstoffmangels aus, kurz darauf der zweite. Es folgte ein 20 Minuten dauernder Sinkflug ohne Motor, der in einer erfolgreichen Landung auf der Militärbasis Lajes auf den Azoren mündete.

Wenn man von einem Worst Case in der Verkehrsfliegerei sprechen kann, ist es Feuer an Bord. Natürlich sind in einem Flugzeug alle eingebauten Gegenstände besonders feuerfest oder mindestens schwer entflammbar, sodass es zum Glück ausgesprochen selten zu einem Brand kommt.

Aber Feuer hat zwei große Gefahren: Ist es erst einmal ausgebrochen, ist es schwierig wieder einzudämmen. Und es entsteht meist viel Rauch, der für die Menschen an Bord eine Gefahr darstellt. Feuer an Bord - oder alle Zeichen, die auf ein Feuer hinweisen können - werden daher sofort und massiv bekämpft.

Die gesamte Besatzung wird regelmäßig in den Notverfahren geschult und muss im Training auch echte Feuer löschen. Neben der Rauchschutzausrüstung, die eine komplett unabhängige Luftversorgung garantiert, und den obligatorischen Feuerlöschern gibt es auch schweres Werkzeug, um versteckte Brandherde erreichen zu können.

Sofortige Landung bei Rauch

Ein mögliches Feuer im Frachtraum wird durch Rauchmelder erkannt. Entschließt sich die Crew, die Löschmittel zur Brandbekämpfung in den Frachtraum einzuschießen, kann ein Feuer für mehrere Stunden unterdrückt werden. Ob es sich dabei allerdings um eine echte Warnung oder einen Fehlalarm handelt, ist nicht mehr herauszufinden: Das Löschmittel ist für den Rauchmelder wie Rauch, sodass die Warnung bestehen bleiben wird.

In jedem Falle wird die Cockpit-Crew bei Rauch oder Feuer, wenn die Rauchquelle nicht sofort sicher bestimmt und erfolgreich bekämpft werden kann, das Flugzeug so schnell es geht landen.

Mayday, Mayday, Mayday

Gerät ein Flugzeug in eine Luftnotlage, wird es in jedem Falle einen Mayday-Call absetzen. Dieser geht auf einen britischen Funker zurück, der in engem Kontakt mit Funkern in Paris stand. Sprachlich ist es vermutlich die phonetische Wiedergabe des französichen "M'aider!" ("mir helfen") oder als Verkürzung von "Venez m'aider!" ("Kommen Sie mir helfen!") entstanden.

Im Umkehrschluss bedeutet ein Mayday aber nicht zwangsläufig eine drohende Katastrophe: Verliert ein viermotoriges Flugzeug beim Start einen Motor, ist das an sich erst einmal keine Luftnotlage. Allerdings erfordert der Umstand, dass das Flugzeug von der geplanten Route abweicht und eine besondere Abflugstrecke für Triebwerksausfall fliegt, die dem gehandicapten Flugzeug vor allem ein sicheres Passieren aller Hindernisse ermöglicht und die von jeder Airline individuell festgelegt werden kann.

Ein Mayday-Call in dieser Situation kann zu verantworten sein, da dadurch alle Aufmerksamkeit der Lotsen und anderer Flugzeuge sichergestellt ist. Dies gilt insbesondere an Flughäfen mit einem sehr hohen Verkehrsaufkommen. Die Lotsen bekommen die Chance, anderen Verkehr in der Gegend aus dem Weg zu schaffen und weitere Hilfen bereit zu stellen. Ist die unmittelbare Gefahr ausgeräumt, kann ein Mayday auch zurückgenommen werden.

Und Turbulenzen?

Schwere Turbulenzen, so unangenehm sie auch für die Passagiere sein mögen, sind für ein Flugzeug nicht schlimm und damit kein Notfall. Die Tragflächen sind ausreichend elastisch, um den Kräften nachgeben zu können und schwingen dementsprechend auf und ab. Sind alle Passagiere angeschnallt, kann nichts passieren.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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