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Wie entstehen Kondensstreifen?

24.08.2017 - 08:06 0 Kommentare

Im Internet hält sich hartnäckig eine Verschwörungstheorie: Flugzeuge versprühen Chemikalien. Langstreckenpilot Nikolaus Braun erklärt, wie sich diese Kondensstreifen bilden.

Ein Flugzeug am Himmel über Nürnberg. - © © dpa - Daniel Karmann

Ein Flugzeug am Himmel über Nürnberg. © dpa /Daniel Karmann

Das perfide an Verschwörungstheorien ist, dass man sie nicht widerlegen kann: Entweder man stimmt ihr zu und bestätigt sie damit. Oder man leugnet sie – weil man selbst Teil der Verschwörung ist. So sehen es zumindest die Anhänger der Theorien.

Und so wird wohl auch dieser Artikel Chemtrails-Gläubige nicht von ihrem Glauben abbringen können, dass Fluggesellschaften im Auftrag von wem auch immer Chemikalien versprühen. Die daraus angeblich resultierenden Chemtrails bleiben der Theorie zufolge durch den Einsatz chemischer Mittel länger bestehen als normale Kondensstreifen. Der Sinn der Sprühmaßnahmen ist je nach Quelle die Abschattung der Erde oder auch das gezielte Vergiften und/oder die psychopharmazeutische Manipulation von Menschen.

Woher kommen die Muster am Himmel?

Lisa P.

Dabei ist ein Kondensstreifen an sich einfach nur die Kondensation von Wasserdampf im Abgas an Partikeln in der Luft – also Wolkenbildung. Partikel sind immer vorhanden, die Zahl wird aber durch im Abgas enthaltene Rußteilchen deutlich erhöht. Es entstehen im Abgasstrahl unter bestimmten Bedingungen Eiskristalle und damit Kondensstreifen – und die können durchaus verschieden aussehen.

Kondensstreifen gibt es in allen Formen und Farben

Teilweise gibt es Beobachtungen und Fotos von Flugzeugen am Himmel, von denen eines einen Kondensstreifen erzeugt und ein anderes nicht. Chemtrails-Gläubige werden argumentieren, dass ein Flugzeug Chemie versprüht, das andere hingegen nicht. Dabei lassen sich die Beobachtungen sehr einfach erklären: Es liegt schlicht und ergreifend an der umgebenden Luftmasse, inwiefern Kondensation stattfindet und wie lange sie bestehen bleibt.

Hierbei spielt in allererster Linie die Flughöhe eine Rolle: Flughöhen sind über Zentraleuropa und weiten Teilen der Welt in Abständen von 1000 Fuß vergeben und werden auch so genutzt. Auf einen Abstand von mehreren Kilometern ist das Auge nicht mehr in der Lage, diesen Abstand in der Tiefe aufzulösen. Die Flugzeuge wirken also gleich hoch, obwohl sie höchtswahrscheinlich nicht in gleicher Höhe fliegen.

Sehr viel spannender ist jedoch der Einfluss der Atmosphäre. Die Natur ist viel zu kreativ um sich an das zu halten, was Wissenschaftler als Standard definiert haben. Insofern unterscheiden sich auch die Luftmassen und deren Schichtung über unseren Köpfen in der Atmosphäre von Tag zu Tag: Mal haben Flugzeuge in einem Höhenband von mehreren hundert bis tausend Metern fast identische Bedingungen, mal sind es sehr dünne Schichten. Mal gibt es hochreichende Wolken, mal nicht. Mal ist der Wind sehr stark, mal ist es windstill. Mal gibt es graduelle Übergänge, mal gibt es harte Umbrüche – oft mit Turbulenz – zwischen den Luftmassen.

Last but not least liegt es natürlich auch am Flugzeug. Je nachdem, ob es im Steig- oder Sinkflug ist, ob es beschleunigt, ob es klein oder groß ist, ob es alt oder neu ist, kann sich das Verhalten des Abgases und damit des erzeugten Kondensstreifens unterscheiden.

"Sprühmuster" am Himmel

Oftmals wird als Beweis für ein flächendeckendes Sprühen ein scheinbar sorgfältig am Himmel geplantes "Sprühmuster" aufgeführt. Fakt ist, dass es durchaus Tage und Zeiten gibt, an denen der Himmel flächig mit Kondensstreifen beziehungsweise deren Überresten bedeckt ist.

Kondensstreifenmuster am Himmel entstehen allerdings anders: Sie ergeben sich einfach, wenn Flugzeuge nacheinander identische Routen fliegen und der Wind die jeweiligen Kondensstreifen verschiebt. Natürlich fliegen Flugzeuge auch ab und zu nebeneinander oder vertikal versetzt. Viele Optionen sind denkbar. Fakt ist auf jeden Fall, dass bestimmte Routen in einem Luftraum öfter beflogen werden – sei es auf Luftstraßen oder auf Standardabkürzungen.

Lassen Flugzeuge etwas ab?

Etliche Fotos auf Chemtrail-Webseiten zeigen, wie Flugzeuge offensichtlich etwas ablassen, und das von Stellen abseits der Triebwerke. In der Tat gibt es in fast allen Verkehrsflugzeugen diverse Auslässe, die aber alle einen Sinn haben. Sei es die Abluft von den Batterien, sei es das Abwasser aus den Waschbecken, sei es die Entlüftung der Toilettentanks, sei es die Abluft aus den Küchen, die Abgase vom Hilfstriebwerk im Heck – jede Öffnung hat eine spezielle Aufgabe und wird gelegentlich genutzt.

Das Abwasser aus den Waschbecken geht zum Beispiel direkt über beheizte Auslässe nach Außenbords, da es im Gegensatz zum Toilettenabwasser keine Feststoffe enthält. Die Trennung macht auch insofern Sinn, als dass das Flugzeug auf diese Art und Weise mit jeder gewaschenen Hand leichter wird. Der Wasservorrat bei einem Großraumflugzeug kann 600 Liter durchaus übersteigen. Für den Kerosinverbrauch eine nicht zu vernachlässigende Masse.

Das Ablassen von Kerosin ist, wie in meinem Beitrag zum Thema bereits erklärt, ein absolutes Ausnahmeverfahren, das zudem nur bei wenigen Flugzeugen überhaupt möglich ist.

Was ist mit den Beweisfotos?

Auf vielen Seiten zum Thema Chemtrails findet man aber auch "Beweise" für angebliche Sprühdüsen in den Triebwerken, wie beispielsweise hier auf YouTube, das Thema wird auch hier aufgegriffen oder es geht um die "Nahaufnahmen von Airbus-Sprühdüsen". Genauso schnell findet man aber auch die Erklärungen, was das ist, wie zum Beispiel auf der sehr informativen Seite zur B737: Es sind Temperatur- und /oder Druckfühler (Die korrespondierenden Fotos zu den "Beweisen" sind fast ganz unten auf der Seite). Die Erklärungen decken sich mit den Einbauorten für Temperatur- und/oder Druckfühlern bei anderen gängigen Triebwerken.

Dazu sei generell noch angemerkt, dass nicht jedes Flugzeug einer Baureihe die selben Triebwerke installiert hat. Zum Teil gibt es verschiedene Triebwerks-Herstelleroptionen und auch die Triebwerksgenerationen unterscheiden sich. Genauso haben Triebwerke an verschiedenen Stellen Abläufe, sogenannte "Drains", aus denen Hydraulik-, Kerosin- oder andere Flüssigkeitsreste in sehr kleinen Mengen austreten können.

Zu guter Letzt: Ich kenne weder Frank Abel noch Martin Wagner persönlich, aber beide haben informative Seiten zum Thema Chemtrails, deren Aussagen sich mit meinen decken: "Frank Wettert" und "Chemtrails – Argumente, dass es sie nicht gibt".

Sehr gut kenne ich hingegen Flugzeuge – von innen, von außen und auch da, wo man normalerweise nicht hinschauen kann. Im Rahmen von Nebentätigkeiten bei meinem hauptberuflichen Arbeitgeber bin ich regelmäßig in der Werft und war auch schon in einigen anderen Werftbetrieben auf der Welt. Ich habe dort nicht nur "unsere" Flugzeuge gesehen, sondern auch die von anderen Flugbetrieben in allen möglichen Zuständen von an- und abmontierten Teilen. Nirgendwo habe ich auch nur irgendwelche Hinweise gesehen, dass Vorrichtungen zum Versprühen von Chemtrails eingebaut sind oder werden könnten.

Über den Autor

Regelmäßig beantwortet Verkehrsflugzeugführer Nikolaus Braun in der airliners.de-Serie "Antworten aus dem Cockpit" Fragen zu Piloten-Themen rund um Luftfahrttechnik & Flugbetrieb. Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an antwortenausdemcockpit@airliners.de

Nikolaus BraunNikolaus Braun ist Pilot bei einer großen deutschen Fluggesellschaft und fliegt derzeit auf Airbus A330/A340. Der studierte Dipl-Ing. (FH) für Luftfahrtsystemtechnik und -management berät zudem nebenberuflich mit seiner Firma Nikolaus Braun Aviation Consulting (NBAC) bei Projekten aus Forschung, Entwicklung, Gesetzgebung und Lehre.

Von: Nikolaus Braun für airliners.de
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