Interview

"Vorteile eines kleineren Flughafens nutzen"

19.01.2018 - 08:22 0 Kommentare

Nach einem Jahr großen Wachstums konzentriert sich Münster/Osnabrück-Chef Schwarz nun auf interne Veränderungen. Im Interview mahnt er an, dass kleinere Flughäfen oft an Strukturproblemen kranken.

Rainer Schwarz im Gespräch mit airliners.de.

Rainer Schwarz im Gespräch mit airliners.de.
© airliners.de

Flughafenchef Rainer Schwarz: "Wenn irgendwo ein Angebot existiert, dann wird das in unserer Region auch angenommen."

Flughafenchef Rainer Schwarz: "Wenn irgendwo ein Angebot existiert, dann wird das in unserer Region auch angenommen."
© airliners.de

Mit fast 970.000 Passagieren hat der Flughafen Münster/Osnabrück ein Wachstum von 23 Prozent im vergangenen Jahr hingelegt. Da kann die positive Grundstimmung von Airport-Chef Rainer Schwarz, angesprochen beim Besuch bei airliners.de, nicht durch das juristische Tauziehen um Niki, einen wichtigen Carrier am Flughafen, getrübt werden.

airliners.de: Herr Schwarz, nach Air Berlin ist nun auch Niki insolvent und aktuell am Boden - beeinflusst das Ihren Flughafen stark?
Rainer Schwarz:
Ja, schon. Wir hatten gerade auf dem Mallorca-Markt im Sommer 14 wöchentliche Mallorca-Flüge allein von Niki im Plan. Dagegen hat uns das Ende der Air Berlin nicht mehr so hart getroffen. Die Air-Berlin-Einschnitte hatten den Flughafen ja schon vor einiger Zeit ereilt. Wir hatten zuletzt keinen einzigen Flug mehr unter einer AB-Flugnummer - aber wir hatten eben noch Niki-Flüge. Da ist noch relativ unklar, was passiert. Das wird sich erst im Laufe der nächsten zwei oder drei Wochen entscheiden, wer da noch wie einsteigt. Von den Reiseveranstaltern kommt jedoch das klare Signal, dass Richtung Mallorca und Griechenland nach wie vor eine unbefriedigte Nachfrage definitiv besteht.

Wer könnte denn in Münster in die Lücken springen?
Germania hat sich ja aktuell zu unserem touristischen "Homecarrier" entwickelt. In 2017 wurden zwei Flugzeuge am Airport stationiert und ein umfangreiches Programm mit 15 Zielen aufgebaut. Mit Germania wollen wir in Zukunft sicherlich noch weiter wachsen. Darüber hinaus werden Sundair und Small Planet in diesem Jahr zu uns kommen. Außerdem baut Eurowings ihr Angebot aus.

Wo gibt es noch Neuerungen?
Bei Sun Express. Die haben bei den Koordinierungen für diesen Sommer am Flughafen schon ein Plus von 40 Prozent vorgesehen. Sun Express fliegt dann zweimal täglich Antalya für Touristen und zusätzlich noch Adana, Izmir und Kayseri für den ethnischen Verkehr.

Türkei-Flüge starten häufig nachts, da hat Münster/Osnabrück einen guten Standpunkt, da es ja den 24-Stunden-Betrieb gibt …
Genau, nachts ist es aber auch sehr kostenintensiv für Airports. Jedoch haben wir über den starken Türkei-Verkehr bereits die kritische Betriebsgröße für die Nacht erreicht und können den Bereich so gut für uns ausbauen. Münster ist quasi der einzige NRW-Airport, der einen 24-Stunden-Betrieb hat. Köln/Bonn hat den das zwar auch, nutzt das aber fast nur noch für die Fracht.

Davon hat Ihr Flughafen im vergangenen Jahr stark profitiert?
Ja, Münster/Osnabrück hatte schon in 2017 einen namhaften Ausweichverkehr, da die Nachtflieger in Düsseldorf häufig nicht mehr reinkamen. In der Vergangenheit sind die immer nach Köln gegangen, 2017 kamen sie oft zu uns. Ich gehe davon aus, dass dieser Effekt in diesem Jahr noch weiter zunehmen wird, weil Köln/Bonn ja seine Landebahn sanieren muss.

Vita

Der Manager: Rainer Schwarz hat große und kleine Flughäfen geleitet. Seit Februar 2017 ist er Geschäftsführer in Münster/Osnabrück. Vorher war er zwei Jahre lang Chef des Airports Rostock-Laage. Bekannt wurde Schwarz durch seine Zeit als Sprecher der Geschäftsführung der Berliner Flughafengesellschaft. Im Zusammenhang mit dem BER-Debakel wurde er dort 2013 entlassen. Vor der Zeit in Berlin leitete er die Flughäfen Düsseldorf und Nürnberg.

Der Erfolg: Rostock gilt als seine erfolgreichste Station. Vor seinem Amtsantritt stand der Airport kurz vor der Insolvenz. Schwarz richtete den Flughafen neu aus und setze unter anderem auf strategisch wichtige Kooperationen mit Kreuzfahrtreedereien. Schon vorher installierte er in Nürnberg ein touristisches Drehkreuz mit Air Berlin.

2017 haben Sie schon kurz angesprochen; es war für Sie ja das erste Jahr am Flughafen Münster/Osnabrück, wie war Ihr Start?
Es war sehr spannend. Gerade im Hinblick darauf, dass der Airport in den vergangenen zehn Jahren vor allem durch den Strategieschwenk der Air Berlin deutliche Verluste bei den Passagierzahlen hinnehmen musste. 2016 hatte der Flughafen nur noch 780.000 Passagiere - zehn Jahre vorher waren es noch doppelt so viele.

Im vergangenen Jahr dann ein Plus von 23 Prozent - ist das die Trendwende?
Das zeigt zunächst einmal ganz klar: Wenn ein Angebot existiert, dann wird das in dieser sehr einkommensstarken Region auch angenommen. Gleichwohl würde ich noch nicht von einer Trendwende sprechen, dazu muss der Wachstumspfad noch nachhaltiger werden. Darüber hinaus geht es aber nicht nur um Airline-Akquise, sondern auch um strukturelle Veränderungen am Airport. Wir sind ja eigentlich ein kleiner Flughafen, sind derzeit aber aufgestellt wie ein Riesenkonzern.

Inwiefern?
Wir haben für alle Wechselfälle des Lebens Tochtergesellschaften. Hier versuchen wir gerade die Aktivitäten wieder ein bisschen zusammenzuführen. Der größte Vorteil von kleineren Flughäfen ist ja wirklich die Flexibilität, die ein großer Flughafen so gar nicht entfalten kann. Wenn man an einem kleineren Airport diese Wendigkeit aber aufhebt, indem man das Geschäft in viele Konzerntöchter zersplittert, zerschneidet man seinen natürlichen Vorteil.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Wir hatten die Passage in einer eigenen Tochtergesellschaft, sogar noch mit mehreren fremden Gesellschaftern. Das haben wir jetzt wieder rückgängig gemacht. Wir sind jetzt wieder alleiniger Gesellschafter und können Synergieeffekte aus der Verknüpfung mit dem eigenen Geschäft heben. Aus den gewonnenen Synergien können wir Zusatzgeschäfte angehen So steigen wir zum ersten April ins Betankungsgeschäft ein. Wir werden das "into-plane-Geschäft" im Rahmen eines Agenturmodells mit eigenem Personal übernehmen.

Sie sprachen eben den Strategieschwenk von Air Berlin an, der den Flughafen über ein Jahrzehnt lang belastet hat. Neben allen strategischen Airport-Themen müssen Sie ja auch den Verkehr langfristig im Blick haben …
Deshalb ist auch ein wichtiges Thema für die Zukunft die Wiederaufnahme von direkten Verbindungen in große Städte wie London, Berlin oder Wien. Da müssen wir gucken, was wir vielleicht mit verschiedenen Airlines aufbauen können - vielleicht auch mit Carriern, die ihre Maschinen woanders stationiert haben und dann nur reingeflogen kommen. Denn nicht nur eine Germania oder eine Sun Express bringen uns viele Passagiere, gerade Lufthansa mit fast der Hälfte der Jahrespassagiere auf Business-Routen gibt einen klaren Ton vor.

Also kommt bald Easyjet nach Münster? Die fliegen ja nun auch innerdeutsch und haben sich zur neuen Business-Airline in Deutschland ausgerufen.
Wir haben auf jeden Fall Bedarf nach einer Berlin-Route. Das ginge theoretisch über eine Easyjet, wobei die sich in der ersten Welle auf die großen Flughäfen wie Frankfurt, München und Stuttgart konzentriert hat. Aber direkte City-Verbindungen kann man auch mit einem Business-Konzept machen.

Was bietet denn Münster/Osnabrück Geschäftsreisenden?
Die Wege sind sehr kurz am Flughafen. Wir haben ja hauptsächlich Vielflieger, das heißt, die kommen in der Regel etwa 20 Minuten vor dem Abflug: Man kann praktisch vor dem Terminal parken, geht dann durch die "fast lane", greift sich in der Lounge noch ein Brötchen und gegenüber ist dann sofort der Finger. Lufthansa hat diese Vorteile offenbar auch gesehen, denn sie hat im vergangenen Jahr von CRJs auf Airbusse umgestellt. Das Passagierpotenzial ist also da und es ist zahlungskräftig.

Ein gutes Angebot wollte der Flughafen auch lange schon interkontinental schaffen - dazu müsste eine längere Piste her, aber die kommt nun erst mal nicht?
In der Tat haben wir im Aufsichtsrat angesichts eines noch komplett zu durchlaufenden sogenannten "Planfeststellung-Ergänzungsverfahrens" entschieden, dieses Thema im Augenblick nicht weiter aktiv voranzutreiben. Wir werden das Verfahren wieder aufnehmen, wenn die Passagierzahlen dies rechtfertigen. Immerhin wissen wir nun genau, was zu tun ist, um eine Planreife zu erreichen.

Herr Schwarz, wenn man mit Ihnen spricht kommt man nicht am Thema BER vorbei. Wir wollen Ihrer Zeit als Chef der Berliner Flughäfen die Abschlussfrage gewähren: Haben Sie rückblickend aus der Zeit eine persönliche Lehre gezogen, die Ihnen nun in Münster hilft?
Ich glaube schon, dass man aus dem Scheitern in einer Position auch lernen kann. Ich persönlich habe gelernt, wie politische Entscheidungsprozesse ablaufen und wie man als Geschäftsführer eines öffentlichen Unternehmens dabei agieren sollte. Bei Amerikanern wie auch in der Start-Up-Industrie gilt: Man wird erst ernst genommen, wenn man schon mal gestolpert und dann aber auch wieder aufgestanden ist.

Vielen Dank für das Interview, Herr Schwarz.

Von: br, cs
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