Tragödie im Schatten des Kalten Krieges

Vor 40 Jahren: Absturz bei Königs Wusterhausen

14.08.2012 - 14:49 0 Kommentare

Mit 156 Todesopfern ist es bis heute das folgenschwerste Flugzeugunglück auf deutschem Staatsgebiet. Vielen Menschen ist das gar nicht bewusst. Stattdessen gibt es auch nach 40 Jahren noch Gerüchte und Legenden.

Start einer Il-62 der Interflug

Start einer Il-62 der Interflug
© Berliner Flughäfen

Interflug Iljuschin 62 DM-SEA. Diese Maschine stürzte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen ab.

Interflug Iljuschin 62 DM-SEA. Diese Maschine stürzte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen ab.
© Berliner Flughäfen

Feierliche Begrüßung der ersten Iljuschin 62 DM-SEA 1970 am Flughafen Berlin-Schönefeld. Diese Maschine verünglückte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen.

Feierliche Begrüßung der ersten Iljuschin 62 DM-SEA 1970 am Flughafen Berlin-Schönefeld. Diese Maschine verünglückte am 14.8. 1972 bei Königs Wusterhausen.
© Berliner Flughäfen

Iljuschin 62 der Interflug

Iljuschin 62 der Interflug
© AirTeamImages.com - ATI Collection

Gedenktafel in Wildau f

Gedenktafel in Wildau f
© GNU - Derlars

«Da war diese merkwürdige Knattern in der Luft», erinnert sich Irmgard Horn (75). «Mein Mann sagte noch: "Da geht wohl einem die Puste aus" - und dann knallte es.» Das Flugzeugunglück bei Berlin vor 40 Jahren hat sich in das Gedächtnis nicht nur vieler Brandenburger eingebrannt. Auf dem Weg ans Schwarze Meer verloren 148 Urlauber und acht Besatzungsmitglieder der DDR-Fluggesellschaft Interflug mitten in der Urlaubszeit am 14. August 1972 ihr Leben.

Die Ursache für den Absturz unweit des DDR-Zentralflughafens Schönefeld am Stadtrand Berlins ist bis heute kaum bekannt. Dabei hatten Experten zügig Konstruktionsfehler des sowjetischen Herstellers als Unglücksursache ausgemacht. Diese wurden behoben, aber nie öffentlich eingestanden - um das Verhältnis der beiden Staaten nicht zu belasten.

«Wir sind der schwarzen Rauchwolke am Himmel mit den Mopeds nachgefahren», erinnert sich Dietmar Lange. Der Bahnmitarbeiter aus Wildau war 17 Jahre alt, als die IL 62 DM-SEA kurz nach 17.00 Uhr im Nachbarort abstürzte. Lange hat damals gesammelt, was er in die Finger bekam: Die Todesanzeige der Interflug für ihre Besatzung, die einen «wertvollen Beitrag zur Entwicklung unseres sozialistischen Luftverkehrs geleistet» hatte. DDR-Zeitungsartikel, die von einem «Regen aus Menschen und Koffern» und später einem «ergreifenden Trauerakt» berichten. Fotos von Särgen, aufgereiht beim Trauerakt des Ministerrats der DDR auf dem Waldfriedhof in Wildau-Hoherlehme, einem Nachbarort der Unglücksstätte.

Am Rande des Friedhofs wurde damals ein schwarzer Gedenkstein für die Opfer errichtet. Er trägt die Namen von 60 Insassen, deren Identität nicht mehr geklärt werden konnte, und deren sterbliche Überreste in Wildau beerdigt wurden. Die anderen Opfer wurden in ihren Heimatorten bestattet.

Die Identifizierung war für die Rechtsmediziner ein Kraftakt, ein derartiger Katastropheneinsatz war neu: «Für eine so große Zahl von Leichen und Leichenteilen wie nach dem Flugzeugabsturz wie bei Königs Wusterhausen fehlten spezielle Transportfahrzeuge, ebenso geeignete Räume für die Lagerung mit Licht, Belüftung, Kühlung und wenigstens minimalen hygienischen Verhältnissen», berichtet Gunter Geserick, Ex-Chef des Gerichtsmedizinischen Instituts der Charité, in dem Buch «Endstation Tod».

Die Angehörigen erfuhren von alledem damals nur sehr wenig. «Der Staat hat uns nie eine Erklärung gegeben», schildern Angehörige in der Dokumentation «Der Todesflug der IL 62» vom Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Dabei lag nach zahlreichen Tests 1973 ein klares Ergebnis der Untersuchungskommission vor: Ein Konstruktionsfehler hatte dazu geführt, dass es im Heck zu einem Kurzschluss kam. Da dort leicht entzündliches Enteisungsmittel lagerte, entstand ein Feuer. Dieses blieb aber unbemerkt - das Heckteil löste sich zusammen mit dem Höhenleitwerk vom Rumpf.

Doch die Unterlagen blieben unter Verschluss und die DDR-Oberen vereinbarten Stillschweigen. Sie wollten einen Konflikt mit den sowjetischen Genossen vermeiden. Experten werten es aber als Eingeständnis, dass der Hersteller technische Veränderungen an dem Maschinentyp und bei der Wartung vornahm.

In der Öffentlichkeit hielt sich jedoch hartnäckig das Gerücht, die Maschine sei beim Durchfliegen einer selbst verursachten Treibstoffwolke explodiert. Ähnlich spekulierten West-Medien. «Die wahren Zusammenhänge und Hintergründe konnte man erst nach der Wiedervereinigung 1990 recherchieren», sagt Hajo Henning vom Berlin-Brandenburgischen Luftfahrtclub «Otto Lilienthal». Sein Verein hat nach der Wende dazu beigetragen, die Puzzleteile zusammenzufügen und den Angehörigen damit Klarheit zu geben.

Externer Link: "Stotterndes Geheul" in DER SPIEGEL 35/1972

Von: Marion van der Kraats, dpa
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