Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Schon der Name des Ladens ist klasse: „Title Wave“, ein englisches Wortspiel aus „Flutwelle“ und „Titel-Welle“. So heißt einer meiner liebsten Buchläden für Luftfahrtbücher. Nach denen bin ich auf meinen Reisen in aller Welt stets auf der Suche, um meine schon stattliche Bibliothek mit spannenden Neuzugängen zu füllen. Der Laden „Title Wave Books“ steht in Anchorage, Alaska. Er ist so groß wie hierzulande einer der wenigen verbliebenen Bücher-Megastores in großen Städten. Nur ist er in Anchorage ausschließlich mit gebrauchten Büchern gefüllt, und bestens sortiert.
Selten habe ich irgendwo ein derart prall gefülltes Regal mit so tollen Luftfahrtbüchern gesehen wie bei meinem letzten Besuch in Anchorage. Es war fast qualvoll entscheiden zu müssen, welche der schönsten Bände ich mitnehmen würde, und welche ich zurücklassen musste. Nicht weil sie zu teuer waren, im Gegenteil, dort gelten beinahe Spottpreise. Sondern weil ich sie in meinem Fluggepäck unterkriegen und nach Hause expedieren musste.
Ich bin ja inzwischen stets auf Überraschungen bei Second Hand-Buchläden im englischsprachigen Raum gefasst, aber diesmal ging mir ein unerwartetes Juwel ins Netz: „The Grub Street Dictionary of International Aircraft Nicknames“ (London 1994). Ein ganzes Lexikon nur mit Spitznamen für hunderte von Flugzeugtypen.
Flugzeuge, anders als Autos, haben ab Werk selten klingende Beinamen. Denn keine Airline kauft, im Gegensatz zum gemeinen Autokunden, wegen des originellen Namens eher diesen als jenen Passagierjet, da zählen andere Werte. Die Zeiten von Firmen wie Sud Aviation, Convair oder Lockheed, die ihren Verkehrsflugzeugen noch schmückende Markennamen wie Caravelle, Coronado, Electra oder TriStar verpassten, sind lange vorbei. Heute heißen moderne Flugzeuge ganz technokratisch A350 XWB-1000 und so ähnlich, wo bleibt da die Romantik?
Und selbst zu Zeiten poetischerer Namen waren es stets die Piloten, die unglaublich kreativ waren, wenn es darum ging, ihre fliegenden Untersätze mit unterscheidbaren Eigennamen zu belegen. Interessanterweise waren und sind die oft gar nicht besonders schmeichelhaft, obwohl man doch annehmen sollte, dass Flugkapitäne ihre Maschinen lieben und ehren. Und ebenfalls erhellenderweise gibt es für Militär- und Kampfflugzeuge eine wesentlich größere Namensvielfalt und -phantasie als für Passagierflieger. Das lässt sich in meinem Lexikon sehr gut studieren.
Da gibt es bei den Militärs das Banana Boat und die Flying Barndoor (fliegende Stalltür), überhaupt habe ich über ein halbes Dutzend Bezeichungen mit Flying... gefunden: Bathtub (Badewanne), Bedstead (Bettgestell), Pancake (Pfannkuchen), Coffin (Sarg), Pencil (Bleistift), Porcupine (Stachelschwein), Potato (Kartoffel), Skyscraper (Wolkenkratzer) oder Suitcase (Koffer). Und oft beschrieben diese Namen treffend fliegende Ungetüme.
Bei Passagierflugzeugen wird die Kreativität schon weniger. Für die Boeing 737 gibt es die meisten Einträge: Von Lufthansa-Piloten stammt Schweinchen oder Bobby, bei Britannia nannte man die Baby Boeing auch Fluff – das stand für „Funny Little Ugly Fat Fella“. Zum Baby Jumbo wurde die Boeing 747SP, auch als Junior Jumbo bekannt. Das Motiv des fliegenden Elefanten nahmen gleich mehrere Flugzeugtypen auf: Dumbo, nach dem Disney-Comic, hießen eine zeitlang alle amerikanischen Seenotrettungsflugzeuge, während das von der Crossair-Marketingabteilung erfundene Jumbolino für die BAe 146 bzw. die Avro-Jets die Airline selbst lange überlebte.
Die Swissair-Idee „Eurobus“ für die A310 hingegen konnte sich nie durchsetzen. Exotischer das an die Concordski (Tu-144) angelehnte Airbuskie für die russische IL-86 oder Bacalla, wie bei American Airlines die britische BAC 1-11 hieß. Eher profan, aber treffend der Three Holer für die Boeing 727, hübsch dagegen Vicky 10 für die unvergessene Vickers VC-10. Als Whispering Giant verkaufte der Hersteller bereits die viermotorige Bristol 175 Britannia, der Flüsternde Riese dagegen war eine Erfindung der LTU-Marketingabteilung für die TriStar.
Pfiffig war Douglas, die die DC-7C Seven Seas nannte, ein schönes Wortspiel mit der Typenbezeichnung und dem weltweiten Einsatzgebiet der Viermotorigen. KLM-Piloten nannten ihren DC-7-Simulator übrigens Dry Sea. Nicht immer stimmten die Namen mit der Wirklichkeit überein: Während Tin Donkey (Blechesel) für die frühen Junkers-Flugzeuge noch zutreffend sein mochte, wurde die von Howard Hughes gebaute H-4 Hercules nur unter ihrem Spitznamen Spruce Goose bekannt – und der war auch noch falsch, besteht die angebliche Fichtengans doch in Wirklichkeit aus Birkenholz.
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