Interview

"Viele Airlines werden den Winter nicht überleben"

18.10.2018 - 14:03 0 Kommentare

Ryanair-Chef Michael O'Leary skizziert im Interview mit airliners.de, was sich nach dem Chaos im Sommer nun ändern muss, bewertet die Slot-Idee von Lufthansa und wagt eine Prognose für weitere Pleiten.

Michael O'Leary:

Michael O'Leary: "Die Verzögerungen bei den Tarifverhandlungen sind nicht unsere Schuld." © dpa /Jasper Jacobs

Azur Air, Primera Air, Small Planet Deutschland: Die Liste der Airlines, die im Sommer von Jahr eins nach Air Berlin in die Knie gingen, ist lang. Auch Low-Coster Ryanair musste deutliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Zum Gespräch mit airliners.de erscheint Airline-Chef Michael O'Leary dennoch gut gelaunt wie eh und je. Der oft als Clown titulierte Manager steht immerhin seit 25 Jahren an der Spitze von Europas inzwischen größtem Billigflieger und kann nach den Problemen der vergangenen Monate bei der Akquise neuer Airlines aus dem Vollen schöpfen.

airliners.de: Herr O'Leary, wird Ryanair für Small Planet bieten?
Michael O'Leary: Oh Gott, nein. In den vergangenen Wochen haben wir viele Airline-Pleiten gesehen: Small Planet, Azur Air …

… und Alitalia …
Nein, das ist was anderes. Die sind schon länger am Ende.

Wollen Sie denn die kaufen?
Nein, da sind wir raus. Die reden nur noch mit Lufthansa und einigen der Golf-Carrier. Ich denke, dass der Verkaufsprozess da auch ziemlich schwierig ist, immerhin gibt es eine italienische Regierung, die die Airline gerade nicht wirklich verkaufen will.

Ok, letzter Name: Norwegian?
Ich denke, Norwegian dümpelt ja jetzt schon länger vor sich hin und geht im Winter in die Knie. Das liegt auch daran, dass die sehr stark vom Ölpreis abhängig sind: Die haben gerade mal 15 Prozent für die kommenden zwölf Monate gehedgt. Und der Ölpreis liegt bei 85 Dollar pro Barrel. Norwegian muss also 85 Prozent des Öls zum normalen Marktpreis einkaufen. Die konnten schon im letzten Jahr kein Geld machen, als das Öl noch billiger war, und jetzt haben die noch ein Jahr mit Rekord-Ölpreis. Die sind im Winter weg.

Jetzt sind Sie aber meine Frage ausgewichen …
… und zwar?

Ob Sie Norwegian kaufen wollen.
Absolut nicht. Da sind offenbar IAG und Lufthansa im Gespräch, und die sind mehr als willkommen. Ganz allgemein wäre es für die Branche sogar gut, wenn Norwegian pleite geht. Denn gerade im Winter gibt es zu viel Angebot. Die Kapazitäten legen um sechs bis acht Prozent innereuropäisch zu. Und das wiederum merkt man an den Preisen, die gerade purzeln wie nie.

Der Manager

Michael O'Leary wurde 1988 Finanzchef bei Ryanair, sechs Jahre später übernahm er den Chefposten beim Low-Coster. Angefangen hat es noch mit vier Flugzeugen, wie er stets betont. Durch seine häufig extravaganten Auftritte und verbalen Rundumschläge gilt er in der Branche inzwischen als Enfant Terrible. Dennoch ist sein Kontakt zur Politik nicht zu unterschätzen: In den 90er Jahren handelte er mit dem damaligen irischen Verkehrsminister Brennan aus, dass Konkurrentin Aer Lingus auf der Strecke Dublin-London Slots für die Flughäfen Heathrow und Gatwick bekam - Ryanair hingegen die für Luton und Stansted. Mehrere Medien zeichneten ihn später als "Manager des Jahres" aus.

Was wiederum noch mehr Airlines in Bedrängnis bringen wird …
Exakt, die verdienen kein Geld. So wie Norwegian, SAS oder TAP - Alitalia wird nicht pleite gehen. De facto sind sie das ja schon, aber der Staat hält sie in der Luft.

Das waren viele Namen, wie sieht es mit Ihnen aus?
Ryanair hat keine Probleme …

Aber in diesem Sommer haben doch alle Airlines mit Problemen gekämpft.
Definitiv. Unsere Pünktlichkeit fiel im ersten Halbjahr von 86 auf 75 Prozent. Das war sehr schmerzhaft. Und das hängt vor allem an der Deutschen Flugsicherung (DFS): viel zu wenige Lotsen und schlecht gemanagt. Dazu kommen die Streiks französischer Lotsen. Das waren neun Wochen in Serie in Marseille. Und gerade dieser Standort liegt im Mittelpunkt vieler Flugrouten. Das führte zu vielen Verspätungen und Ausfällen - ohne unsere Schuld.

Das hätten Sie ja beim Luftfahrtgipfel vor zwei Wochen in Hamburg ansprechen können.
Aber wir waren ja nicht mal eingeladen. Und als wir dann fragten, ob wir trotzdem teilnehmen dürften, hieß es nur, dass wir ja nicht deutsch wären … Das zeigt wieder: Eine rein deutsche Veranstaltung bringt nichts. Die meisten Probleme sind halt nicht mehr von einem einzigen Land lösbar.

Also halten Sie auch nichts von dem Vorschlag, der von Lufthansa-Chef Carsten Spohr kam, die Slots an einigen deutschen Airports zu begrenzen?
Was soll das denn bringen? Wir lösen alle Probleme, indem wir das Wachstum der Flughäfen stoppen? Guter Plan, Carsten! Damit hält Lufthansa doch nur Mittbewerber klein und kann noch mehr Geld machen. Lufthansa ist klar die Nummer eins der Branche - und mit dem Plan wird das definitiv auch so bleiben. Aber das ändert nichts am grundsätzlichen Problem: Wir brauchen 200 Lotsen allein bei der DFS mehr.

Das ist Deutschland - werfen wir einen Blick nach Österreich. Da haben Sie Lauda Motion. Sie halten aktuell 75 Prozent, wann stocken Sie auf 100 auf?
Wir haben eine Option, das innerhalb der nächsten drei Jahre zu machen. Entweder verkauft uns Niki Lauda selbst die übrigen 25 Prozent oder eben seine Familie tut dies.

Damit besitzt Ryanair dann neben ihrer Chartertochter in Polen noch Lauda Motion. Bauen Sie da an einem ganzen Haus voll mit Airlines?
Mal schauen. Es ist auf jeden Fall der Start einer Expansion - getrieben durch den Fakt, dass Lauda Motion Hilfe brauchte. Allein daran, dass Lauda Motion im ersten Jahr 150 Millionen Euro Verlust gemacht hat, sieht man ja, wie wichtig die Hilfestellung war.

Die Airline

Ryanair begann 1984 als Regionalfluggesellschaft in Irland. Knapp 35 Jahre später ist sie der größte Low-Cost-Carrier Europas. Mit jährlich rund 129 Millionen beförderten Passagieren und einem Gewinn von 1,45 Milliarden Euro kommt sie dem kompletten Lufthansa-Konzern gefährlich nah (2017: 130 Millionen / 2,4 Milliarden Euro). Ryanair bedient mit 450 Maschinen (ausschließlich des Typs Boeing 737) 220 Ziele in 37 Ländern.

Märkte von Ryanair
Angaben in Prozent
Spanien 18.9
Großbritannien 18.6
Italien 18.3
Deutschland 8.0
Irland 5.9
Polen 4.3
Portugal 4.3
Frankreich 4.0
Übrige Länder 17.7

Die Grafik zeigt die Verteilung der von Ryanair im Sommer angebotenen Kapazitäten ab verschiedenen Ländern. "Übrige Länder" sind jene mit jeweils weniger als vier Prozent Anteil. Angaben gerundet. Quelle: ch-Aviation

Aber sie hatte doch Condor?
Ja klar, aber wir wissen alle, dass die nicht genug Flugzeuge hatten, um das Wachstum abzusichern - wir schon. Und mit dem Mix aus den Maschinen von Niki, die von Lufthansa kamen, und eben unseren Flugzeugen konnte Lauda Motion ein Programm fliegen, um die Slots abzusichern.

Machen wir einen Cut und kommen zurück zu Ryanair selbst: Im Winter schließen Sie unter anderem die Basis in Bremen und ziehen auch in Weeze Flugzeuge ab - warum?
Das liegt auch am Ölpreis, wie ich ja eingangs bereits skizzierte: Die Branche kämpft mit den 85 Euro pro Barrel und muss nun sehr klug planen. Das sehen wir ja auch an Lufthansa, die ihre Basis in Düsseldorf schließt - oder eben an Easyjet, die sich aus Porto zurückzieht. Alle Airlines fahren ihr Angebot zurück - wegen niedriger Ticketpreise und dem hohen Ölpreis.

Kommen Sie nach Bremen zurück?
Bestimmt. Aber nicht im nächsten Sommer. Wir haben immerhin einen Wartungsstandort dort - also haben wir den Flughafen genau im Blick.

In Deutschland kämpfen Sie aktuell auch mit den Gewerkschaften - gerade von den Piloten kommen immer wieder die Klagen, man komme nicht vorwärts. Wieso ist die Kommunikation mit der Vereinigung Cockpit (VC) so zäh?
Ich finde nicht, dass dies so ist. Das ist ein Eindruck, den die VC verbreitet.

Aber es gab mehrere Streiks …
… die kaum von unseren Piloten unterstützt wurden. 70 Prozent unserer Piloten und Flugbegleiter haben normal gearbeitet. Die Streiks in Deutschland waren also bislang alles andere als erfolgreich. Aber der Punkt ist doch, dass wir Tarifverträge in Irland, in Großbritannien und in Italien abgeschlossen haben - warum funktioniert das in Deutschland nicht?

Das frage ich Sie.
Also an uns liegt es nicht. Die Schuld liegt bei den Gewerkschaften. Die wollen deutsche Verträge - ok für uns. Die wollen eine Erhöhung der Basisvergütung - wir akzeptieren. Jetzt wollen die Piloten eine Schlichtung - sollen sie haben. Wir fragten: "Wie lange soll die gehen?" Sie sagten: "Fünf Monate." - "Warum nicht drei Wochen?", war unsere Antwort. Also boten wir den Schlichter an, der schon beim Konflikt mit unseren irischen Piloten half. Immerhin kennt der unser System und die Probleme. Aber das lehnten die Deutschen ab - sie wollten Gerhard Schröder oder Martin Schulz. Völlig verrückt. Also vergessen wir doch die Idee der Schlichtung und treten wieder in direkte Verhandlungen. Das tun wir diese Woche auch mit Verdi und nächste Woche mit der VC.

Ryanair-Chef Michael O'Leary (links) mit airliners.de-Redaktionsleiter Carlo Sporkmann. Foto: © airliners.de

Also sind Sie weiter davon überzeugt, dass es bis Weihnachten Tarifverträge für deutsche Ryanair-Crews geben wird?
Vielleicht nicht bis Weihnachten - ich hoffe, dass es früher passiert. Aber wenn nicht: Für die Verzögerungen kann man nicht uns verantwortlich machen. Da sind VC und Verdi schuld. Und auch die Pleiten von Primera oder Small Planet spielen da mit rein.

Inwiefern?
Allein vergangene Woche haben wir 50 Piloten von Small Planet angestellt. Die Gewerkschaften merken nicht, dass es gerade keine gute Zeit ist, unbequem zu sein. Denn wenn Airlines pleite gehen, fallen eben auch Jobs weg.

Gutes Stichwort: Wie ist es mit Ihrem eigenen Job? 2024 sind Sie noch Chef von Ryanair?
Oh Gott, nein, ich hoffe nicht.

2023?
Vielleicht. Der Vorstand will, dass ich noch einmal einen Fünfjahresvertrag unterschreibe. Aber das will ich nicht. Ich bin jetzt schon fast 60 und mache den Job seit 25 Jahren. In zwei oder drei Jahren trete ich ab. Ich will doch nicht den Rest meines kompletten Lebens bei Ryanair verbringen.

Herr O'Leary, vielen Dank für das Interview.

Anmerkung: In der ursprünglichen, von Ryanair autorisierten Fassung dieses Gesprächs hieß es, dass Lauda Motion im ersten Halbjahr 150 Millionen Euro Verlust gemacht hat. Am Freitagnachmittag korrigierte das Management diese Aussage, dass das erste gesamte Jahr gemeint war.

Von: cs
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