Spaethfolge (139) ( Gastautor werden )

Very Important Passenger

26.06.2013 - 13:05 0 Kommentare

Kaum ein Begriff wird so inflationär für jeden Unsinn genutzt wie die Abkürzung „VIP“. Manchmal aber bekommt er plötzlich seine ursprüngliche Bedeutung auf wundersame Weise zurück, so wie neulich am Frankfurter Flughafen.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Ich bin kein wichtiger Passagier. Schon gar kein sehr wichtiger. Was ist das überhaupt? Jemand der soviel Geld für sein Ticket zahlt dass ihn die Airline auf Händen trägt? Jemand der so berühmt ist, dass seine Fans an jedem Flughafen, wo er auftaucht, die Absperrungen zu durchbrechen und den übrigen Betrieb lahmzulegen drohen? Oder so mächtig, dass jeder in seiner Gegenwart verunsichert ist? So reich, dass er notfalls gleich die ganze Airline oder den Flughafen kauft, wenn ihm was nicht passt? Solche Leute kann man eigentlich nur bemitleiden.

Ich genieße es immer, wenn ich inkognito, von niemandem behelligt, durch den Flughafen schlendere, irgendwo in der Lounge herumdösen kann, mir da auch mal ein zweites Weißbier selbst zapfe oder die Brez’n mit süßem Senf bestreichen, ganz wie es mir beliebt.

Dieses auf-sich-gestellt-sein hat natürlich manchmal auch Nachteile. Dann steht man irgendwo in der endlosen Warteschlange oder verpasst gar seinen Weiterflug, wenn es dumm läuft. Jetzt habe ich gelernt, wie man solchen Fährnissen des normalen Passagiers ganz einfach entfliehen kann, auch wenn man gar nicht wichtig oder gar sehr wichtig ist: Man bucht, gegen satte Gebühr, am Flughafen den „VIP-Service“. Den gibt es weltweit nirgends so umfassend wie in Frankfurt und München, sagen mir die Experten. Das kostet auf beiden Airports jeweils fast 300 Euro für die erste Person. Ohne Zweifel eine Menge Geld.

Wenn man allerdings überlegt, wie absurd teuer oft Business Class-Tickets auf innerdeutschen oder Europa-Strecken sind und wie wenig an Service man dafür geboten bekommt, scheint es durchaus plausibel, vielleicht lieber ein Billigticket zu kaufen und sich dafür am Boden hofieren zu lassen. Was am Ende vermutlich immer noch billiger ist – und wesentlich amüsanter.

Ich hatte neulich das Glück, diesen Service in Frankfurt ausprobieren zu dürfen für eine Recherche. Direkt an der Flugzeugtür meiner Delta-767 aus New York wurde ich abgeholt und auf die Ledersitze eines Jaguars verfrachtet, der fast direkt neben dem Bugrad wartete. Nach kurzer Fahrt stand ich vor aufgereihten Fahnen der VIP-Lounge und betrat diese. Ganz ehrlich: Drinnen ist es alles andere als spektakulär, das First Class-Terminal der Lufthansa oder auch die meisten First-Lounges bieten wesentlich mehr Verwöhn-Luxus. Aber darum geht es hier offenbar nicht, sondern um die ganz persönliche Betreuung und die Erfüllung (fast) aller Bedürfnisse.

Richtig ergreifend wurde es, als mir die oberste VIP-Betreuerin den Raum zeigte, wo sie Michael Jackson mit seinen Kindern noch kurz vor seinem Tod betreut hatte. Er hat mit ihnen ein Spiel gespielt, in dem er vorsang und die Kinder raten sollten, welches Lied er sang. Kurz darauf wurde ich dann mit dem Jaguar zu meinem Hamburg-Flieger gefahren und stieg als letzter ein. Sehr nett, aber brauche ich nicht wirklich.

Das war ein paar Tage später ganz anders: Ich musste in Frankfurt umsteigen auf dem Weg nach Johannesburg. Da die Verbindung recht knapp war hatten mir die VIP-Betreuer noch einmal ihre Hilfe angeboten. Das war, wie sich zeigte, meine Rettung. Nachdem wegen widriger Winde in Frankfurt eine Bahn gesperrt war und Flüge ausfielen, kam meiner mit über einer Stunde Verspätung an. Blieb noch eine halbe Stunde Umsteigezeit, von A24 nach B26, durch den Vorfeldtunnel, nicht zu schaffen. Aber für mich stand ja ein 7er-BMW bereit, kurzer Stopp an der privaten Passkontrolle der VIP-Lounge, dann direkt zur SAA-A340. Innerhalb von elf (!) Minuten nach dem Aussteigen saß ich auf meinem Platz im Südafrika-Flieger. Wahnsinn.

Soweit ich weiß haben die anderen sechs Umsteiger, von denen ich erst später erfuhr, den Weiterflug verpasst. Leider muss man den VIP-Service mit längerem Vorlauf bestellen, ich denke so ein Notfall-Dienst, wenn es mal eng wird, wäre auch eine Marktlücke, gerade in Frankfurt.

Mein schönstes Erlebnis als „VIP“ allerdings hatte ich vor Jahren beim Umsteigen in Doha. Schon beim Ausrollen der A330 sah ich einen weißen BMW an der Vorfeldposition parken und eine mir bekannte Airline-Mitarbeiterin auf mich warten. Ich schritt als erster die Gangway hinunter, kurze Umarmung, Transfer ins Premium-Terminal von Qatar Airways. Dort wurde zum Champagner eigens besorgter frischer Hummer aus dem Oman serviert. Viel zu schnell ging es dann wieder per Limousine direkt zu meinem Flieger nach Kapstadt. Also, an derlei Umsteigevorgänge könnte man sich schon gewöhnen. Auch wenn man überhaupt nicht wichtig ist.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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