Verschenkt Interrail-Tickets - aber für die Luft!

17.03.2017 - 17:20 0 Kommentare

EU-Politiker wollen Bahntickets verschenken, damit Jugendliche Europa erkunden. Blödsinn, findet airliners.de-Herausgeber David Haße: Die Jugend von heute fliegt. Ein Gedankenflug über Mobilitätsgutscheine und unglaublich rote Würstchen.

Reisende informieren sich an einer Hinweistafel am Flughafen Berlin-Tegel. - © © dpa - Paul Zinken

Reisende informieren sich an einer Hinweistafel am Flughafen Berlin-Tegel. © dpa /Paul Zinken

Ich erinnere mich noch gut an meinen allerersten Billigflug. Von Berlin aus ging es mit ein paar Schulfreunden nach Kopenhagen. Der Flug war gefühlt kürzer als das Rollen am Boden. Und dennoch stiegen wir in einem anderen Land aus. Fantastisch.

Überrascht hat mich damals aber nicht nur die bescheidene Größe der berühmten Meerjungfrau im Hafen. Nein: Wirklich in Erinnerung geblieben sind vor allem die unglaublich roten Würstchen. Die Dänemark-Fans unter Ihnen werden wissen, wovon ich rede: Røde pølser sind schon sehr speziell. Und wenn Sie mich fragen, sind es genau diese eigentlich unwichtigen Kleinigkeiten, die Entdeckungsreisen in eine andere Kultur so unverzichtbar machen.

Reisen gegen den Europafrust

Damit auch die Jugend von heute aufbricht um Europa zu erkunden, hat sich das EU-Parlament jetzt mit der Idee beschäftigt, jedem zum 18. Geburtstag ein Eisenbahnticket zu schenken. Das Interrail-Projekt soll "das europäische Bewusstsein und die europäische Idee" stärken, so heißt es. Reisen gegen den Europafrust also.

Nun ist Interrail nichts Neues. Seit Anfang der 1970er-Jahre kann man mit einem Gemeinschaftsticket der europäischen Bahnen kreuz und quer durch den Kontinent fahren. Nur leider nutzt das Angebot kaum jemand. Gerade 190.000 Tickets wurden zuletzt für ganz Europa ausgestellt - bei rund 170 Millionen Jugendlichen. Hat die Jugend Europas aber wirklich kein Interesse mehr daran, andere Länder zu erkunden?

Offene Grenzen und billige Flugtickets sind Normalität

Diese Schlussfolgerung ist natürlich Blödsinn: Nur weil heute weniger Studenten mit der Eisenbahn fahren, heißt das noch lange nicht, dass weniger junge Leute reisen. Denn die Luftfahrt macht möglich, dass Reisen heute so erschwinglich ist wie nie zuvor. Für den Preis eines 30-tägigen Interrail-Europa-Tickets bekommt man locker zehn oder mehr Low-Cost-Flüge. Die Jugend von heute erschließt sich Europa also nicht per Bahn, sie fliegt.

© Lufthansa, Lesen Sie auch: Alter der deutschen Passagiere beim ersten Flug sinkt

Als Berliner weiß ich, wovon ich rede. Die Stadt quillt fast über vor junger Menschen. Und die Flughäfen gleich mit. An vielen Rucksäcken hängen noch die Check-In-Barcodes. Offene Grenzen und billige Flugtickets sind gelebte Normalität und das ist ein Glück für die EU. Ich denke nicht, dass sich die jungen Leute das wirklich wegnehmen lassen wollen. Das Brexit-Votum war ein Weckruf für die Jugend, die Wahl in Holland hat das jetzt eindrücklich bewiesen.

Wie wäre es mit einem Mobilitätsgutschein?

Die Grundidee, für die das EU-Parlament nun Pilotprojektmittel auflegen will, ist also durchaus zu begrüßen. Nur wissen Sie, worüber sich die europäische Jugend sicher mehr freuen würde als über eine Eisenbahnfahrkarte? Über einen Mobilitätsgutschein! Gültig für Bahn, Fernbus, Fähren und Flüge. Das Budget kann sich jeder aufteilen, wie er will. International und intermodal sozusagen.

Mein Kopenhagen-Flug hat mich damals jedenfalls auch abseits der Würstchen nachhaltig geprägt. Ich bin nämlich trotz der seltsamen Essgewohnheiten Skandinavien-Fan geworden. Fliegen ist für mich seitdem ganz eng mit Begriffen wie "Freiheit", "Abenteuer" und "Entdecken" verbunden - im Übrigen nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt. Denn anders als die Eisenbahn oder Busse verbindet das Flugzeug die Menschen sogar weltweit.

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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