Hintergrund

Verlagerung in ungewöhnliches Billiglohnland droht

05.10.2016 - 14:42 0 Kommentare

Die Zerschlagung der Air Berlin zieht Kreise. Beim Partner Tuifly bangen die Beschäftigten um ihre Jobs. Droht eine Verlagerung in ein ungewöhnliches Billiglohnland?

 Ein Winglet mit dem Tui-Logo vor der Hauptverwaltung von Tuifly am Hannover Airport. - © © dpa - Holger Hollemann

Ein Winglet mit dem Tui-Logo vor der Hauptverwaltung von Tuifly am Hannover Airport. © dpa /Holger Hollemann

Bei der Air Berlin wurden schon 1200 Jobs gestrichen, nun zittern auch die 2400 Beschäftigten des Kooperationspartners Tuifly um ihre Jobs. Neben Verwaltung und Technik in Hannover scheint auch die Zukunft des fliegenden Personals ungewiss. Die Flugzeuge aus dem Reich des Touristik-Konzerns Tui könnten in einer neuen Holding-Gesellschaft aufgehen, die möglicherweise in Österreich angesiedelt wird. Die Gewerkschaften suchen nach Strategien gegen Jobabbau und Lohndumping.

Was befürchten die Beschäftigten?

Vor allem bei den Beschäftigten der Tuifly schrillen die Alarmglocken. Letztlich steht der gesamte Standort Hannover mit seiner Verwaltung und den Besatzungen der Jets auf dem Spiel. "Manche haben die blanke Angst in den Augen", sagt ein Gewerkschafter. Wenn die Tuifly-Flugzeuge mit der Air-Berlin-Tochter Niki in einem neuen Ferienflieger aufgehen würden, würde einiges von der rechtlichen Konstruktion abhängen, über die noch keine Klarheit besteht.

Als Mehrheitseigner soll Medien zufolge eine Stiftung österreichischen Rechts geplant sein, die mit der Niki auch über einen Flugbetrieb (AOC) in der Alpenrepublik verfügen würde. Deren Tarifbedingungen liegen aus historischen Gründen deutlich unter denen bei der Air Berlin oder der Tuifly. Ein Geldgeber der neuen Gesellschaft wäre der Air-Berlin-Finanzier Etihad.

Warum Österreich?

Der zweite deutschsprachige EU-Staat mit attraktiven Flugrechten vor allem nach Osteuropa entwickelt sich immer mehr zum gelobten Land deutscher Luftverkehrsmanager. Vorreiter war die Lufthansa nach der Übernahme der Austrian Airlines (AUA). Über einen zwischenzeitlichen Betriebsübergang auf die Tochter Tyrolean gelang es dem Konzern, die alten AUA-Kollektivverträge auszuhebeln und geringere Bedingungen durchzusetzen. Bei Niki waren lange Zeit nur Leiharbeitskräfte an Bord, so dass die österreichische Gewerkschaft Vida bei den nun üblichen Direktanstellungen sehr niedrige Gehälter akzeptieren musste.

Bei der Etablierung des europaweiten Lufthansa-Billigfliegers Eurowings spielt ebenfalls eine österreichische Stiftung eine Rolle, die Eigentümer der Gesellschaft Eurowings Europe in Wien ist. Sie betreibt im Eurowings-Verbund eine wachsende Zahl von Flugzeugen, die nicht nach deutschem Tarifrecht besetzt werden müssen. Die Verhandlungen zu einem eigenen Kollektivvertrag mit Vida sind immer noch nicht abgeschlossen.

Welche Rolle spielen bislang die Gewerkschaften?

Sie können im Flugzeug-Monopoly nur reagieren und müssen abwarten, welche genauen Pläne von den Eigentümern der Fluggesellschaften umgesetzt werden. Man stehe im engen Kontakt mit Verdi, sagt der Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, Markus Wahl. Der VC-Vize und Tuifly-Aufsichtsrat Martin Locher hatte bereits in der vorvergangenen Woche erbitterten Widerstand gegen die Österreich-Pläne angekündigt. Auch Christine Behle von Verdi hat sich strikt gegen einen Verkauf der Tuifly gestellt. Eine Verantwortung für die zahlreichen Flugausfälle zu Wochenbeginn wegen fehlender Crews wollen die Gewerkschaften allerdings nicht übernehmen. "Damit haben wir nichts zu tun", sagt Wahl.

Warum fühlt sich die Ufo ausgebootet?

Die Kabinengewerkschaft Ufo ist sowohl bei der Air Berlin als auch bei der Tuifly nicht besonders stark vertreten, hat dort aber einige Mitglieder. Trotz etlicher Hakeleien im Lufthansa-Konzern fordert die Spartengewerkschaft eine engere Kooperation und kritisiert den von Verdi abgeschlossenen Kabinen-Manteltarifvertrag bei Air Berlin. Der werde niemanden schützen, wenn der Flugbetrieb auf andere Gesellschaften übergehe, sagt Ufo-Tarifexperte Nicoley Baublies. Zielführender sei eine konzernübergreifende Zusammenarbeit zur Vermeidung von Entlassungen. So werde die Lufthansa im kommenden Jahr erneut tausende Flugbegleiter einstellen und könne so auch Arbeitsplätze für Beschäftigte der Air Berlin/Tuifly bieten.

Wie geht es weiter?

Die niedrigeren Tarifbedingungen in Österreich könnten die Eigentümer locken, dort neue Geschäftsmodelle zu etablieren. Nach Angaben von Verdi sind die Löhne etwa bei der Airline Niki mehr als 20 Prozent niedriger als bei Tuifly. Gleichzeitig versichert die Geschäftsleitung in einem internen Schreiben, dass Tuifly auch in einem möglichen neuen Verbund als Gesellschaft erhalten bleibe und weiterhin am Standort Hannover operiere.

© AirTeamImages.com, Alun Morris Jones Lesen Sie auch: Tui, Etihad und Air Berlin bestätigen Verhandlungen

Bei den wirtschaftlich eng verknüpften Gesellschaften Air Berlin und Tuifly geht es für die Beschäftigten um die Existenz, so dass VC und Verdi einen Krisenstab gegründet haben und Verhandlungen mit dem Management suchen. Ob sie dafür die Ufo und vielleicht auch grenzübergreifend die österreichische Vida mit einbeziehen, bleibt abzuwarten. Streiks scheinen in der angespannten Lage nicht ausgeschlossen.

Von: Christian Ebner, dpa, gk
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