Artikel vom 08.11.2011 0

Luxair-Unglück: Pilot erinnert sich nicht

Vor neun Jahren stürzte ein Luxair-Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Luxemburg ab. Im Prozess gegen die möglichen Schuldigen hat jetzt der Pilot der Unglücksmaschine ausgesagt, dass er sich nicht erinnern kann.

Eine Fokker 50 der Luxair rollt im Februar 2000 am Flughafen Berlin-Tempelhof zum Start - © © - P. Landgraf

Eine Fokker 50 der Luxair rollt im Februar 2000 am Flughafen Berlin-Tempelhof zum Start

Der Pilot der Luxair-Maschine, bei deren Absturz vor neun Jahren 20 Menschen starben, kann sich nach eigenen Angaben nicht mehr an das Unglück erinnern. «Ich weiß nicht, was geschehen ist», sagte der heute 36-Jährige am Dienstag vor dem Bezirksgericht in Luxemburg. Er bedauere sehr, dass so viele Menschen bei dem Unglück gestorben seien. «Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir etwas falsch gemacht haben», sagte er. Er habe viele Bilder im Kopf, die er aber nicht zusammensetzen könne. Der 36-Jährige hatte zusammen mit einem Passagier die Katastrophe überlebt. Unter den Toten waren 15 Deutsche.

Die Luxair-Maschine vom Typ Fokker 50 war am 6. November 2002 auf dem Weg von Berlin nach Luxemburg kurz vor dem Zielflughafen Findel abgestürzt. Seit dem 10. Oktober müssen sich sieben Männer unter anderem wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Der Pilot ist der erste Angeklagte, der zu Wort kam. Das zweimotorige Flugzeug war im dichten Nebel aus rund 200 Metern Höhe vom Himmel gefallen und unweit der Ortschaft Niederanven zerschellt.

«Hier sind viele Regeln nicht eingehalten worden. Sie haben so viele Fehler gemacht wie ein ganzer Kartenstapel in einem Kartenspiel», sagte der Vorsitzende Richter Prosper Klein. Der Landeanflug sei nicht vorbereitet, der Co-Pilot nicht angeschnallt gewesen, die Passagiere seien nicht rechtzeitig informiert worden. «Ich kann nicht verstehen, dass Sie so viele Fehler gemacht haben», sagte Klein.

Vor allem unverständlich sei, warum der Pilot - als er im Nebel endlich eine Landeerlaubnis wegen besserer Sicht bekam - überhastet die Landung einleitete, obwohl er den Punkt für einen Landeanflug bereits überflogen hatte und eigentlich eine Schleife fliegen wollte. «Es könnte ein Reflex gewesen sein», sagte der Flugkapitän ganz allgemein für einen solchen Fall.

Hauptursache des Absturzes war eine anormale Propellerstellung, die einer Art Schubumkehr gleichkommt. Sie ist eigentlich nur am Boden und zum starken Abbremsen erlaubt. Nach wie vor ist unklar, ob das Flugzeug wegen technischer Ursachen in den fatalen Flugmodus kam - oder ob der Pilot den Hebel absichtlich umlegte, um in der Luft rasch an Tempo und Höhe verlieren zu können. «Ich habe den Schubhebel nie bewusst umgelegt. Es kann nur unabsichtlich passiert sein», sagte der Angeklagte.

Neben dem Piloten sitzen drei ehemalige Luxair-Direktoren, ein früherer Technikleiter und zwei einstige Flugzeugmechaniker auf der Anklagebank. Am Montag war der Stimmenrekorder aus dem Cockpit der Unglücksmaschine im Gerichtssaal abgespielt worden. Der Pilot sah offensichtlich die rasche Heimkehr durch starken Nebel gefährdet - und versuchte schließlich überhastet eine Landung, als es endlich eine Chance dazu gab. Das Flugzeug war aber in dem Moment noch zu hoch und zu schnell - und weder Maschine noch Crew vorbereitet.

Der Pilot erklärte, er sei «nicht stolz darauf», was von ihm auf dem Stimmenrekorder im Cockpit zu hören ist. In den letzten 30 Minuten vor dem Crash hatten er und der Co-Pilot Jugendgeschichten erzählt, geblödelt und unkoordiniert gehandelt. «Ich kann verstehen, wie das jetzt interpretiert wird. Kann es aber nicht mehr ändern», sagte er. Der 36-Jährige lag nach dem Unfall im Koma.

Der Pilot ist seit dem Unglück nicht mehr geflogen. «Er wird ganz sicher nirgendwo mehr fliegen», sagte der Sprecher der Luxair, Yves Hoffmann. Der Mann habe gegen alle Regeln verstoßen. «Unvorstellbar und absolut inakzeptabel», sagte Hoffmann. Wie er sich gefühlt habe, als die letzten 30 Minuten aus dem Cockpit abgespielt wurden? «Das war ein Moment größter Beschämung.»

Zehn weitere Verhandlungstage sind in dem Prozess angesetzt. Das Prozessende ist für den 24. November geplant, ein Urteil wird nach Angaben des Justizsprechers erst Mitte Februar 2012 erwartet.

Stand: 08.11.2011 - 6:45 PM Uhr

Quelle: dpa

Empfehlen:

Anzeigen

Kommentare
Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen

mit Unterstützung durch Disqus
Aktuell kommentiert
Powered by Disqus