Artikel vom 13.09.2011 0
Absturz von Ustica und kein Ende
Der Todesflug der DC-9
© dpa
Ein italienischer Polizeibeamter bewacht am 30.10.1992 auf dem Militärflughafen von Pratica di Mare das rekonstruierte Verkehrsflugzeug, dass am 27. Juni 1980 in der Nähe der Mittelmeerinsel Ustica in Italien ins Meer stürzte.
Am Abend des 27. Juni 1980 stürzte eine Passagiermaschine der italienischen Luftlinie Itavia unweit der kleinen Insel Ustica ins Mittelmeer. Keiner der 81 Menschen an Bord überlebte. Bis heute gilt der Todesflug der DC-9 als eines der dunkelsten Kapitel der italienischen Luftfahrtgeschichte. Bis heute wird um die wahre Unglücksursache gestritten.
Prozesse, Untersuchungen, Todesfälle und vor allem Spekulationen ranken sich um den Fall. Geriet die kleine McDonnel Douglas 1980 wirklich in einen Luftkrieg zwischen libyschen Flugzeugen und der Nato? Oder wurde ihr eine auf der Toilette versteckte Bombe zum Verhängnis?
Am Montag gab ein Zivilgericht in Palermo einer Gruppe von Hinterbliebenen recht und verurteilte die Ministerien Transport und Verteidigung zu einer Zahlung von 100 Millionen Euro Schadensersatz. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass die Behörden durch Nachlässigkeit und Unterlassungen den Absturz mitverursacht und die Ermittlungen jahrelang behindert hätten. Der italienische Staat hätte verhindern müssen, dass ein Linienflug überhaupt in einen internationalen Luftkrieg geraten kann.
Geriet die DC-9 in ein Militärmanöver?
Damit verfechten die Richter erneut die These, dass hinter dem «Massaker von Ustica», wie der Absturz in Italien genannt wird, ein militärisches Manöver steht. Die Geschichte, dass die DC-9 in einen Luftkampf zwischen Nato und libyschen Streitkräften geriet und abgeschossen wurde, tauchte 1997 zum ersten Mal auf.
Damals veröffentlichten von dem römischen Untersuchungsrichter Rosario Priore beauftragte Sachverständige ein Gutachten, demzufolge zwei libysche Militärjets im Schatten der Verkehrsmaschine geflogen waren, um nicht auf dem Radar aufzutauchen. Ein amerikanisches, ein französisches und drei italienische Kampfflugzeuge hätten die libyschen Jets dann verfolgt. 17 Jahre nach dem Unglück schlug die These ein wie eine Bombe. Unklar blieb in dem 800-seitigen Dossier, wer die todbringende Rakete abfeuerte und was die Libyer im italienischen Luftraum gewollte hatten. Eine Explosion im Inneren des Fliegers wurde ausgeschlossen.
Oder war eine Bombe an Bord?
Laut italienischer Luftwaffe war hingegen eine Bombe an Bord der DC-9 Auslöser der Katastrophe. Eine internationale Ermittlergruppe kam zu demselben Schluss. Washington wies zudem die Beteiligung amerikanischer Jets kategorisch zurück. Aus Paris und Libyen dröhnte Schweigen. Ein infolge in Rom angestrengter Prozess gegen ranghohe Militärs der italienischen Luftwaffe ging 2005 zu Ende - ohne Verurteilung, aber nicht ohne Zweifel. Zu viele Episoden des Falls seien bereits verjährt gewesen, zu viel sei zu lange vertuscht worden, kommentierten italienische Medien.
Auch der Tod von möglichen Augenzeugen fachten die Spekulationen immer wieder neu an. Zwei Augenzeugen, als äußerst erfahrene Flieger eingestufte italienische Piloten, die vor der Tragödie von Ustica einen Notruf gefunkt haben sollen, starben 1988 beim Flugschau- Unglück von Ramstein. Ein weiterer nahm sich das Leben. Staatspräsident Francesco Cossiga (1928-2010) geriet in Verdacht, den Fall zu vertuschen.
«Es ist inzwischen sicher - auf der Basis offizieller Dokumente der Nato - und anderer Gerichtsentscheidungen, dass in der Nähe des Itavia-Fluges in jener Nacht kein anderes Flugzeug unterwegs war», konterte Staatssekretär Carlo Giovanardi am Montagabend die Entscheidung des Gerichts. Die Regierung wollte am Dienstagnachmittag Stellung nehmen.
Doch die Angehörigen der Opfer haben neue Hoffnung geschöpft - auf Entschädigung und vor allem auf Aufklärung. Das Urteil sei «entscheidend», da es unterstreiche, «dass der Itavia-Flug in einem Luftkampf abgeschossen wurde», sagte die Präsidentin des Opferverbandes, Daria Bonfietti. «Von Palermo aus könnte die Suche nach der Wahrheit wieder aufgenommen werden», meinte ein Anwalt der Hinterbliebenen. Doch fest steht im Land der langsamen Justiz wohl nur eines: Ustica nimmt kein Ende.
Stand: 13.09.2011 - 3:06 PM Uhr
Quelle: Katie Kahle, dpa
Anzeigen
Meistgelesen
- 1 Air Berlin wagt den Billigst-Tarif Neue Tarifstruktur
- 2 A400M-Tests in Brandenburg beendet Testflüge verliefen «nicht nach Plan»
- 3 Lufthansa-A380 heißt «Berlin» Taufe in Tegel
Anzeige

Businessjet bei Egelsbach abgestürzt
Spanair-Absturz: Nur Techniker angeklagt
Luxair-Prozess: Haft für Piloten gefordert