Spaethfolge (151) ( Gastautor werden )

Verduftet

18.09.2013 - 13:17 0 Kommentare

Jetzt setzen die Airlines zur großen Nasenoffensive an: Plötzlich wird es schick, das eigene Markenimage über Wohlgerüche zu transportieren. Manchmal allerdings müssen an Bord schlichte Hausmittel als Geruchskiller ran.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Die Nase ist bisher während des Fliegens eher ein leidendes Organ. Entweder sie brockt ihrem Träger bei Schnupfen im verstopften Zustand Ohrenschmerzen beim Druckausgleich ein. Oder sie muss sich mit allen Arten von Gerüchen beschäftigen, von denen die wenigsten angenehm sind: Entweder das Essen riecht penetrant, der Sitznachbar, oder, noch schlimmer, schädliche Öldämpfe wabern durch die Kabine. Deren Geruch beschreiben Opfer als den nasser Socken.

Bisher ist Fliegen also alles andere als Relaxen für den Riechkolben. Das soll sich jetzt ändern. Das Produkt dieser Branche ist so verwechselbar, dass jetzt der Geruchssinn für markante Unterscheidbarkeit sorgen soll. Immer mehr Branchen entdecken, wie wichtig für die tiefere Markenbindung der durch die Nase gehende Sinneseindruck ist. Vor allem Hotels, aber auch Edelgeschäfte und –kaufhäuser versuchen so, auch im Unterbewusstsein des Kunden einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. „Sensory Branding“ nennen das Fachleute.

Auch in der Luftfahrt ist das nicht gänzlich neu – Singapore Airlines nutzt seit 1998 „Stefan Floridian Waters“ (was für ein Name) als patentierten Standard-Hausduft, den alle Flugbegleiterinnen tragen müssen und der auf die beliebten Hot Towels gesprüht wird und so in Passagiernasen gelangt. Ist mir bisher bei Flügen mit den Asiaten allerdings nie aufgefallen, aber es heißt ja eh immer, Männer hätten nicht einen so fein ausgeprägten Geruchsinn.

Zu ganz neuen Höhen hat das Thema „Eau de Voler“ („Wasser des Fliegens“, wie ich diese neue Parfumgattung jetzt mal nenne) gerade Turkish Airlines getrieben. Volle 15 Monate lang haben Spezialisten jüngst für die Gesellschaft einen Duft kreiert, der bald überall versprüht werden soll – an Bord, in den Lounges, beim Ticketverkauf.

Das Ergebnis eines sensorischen Tests mit Probanden, so verkündet die Airline stolz, sei besonders bedeutsam ausgefallen, da die Leute den Geruch mit Vertrauen, Frieden, Glück, Vergnügen und Entspannung assoziierten. Wow, also rein zufällig all den Attributen, die sich der Carrier gern auf die Fahnen schreibt. Scheint ja ein wahrer Wunderstoff zu sein, der jetzt „TK 1933“ heißt. Nicht nach der gleichnamigen Flugnummer - die übrigens die Verbindung von Ankara nach Brüssel trägt, wahrscheinlich will die Türkei jetzt die EU mit ihrem Duft gefügig machen - sondern nach dem Gründungsjahr der Gesellschaft. Für deutsche Markenstrategen wäre diese Jahreszahl im Angesicht unserer jüngeren Geschichte als Name definitiv ein No-No, aber das muss die Türken ja nicht kratzen.

British Airways beduftet bisher bereits ihre Lounges in Heathrow, dort soll es nach frisch gemähtem Gras beziehungsweise Ozean riechen. Das letzte Mal als ich da drin war, vernahm meine Nase eher den Geruch von indischer Currysuppe, dem ich ans Buffet folgte und die köstlich war. Vor zwei Jahren kündigten die Briten an, jetzt auch für Flugzeuge einen Unternehmensduft einführen zu wollen, danach war nie wieder die Rede davon.

Da ist man in anderen Branchen, wo das Thema ähnlich absurd anmutet, schon weiter: Bei der Kreuzfahrtlinie Carnival gibt es den Damenduft „Cruise“, und Pizza Hut, völlig gaga, hat neulich in Kanada ein „Eau de Pizza Hut“ verlost, das nach frisch gebackenem, handgekneteten Pizzateig riechen soll. Wer will das denn am Hals haben? Da kann ich ja gleich ein Airline-Parfum bestellen, das nach dem Gummiabrieb beim Aufsetzen des Fahrwerks auf der Piste riecht oder nach den Abgasen beim Anlassen der Triebwerke. Das würde bei mir tatsächlich die Lust aufs Fliegen wecken! Aber soweit ist es noch nicht. Erstmal kommt betulich Japan Airlines daher und erklärt uns, dass jetzt die Lounges in Japan noch komfortabler und anmutiger würden durch den Einsatz von Aromaölen mit Tannennadeln aus Hokkaido, Zypressen aus Nagano, Lavendel und Rosenholz. Na dann Prost.

Da ist mir doch was Handfestes lieber. Und dafür haben Flugbegleiter so ihre Tricks. Vor einiger Zeit hat das eine Lufthansa-Crew eindrucksvoll demonstriert. Ein Kind hatte sich im Flieger auf den Boden übergeben, und sowas kann einem ganz schön den Flug vermiesen. Da hilft dann auch kein Chi-Chi-Nasenwellness, egal ob mit Sandelholz oder Ozeanduft, selbst Odeur vom Pizzateig dürfte da nicht helfen. Dafür ein altes Hausmittel: Einfach Kaffeepulver drüberstreuen. Obwohl ich kein Kaffeetrinker bin, habe ich das entstehende Aroma an Bord als überraschend angenehm empfunden. Und das Malheur auf dem Boden schnell vergessen. Das war sozusagen verduftet.

Nachtrag: Singapore Airlines hat uns mitgeteilt, dass ihre Flugbegleiterinnen den Duft "Floridian Waters" nicht nutzen müssen. Dies behaupten aber mehrere englischsprachige Quellen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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