«Große Show» um LH-Technik

Ver.di-Arbeitskampf spaltet Lufthansa-Belegschaft

29.07.2008 - 20:46 0 Kommentare

Nach den ersten Stilllegungen von Flugzeugen wegen des Streiks der Lufthansa-Techniker müssen Passagiere in den nächsten Tagen verschärft mit Ausfällen und Verspätungen rechnen. Derweil spalten die ver.di-Methoden die Lufthansa-Belegschaft. Nicht wenige glaube, dass die Gewerkschaft eher um Mitglieder kämpft, als um bessere Tarife.

Am zweiten Tag des ver.de-Streiks bei Lufthansa haben die Fluggäste erste Auswirkungen zu spüren bekommen. Die Lufthansa musste 70 Flüge auf Strecken innerhalb Deutschlands und Europas streichen, wie ein Unternehmenssprecher am Dienstag in Frankfurt am Main mitteilte.

Insgesamt neun Maschinen mussten wegen des Streiks am Boden bleiben, wie der Lufthansa-Sprecher weiter sagte. Die Flugzeuge hätten wegen des Ausstandes vieler Techniker nicht gewartet werden können. "Die 70 gestrichenen Flüge machen aber nur drei Prozent unseres Tagesprogramms aus", sagte der Sprecher. Die Auswirkungen auf die Passagiere hätten sich in Grenzen gehalten. Die Fluggäste hätten auf frühere oder spätere Flüge ausweichen können.

© dpa
Lufthansa Technik

Die Lufthansa Technik AG (LHT) ist Weltmarktführer im Bereich Flugzeugzeugwartung und -umbau. Die 100-prozentige Tochter der Deutschen Lufthansa AG steigerte 2007 ihren Umsatz um 4,6 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro. Weltweit beschäftigt LHT mehr als 18 700 Menschen. Unternehmensbasis ist Hamburg, weitere wichtige deutsche Standorte sind Frankfurt/Main und München.

Mit 1,4 Milliarden Euro war der Lufthansa-Konzern 2007 der größte von mehr als 580 LHT-Kunden in den Geschäftsfeldern Wartung, Überholung, Geräteversorgung, Triebwerke, Fahrwerke und VIP- Flugzeuge.

"Große Show" mit dem einzigen Druckmittel Technik

Die Lufthansa-Technik gilt als besonders anfällig für den Streik, weil der Organisationsgrad der Gewerkschaft dort nach eigenen Angaben mit rund 50 Prozent besonders hoch ist. Neben Frankfurt und Hamburg hatte ver.di insbesondere an den Flughäfen München, Nürnberg, Stuttgart sowie Berlin-Schönefeld und Tegel gestreikt. Auch verschiedene deutsche Airlines haben Wartungsverträge mit der Lufthansa abgeschlossen.

Verständlich ist daher die Streik-Lust der Technik-Mitarbeiter: Hier tut sich etwas. Nach SpiegelOnline-Berichten steht aber ein großer Teil der Boden-Mitarbeiter in Hamburg nicht hinter dem Ausstand, die Belegschaft sei tief gespalten. Aufgrund der angespannten Lage in der Airlinebranche halten viele den Streik für falsch und bangen vor den Auswirkungen der derzeiztigen Herausforderungen für die Airline. Es werden sogar Vergleiche mit der Situation nach dem 11. September gezogen. Damals seien die Arbeitszeiten zusammengestrichen worden. Gegen drohende Kurzarbeit im Winter würde auch ein hoher Tarifabschluss nicht wirken.

Auch die "Vereinigung Boden" mischt sich in den Arbeitskampf ein. Auf Flugblättern fordert die 2005 gegründete Mitarbeiter-Gruppierung die Tarifparteien zu neuen Verhandlungen auf. Ein Hamburger Vertreter der Vereinigung sagte dem Spiegel, der Streik sei eine große Show. Ver.di kämpfe eher um die flüchtenden Mitglieder und gegen den schwindenden Einfluss im Konzern als um höhere Tarife. "Sonst wären die Tarifverhandlungen anders verlaufen."

Sturheit aus Angst vor einer separaten Technik-Gewerkschaft

Mit Blick auf die gescheiterten Tarifverhandlungen forderte auch die Lufthansa ver.di erneut auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. "Für uns ist nicht nachvollziehbar, dass ver.di nicht verhandlungbereit ist", sagte der Lufthansa-Sprecher. Der Konzern habe mit einer zweistufigen Lohnerhöhung von insgesamt 6,7 Prozent und einer Einmalzahlung ein Angebot vorgelegt, "das sich sehen lassen kann".

Ver.di wies den Appell zurück und hielt an der geforderten Lohnerhöhung von 9,8 Prozent fest. "Wir streiken für ein besseres Angebot und nicht für eine Einladung zum Kaffeetrinken", sagte der ver.di-Sprecher. Wenn die Lufthansa neue Gespräche wolle, müsse sie ihr Angebot nochmals nachbessern.

Nach Einschätzung des Tarifexperten Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kann der Streik angesichts konkurrierender Gewerkschaften bei Lufthansa verheerende Folgen haben. «Da geht es dann um das Aufschaukeln von Lohnforderungen», sagte Lesch. «Ver.di will ihren Mitgliedern zeigen, dass sie alles tut, um das Maximale herauszuholen.» Dadurch könne die Gewerkschaft auch neue Mitglieder gewinnen.

Nachdem die Lufthansa-Piloten mehrheitlich über die Vereinigung Cockpit und die Kabine über UFO organisiert seien, habe ver.di bei Lufthansa einzig mit den Technikern eine große Gruppe, die Druck ausüben könne. «Wenn die sich abspalten würden, dann könnte ver.di einpacken», sagte Lesch, der das Referats «Tarifpolitik und Arbeitskämpfe» des arbeitgebernahen Instituts in Köln leitet. «Die Gewerkschaft steht mit dem Rücken zur Wand.»

Streikaktionen als Risikofaktor beim Jahresausblick

Die Lufthansa hat derweil ihr Ergebnis beim Fluggeschäft im ersten Halbjahr trotz der massiv gestiegenen Ölpreise deutlich gesteigert. Wie das Unternehmen am Dienstag in Frankfurt mitteilte, kletterte der dementsprechende Gewinn um etwa 45 Prozent auf 705 Millionen Euro. Diese Entwicklung spiegele die stabile Entwicklung und die Einbeziehung der Swiss in die Bilanz wider.

Für das Gesamtjahr hielt der Vorstand an seinem Ziel fest, an das operative Ergebnis des Vorjahres anknüpfen zu können. Risiken sieht das Management in einer erneuten und nachhaltigen Erhöhung der Treibstoffpreise sowie einem anhaltenden Rückgang des Wirtschaftswachstums. Auch die Auswirkungen der Streikaktionen betrachtet der Vorstand als Risikofaktor für den Gewinn. Sie seien derzeit noch nicht absehbar.

Den kompletten Zwischenbericht zum ersten Halbjahr will die Lufthansa wie geplant am Mittwochmorgen veröffentlichen.

Von: dpa, AFP, ddp, airliners.de
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