Spaethfolge (120) ( Gastautor werden )

Ver-tuscht

13.02.2013 - 10:18 0 Kommentare

Der Fall der Alitalia-ATR hat es wieder mal gezeigt: Nach Unfällen greifen Airlines immer noch gern zum Pinsel, um die Schmach zu tilgen. Das ist ziemlich alte Schule, in Zeiten von Handyfotos und Videos, wie ein Blick in mein Archiv bestätigt.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Schneeweiß und unschuldig lag die ATR72 morgens plötzlich da, im Gras neben der Piste des römischen Flughafens Fiumicino, nachdem sie am Abend des vorletzten Samstags noch in den Farben der kränkelnden Alitalia bei der Landung von der Piste abgekommen war. Viel passiert ist nicht, sechs von 50 Insassen wurden verletzt – vermutlich wäre der Vorfall gar nicht über die Lokalpresse und Fachportale im Internet hinaus bekannt geworden. Wenn, wenn ja wenn Alitalia nicht einem alten Reflex der Airline-Branche gefolgt wäre. Flugs übermalte eine schnelle Eingreiftruppe in Fiumicino nämlich im Dunkel der Nacht alle erkennbaren Hinweise auf den Betreiber des Flugzeugs. Allerdings ließen die Lüftlmaler ausgererechnet die rumänische (!) Registrierung der Turboprop erkennbar.

Darin aber lag genau die größte Schmach, dass sich die einstmals stolze Alitalia dieser Tage bei einer rumänischen Billiglinie, der Carpatair, bedienen muss, um einige Inlandsverbindungen unter dem herrschenden Sparzwang überhaupt aufrecht erhalten zu können. Die Häme folgte auf dem Fuße, das Thema wurde weltweit hochgekocht und die Vorher-Nachher-Fotos des radlahmen Fliegers mit kollabiertem Fahrwerk erst zum großen Thema.

Merke: Wenn heutzutage etwas passiert, auf einem weitgehend öffentlichen Platz wie einem großen Flughafen, so läßt sich das nicht unter den Teppich kehren. Sogenannte Leserreporter sind mit ihrem foto- und videotauglichen Smartphones überall. Oft sind es sogar die Hilfskräfte der Feuerwehr selbst, die sich mit exklusiven Fotos ein Zubrot verdienen, sehr zum Ärger der davon ausgeschlossenen Fotoprofis.

Mir kam das alles sehr bekannt vor – beschäftige ich mich doch seit vielen Jahren mit Flugzeugunfällen. Und ich habe ein umfangreiches Zeitungsarchiv dazu. Ja, sowas gibt es auch noch in digitalen Zeiten, liebe Online-Gemeinde! Mit tonnenweise Berichten zu Unglücken aller Art aus den letzten rund 40 Jahren. Und mir waren etliche Bilder übermalter Insignien im Kopf geblieben. Auf Anhieb fand ich ein sehr interessantes Dokument, eine „Stern“-Serie von 1975, die sich mit dem Absturz der Lufthansa-747 „Hessen“ in Nairobi im November 1974 beschäftigt.

Sehr schön zu sehen war dabei eine Vorher-Nachher-Bilderfolge: Oben liegt das halbe Leitwerk mit Kranich, den Kennungsbuchstaben „YB“ und der deutschen Flagge zwischen Trümmern am Boden. Unten dann sind alle Erkennungszeichen übermalt. Und dazu die auch heute höchst interessante Erklärung: „Früher hatte auf jeder Lufthansa-Station ein roter Notfall-Koffer gestanden, der unter anderem Pinsel und Farbe für genau diesen Zweck enthielt. Doch wurden die Koffer auf Weisung der Zentrale vor einiger Zeit entfernt. So nahm man in Nairobi graue Fußbodenfarbe.“ Tatsache! Doch deutsche Gründlichkeit behielt beim Kranich die Oberhand. Auch bei späteren Lufthansa-Unfällen wurde wieder ganze Arbeit geleistet, bis in die jüngste Zeit. So zum Beispiel als im Januar 1993 eine Dash 8 der Contactair in Farben der Lufthansa City Line in Paris-CDG verunglückte und vier Menschen starben. Innerhalb weniger Stunden waren Firmenlogo, Kennzeichen und Airline-Name auf dem in einer Bodensenke liegenden Wrack übertüncht worden. Ob mit Fußbodenfarbe, ist nicht überliefert.

Auch als im Juli 2010 eine MD-11 von Lufthansa Cargo in Riad bei der Landung verunglückte, blieb der Kranich nicht lange am Heck erkennbar. Eine der spektakulärsten und gleichzeitig öffentlichsten Lüftlmalerien fand im Dezember 1991 in Schweden statt: Im „Wunder von Stockholm“ war dort nach doppeltem Triebwerksausfall eine MD-81 der SAS auf einem Feld notgelandet, alle 129 Menschen an Bord überlebten, das Flugzeug zerbrach in drei Teile.

Kaum war die Evakuierung abgeschlossen rückten Arbeiter mit Leitern an und überpinselten vor aller Augen und Kameras Firmenlogo, Kennzeichen und Schriftzüge – und auch diese Bilder gingen nach den eigentlichen Unglückfotos wieder um die Welt. Wenn ein Flugzeugwrack auf einem Flughafen liegt und andere Passagiere der Unglückslinie daran vorbeirollen müssen kann ich ja noch nachvollziehen, dass man lieber die Identität unkenntlich macht. Aber auf einem Feld?

Eine der großen modernen Erfindungen ist die Nanotechnolgie. Da müsste es doch machbar sein, ein Material zu entwickeln, das unter gewissen Umständen einfach seine Färbung ändert wie ein Chamäleon. Und sobald etwa ein Rumpf birst, nur noch weiß erscheint. Da wäre dann das wirkliche Ende der Ver-Tuschung.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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