Spaethfolge (145) ( Gastautor werden )

Up, up – and away

07.08.2013 - 12:45 0 Kommentare

Das große Los ziehen, das waren überraschende Upgrades bisher. Und ein Mythos all die seltsamen Tipps, wie man die Chancen auf ein Upgrading erhöht. Doch das Phänomen verschwindet gerade – zugunsten von profanen Auktionen.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Wenig bezahlen, dafür aber im Flieger auf Händen getragen werden – wer hätte das nicht gerne? Wie erhöht man als gewöhnlicher Holzklassen-Reisender seine Chancen, auf den breiten Sesseln der Premiumklassen befördert zu werden, statt im engen Gestühl der hinteren Reihen, für das man eigentlich nur bezahlt hat? Um diese Frage ranken sich seit jeher in der Fliegerei heftige Diskussionen. Tatsache ist und bleibt, dass manchmal die Economy Class überbucht ist und daher Passagiere in die vorderen Reihen aufrücken dürfen, die dafür nicht bezahlt haben.

Aber ist ein solches Upgrading nur eine schicksalhafte Fügung, auf die man hoffen muss wie auf einen göttlichen Fingerzeig? Oder kann man dem Glück etwas nachhelfen? Interessante Ratschläge gibt es dazu im Netz überall. In Amerika hilft es, eine Militäruniform zu tragen, sagt zum Beispiel CNN, auch wenn das für Europäer eher weniger in Frage kommt. Trotzdem bleibt Bekleidung ein wichtiger Aspekt für alle Upgrading-Ratgeber.

„Aufgebrezelt“ zu sein helfe, rät CNN, „zieh Anzug und Krawatte an“, sagt der Belfast Telegraph. Noch wissenschaftlicher ging die Reisesuchmaschine Skyscanner kürzlich das Thema an und fragte gleich 700 Flugbegleiter aus 83 Ländern nach ihren besten Upgrading-Tipps.

Schon auf Platz fünf, von 59 Prozent der Befragten empfohlen, rangierte „stilvolle Kleiderwahl“. Am allerwichtigsten aber war den Kabinenbesatzungen das Gebot „freundlich und höflich“ zu sein (82 Prozent). „Grinsen Sie jeden Airline-Mitarbeiter an, dem sie auf dem Flughafen begegnen“, empfiehlt der Belfast Telegraph, warnt allerdings: „Das kann auch dazu führen, dass Sie vom Flug ausgeschlossen werden.“ Fingerspitzen-, nein besser Lippenspitzen-Gefühl ist also gefragt.

Ein Amerikaner teilt bei CNN seine Strategie mit, für die gestressten Gate-Agenten, die oft im letzten Moment noch Upgrades verteilen, nicht nur stets ein paar freundliche Worte, sondern systematisch tafelweise Schokolade dabeizuhaben. Skyscanner weiß, dass gut gekleidete, allein reisende Männer in den Dreißigern „sehr wahrscheinlich“ upgegradet werden. Ich stelle mir das gerade vor – eine Horde von Dressmen mit gegelten Haaren, eng anliegenden Anzügen und dezent-hippem Outfit, dauergrinsend und mit ein Paar Tafeln Edelschoko zur Bestechung des Abfertigungspersonals im Aktenköfferchen, auf der unaufhaltsamen Jagd nach dem Upgrade. Lächerlich. Wer viel fliegt weiss, dass das Alltagsleben unterwegs von allem Möglichen bestimmt wird, aber sicher nicht von dieser verdammten U-Frage, zumindest nicht in Europa. Eigentlich macht das sowieso nur auf Langstrecken einen entscheidenden Unterschied, und dort gab es gottlob bisher auch die Chance, sich mit Meilen Upgrades zu kaufen.

Ich kann mich aber gut an Situationen erinnern, wo ich mir am Schalter auch vorkam wie vor dem Jüngsten Gericht, wenn die Entscheidung verkündet wurde, die entweder das schiere Vergnügen oder viele Stunden Qual bedeuten konnten. Denn gerade bei Journalistenreisen buchten einen die Airlines in den neunziger Jahren meist in Economy mit der Option auf ein „Space Available Upgrading“ – einem Höherrutschen nach Verfügbarkeit. Das hatte ich damals mehrfach bei Reisen auf sehr weiten Strecken, etwa nach Chile und Neuseeland, wo man schon mal 24 Stunden im Flugzeug absitzt. Zum Glück klappte es in der Mehrzahl der Fälle mit der Höherstufung, bei Air New Zealand sogar mehrfach direkt in die First Class, heute undenkbar – schon weil es die bei den „Kiwis“ gar nicht mehr gibt. Einmal habe ich auch ein Downgrading erlebt, Auckland-Los Angeles in First, dann weiter nach Europa in Economy, ein harscher Kontrast.

Heute ist diese Klassen-Lotterie nicht mehr üblich bei Pressereisen. Dafür beginnt sie jetzt für alle übrigen Passagiere. Denn dank neuer Software der Firma Plusgrade fangen Airlines wie Austrian, Virgin Atlantic, Etihad, EL AL oder eben auch Air New Zealand nun an, in Online-Auktionen Gebote entgegenzunehmen und unter großer Geheimnistuerei, was ihre Höhe angeht, die übrigen Plätze meistbietend zu versteigern. Damit fällt die Spannung am Airport weg, und die Notwendigkeit für die ganzen eingangs geschilderten Eiertänze, dafür verdienen die Airlines mit sonst leer bleibenden Edelplätzen noch ein Zubrot.

Und wenige Glückspilze wissen schon vorab, dass sie sich - für im Idealfall nur einen geringen Aufpreis - auf ihrer Reise auf flache Bettsitze fläzen und Gratis-Champagner statt für Bares erstandenen Billigsekt schlürfen dürfen. Das mag sehr effizient und einleuchtend sein, trotzdem finden es viele Reisende schade, dass mit dem zunehmenden Wegfall der lange gehegten Upgrade-Mystik Fliegen wieder ein Stück langweiliger wird.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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