Interview

Aegean-Vertriebschef: "Unsere Priorität ist Athen"

16.05.2018 - 12:09 0 Kommentare

Im Jahr eins nach Air Berlin bauen die Ferienflieger ihre Griechenland-Flüge aus - nur die nationale Fluglinie Aegean hält sich zurück. Vertriebschef Roland Jaggi erklärt im Interview mit airliners.de, was die Gründe sind und wie die Airline in Deutschland dennoch wachsen will.

Airbus-Maschinen der Aegean Airlines. - © © Aegean Airlines -

Airbus-Maschinen der Aegean Airlines. © Aegean Airlines

Der Flugverkehr Richtung Griechenland legt in diesem Sommer erneut zu. Um über 20 Prozent wächst das Angebot an den deutschen Flughäfen. Die griechische Fluggesellschaft Aegean hat an diesem Zuwachs kaum Anteil: Nachdem sie ihr Deutschland-Angebot in den vergangenen fünf Jahren um 42 Prozent ausgebaut hat, will sie das Tempo erst einmal drosseln, erklärt Vertriebschef Roland Jaggi im Interview mit airliners.de. "Mit einem vorsichtigen Kurs sind wir immer gut gefahren", sagt der gebürtige Schweizer. Für das nächste Jahr hat er aber schon wieder neue Deutschland-Strecken im Blick.

airliners.de: Herr Jaggi, ausgerechnet im Jahr nach Air Berlin macht Aegean Airlines eine Wachstumspause. Warum?
Roland Jaggi: Das war eine strategische Entscheidung, die schon vor dem Ende der Air Berlin gefallen ist. Wir sind lange stark gewachsen und befinden uns jetzt in einer Konsolidierungsphase. Das heißt nicht, dass wir das Angebot verkleinern. Aber wir wachsen in diesem Jahr "nur" um drei Airbus, und wir haben Kapazität nach Athen verschoben, weil wir unsere Hauptbasis stärken wollten. Deshalb ist unser Angebot für Kreta und Rhodos etwas kleiner als im letzten Jahr.

Aber vom anhaltenden Tourismus-Boom in Griechenland profitieren jetzt andere - vor allem die deutschen Ferienflieger.
Die gesamte Flugkapazität aus Deutschland nach Griechenland liegt in diesem Sommer noch einmal 20 bis 25 Prozent über Vorjahr. Und die Zahl der deutschen Besucher in Griechenland ist seit 2012 bereits um 76 Prozent gestiegen. Wir Airliner machen ja historisch gesehen immer dieselben Fehler: Da läuft es irgendwo gut, und dann pumpt jeder Kapazität rein. Und wenn es dieses Jahr gut gelaufen ist, dann fliege ich nächstes Jahr noch etwas mehr Griechenland. Aber das kann auch schnell zu Ende gehen. Eine TUI oder Condor kann dann zwischen den Zielgebieten ihre Kapazitäten hin- und herschieben, wir als Destinations-Carrier haben da weniger Möglichkeiten.

Der Griechenland-Markt

Von Deutschland aus werden im Juli 2018 insgesamt 3657 Flüge nach Griechenland angeboten, 21,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Damals waren es laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) 3018 Abflüge. Die Kapazität an Flugsitzen Richtung Griechenland liegt im Juli bei 658.000.

Anteil der Airlines
Anteil in Prozent
Condor 20.9
Tuifly 15.1
Eurowings 14.7
Aegean Airlines 11.0
Germania 9.7
Ryanair 8.2
Lufthansa 7.5
Easyjet 3.6
Lauda Motion 2.3
Übrige 7.0

Die Grafik zeigt den Anteil an den angebotenen Flugsitzen von deutschen Flughäfen nach Griechenland im Juli 2018. Quelle: ch-aviation

Also baut Aegean das Deutschland-Angebot in diesem Jahr nicht weiter aus?
Doch, bei den Flügen nach Athen haben wir 2018 fünf Prozent Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr. In Hamburg gehen wir von drei auf bis zu sechs Flüge pro Woche - da hat sich ja Easyjet zurückgezogen. In Stuttgart fliegen wir erstmals das ganze Jahr, in Düsseldorf bieten wir zwölf Prozent mehr. Auch in Wien gehen wir dieses Jahr bis auf zehn Frequenzen pro Woche, und neu sind in Basel zwei Flüge pro Woche.

Das heißt: Mehr Athen, weniger Direktflüge auf die Inseln?
Die Priorität ist ganz klar Athen, weil wir dort die Möglichkeit haben, das ganze Jahr zu fliegen und nicht nur die Sommermonate über. Deshalb haben wir auch bewusst mehr Umsteigeverkehr generiert in den letzten vier, fünf Jahren - zu Zielen im Mittleren Osten wie Tel Aviv, Amman, Jeddah, Teheran. Das hilft uns, auch im Winter die Frequenzen in den sekundären Märkten wie Hamburg und Berlin halten zu können.

Der Interviewpartner

© Aegean Airlines

Roland Jaggi arbeitet seit 2006 für Aegean Airlines in der Athener Zentrale. Der frühere Swiss-Manager übernahm zunächst die Verantwortung für das Revenue Management, seit 2012 leitet der auch den Vertrieb der Fluggesellschaft.

Die Airline

Aegean Airlines trat seit ihrer Gründung 1999 immer mehr an die Stelle der maroden Staatslinie Olympic Airways. 2013 übernahm sie die Nachfolgegesellschaft Olympic Air, unter deren Marke seither der Inlandsverkehr betrieben wird. Die Flotte umfasst derzeit 48 Airbus-Jets für Aegean und zwölf Bombardier- und ATR-Turboprops für Olympic. Ende März kündigte die Airline eine Bestellung von 30 Jets der Typen A320neo und A321neo an, die ab 2020 ausgeliefert werden sollen. Auch zwölf Optionen wurden vereinbart.

Sie fliegen aber mittlerweile im Winter auch nach Kreta.
Wir haben im letzten Winter in Zusammenarbeit mit einem Direktveranstalter erstmals ein Charterprogramm nach Heraklion aufgelegt - von Mitte Oktober bis Mitte Dezember und von Mitte Januar bis Ende April sind wir von acht deutschen Flughäfen durchgeflogen. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Insgesamt waren es 243 Rotationen, also knapp 40.000 Gäste, die Kreta im Winter besucht haben.

Und in diesem Winter?
Wir wollen das Charter-Programm noch ausbauen, nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern. Für uns ist wichtig, dass wir einen Kickstart für den Wintertourismus hinbekommen, damit wir auch in dieser Zeit Flugzeuge in Heraklion stationieren können.

Aegean hat gerade neue Airbus-Flugzeuge bestellt. Heißt das, die Expansion gewinnt bald wieder an Tempo?
In Griechenland ist das wirtschaftliche Umfeld nach wie vor schwierig, da sind wir nicht in der Lage, einen richtigen Fünfjahresplan aufzustellen. Aber wir haben durchaus Ziele: In den nächsten vier bis fünf Jahren sehen wir uns auf die Größe von 75 Flugzeugen wachsen, mit 15 bis 16 Millionen Passagieren. 2017 waren es 58 Flugzeuge und wir hatten 13,2 Millionen Passagiere.

Das klingt bei 30 bestellten Flugzeugen plus zwölf Optionen relativ zurückhaltend.
Ob das zwei Jahre oder fünf Jahre dauert, das muss man dann ein bisschen griechisch nehmen, da muss man flexibel sein. Wir hatten Jahre, die waren sehr schwierig, und wir haben immer einen relativ vorsichtigen Kurs gefahren. Aber wir sind damit gut gefahren. Seit fünf Jahren sind wir wieder profitabel, nachdem wir zwei Jahre Verlust hatten in der Krise. Da hat es sich ausgezahlt, dass man keine 200 Flugzeuge bestellt, sondern lieber sachte und vernünftig plant. Und wenn es gut läuft, schaut man sich im Markt um und versucht, noch ein bisschen zuzulegen.

Aegean in Deutschland

Aegean Airlines bietet in diesem Sommer bis zu 95 Flüge wöchentlich ab acht deutschen Flughäfen an. Neben den ganzjährigen Verbindungen nach Athen und Thessaloniki stehen saisonal Direktflüge nach Heraklion, Rhodos und Kalamata auf dem Programm. Das Frankfurter Verkaufsteam der Airline umfasst sieben Mitarbeiter.

Die Abflughäfen
Anteil in Prozent
München 29.9
Frankfurt 21.9
Düsseldorf 17.4
Stuttgart 11.9
Berlin-Tegel 9.0
Hamburg 5.8
Nürnberg 2.2
Hannover 2.0

Die Grafik zeigt den Anteil am Aegean-Sitzplatzangebot in Deutschland von Juni bis Oktober 2018. Quelle: ch-aviation

Welche Pläne haben Sie für den deutschen Markt?
Wir sind hier stark gewachsen in den letzten Jahren, mit den neuen Abflughäfen Stuttgart, Hannover, Hamburg und Nürnberg, mit den Direktflügen nach Heraklion, Rhodos und Kalamata. Möglichkeiten, über die wir für das nächste Jahr nachdenken, sind Flüge ab Bremen; Leipzig oder Dresden könnte man auch anschauen, und aus Thessaloniki vielleicht Hamburg. Wir wollen auf jeden Fall weiterhin am Marktwachstum teilhaben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jaggi.

Von: pra
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