Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.
Früher, in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, war Luftkrankheit etwas Alltägliches. Kleine, filigrane Flugapparate, die auf wenigen hundert oder tausend Metern Höhe über Land zuckelten, wurden in den Anfangstagen des Linienflugs oft zum Spielball der Naturgewalten – mit entsprechenden Folgen für das Wohlbefinden der Insassen. Heute ist Luftkrankheit etwas höchst Seltenes. In Riesenfliegern wie der A380 merkt der Passagier manchmal kaum noch, dass er überhaupt durch die Luft reist. Weil modernste Computersysteme Turbulenzen automatisch „ausreiten“, und weil die Fenster mit dem Blick auf die Wolkenlandschaft oft so weit weg sind in einer Zehnerreihe der Economy Class, dass jeder direkte Bezug zum Fliegen fehlt.
Trotzdem sind seit jeher kleine Papiertütchen an jedem Platz verfügbar, für den Fall der Fälle. Luftkrankheitsbeutel, Spuck- oder Kotztüten werden sie genannt, und erfreuen sich größter Beliebtheit bei selbsterkorenen Tütologen. Das sind Zeitgenossen mit einem leicht bizarren Hobby – dem Sammeln, Katalogisieren und Tauschen von Luftfahrt-Spucktüten. Unbenutzten, versteht sich. Dazu verfügen sie über Websites mit so reizenden Namen wie www.sicksack.com und ereifern sich in Foren darüber, warum Air India heute nicht mehr Tüten mit derart psychedelischen Blumenmustern in knallgrün oder leuchtend rot produziert wie noch vor einiger Zeit.
In vielen Jahren ausdauernder Flugtätigkeit habe ich noch nie einen Fluggast gesehen, der eine Tüte an Bord für ihren eigentlichen Zweck benutzt hat. Gern klebt man dort ausgekaute Kaugummis hinein, wenn sie nicht schon im Bordmagazin gelandet sind oder direkt in der Sitztasche. Und wenn es dann tatsächlich mal zum Erbrechensfall kommt, landet der Auswurf – wenn es gut ausgeht – auf dem Kabinenboden. So wie auf meinem Inlandsflug in Chile vor Jahren, wo ein Kind nicht an sich halten konnte. Da hilft dann auch die schönste Tüte nichts. Vor allem nicht gegen den Geruch. Den beseitigen versierte Flugbegleiter übrigens mit gemahlenem Kaffeepulver, wie ich neulich bei Lufthansa erlebt habe.
Interessant ist, wie ironisch seit einiger Zeit Airlines die Tütenaufdrucke für augenzwinkernde Werbung nutzen. Was sie sich auf Plakaten oder anderen Werbeträgern nicht trauen würden, kommt bei ihnen durchaus auf die Tüte: „Geben Sie hier Ihre Beschwerde ab“ oder „Danke für Ihre Kritik“ (beides zuletzt bei InterSky) gehören zu den eher harmlosen Klassikern. Die durch ihr Taxi-Design schon forsche HLX, leider nicht mehr am Airline-Himmel unterwegs, hat uns echte Spucktüten-Evergreens beschert: „Ganz easy hier ryan“ – Oscar-verdächtig, gleich zwei Billigkonkurrenten galant über Bande ins Lächerliche gezogen. „Übergeben ist seliger als Nehmen“ ist auch Sprachakrobatik vom Feinsten, getoppt allenfalls von Germanwings, die sich um die Tütologie ebenfalls verdient gemacht hat. Mein Favorit: „Ihr Magen will auschecken? – Hier ist der Notausgang.“
Leider wissen immer noch zu wenige Firmen über die Chance, die die üblicherweise 24 x 13 Zentimeter kleinen Werbeflächen bieten. Wie sonst ist es zu erklären, dass ähnlich wie bei Flugzeugbemalungen zunehmend ödes blanko-Weiß dominiert oder, wenn man sich schon Mühe gibt, kuriose Kunstwerke herauskommen wie aktuell bei TACV von den Kapverden, die ihre Tüten mit wunderhübschen kleinen Musikinstrumenten und Notenschlüsseln verziert? Dann doch lieber der Pragmatismus von Alaska Airlines: Nein, keine Gebete (siehe letzte Spaethfolge), sondern schlicht der Vermerk „Seat Occupied“. Das allerdings bezieht sich auch nicht auf die eigentliche Bestimmung der Spucktüte, sondern soll bei Zwischenlandungen bereits besetzte Sitze verteidigen wie ein Handtuch Liegen am Hotelpool.
Für mich waren Spucktüten bisher nur bei zwei Flugabenteuern wichtig: Beim Mitflug auf Parabelflügen im russischen Il-76 „Kotzbomber“ zum Astronautentraining. Nach sieben von 15 Parabeln war ich sehr froh, dass da Beutel an den Seiten hingen und habe sie ihrem Zweck gemäß eingesetzt. Und als Passagier beim Kunstflugtraining zum Red Bull Air Race – da war mein größter Ehrgeiz, sie nicht benützen zu müssen. Mit letzter Kraftanstrengung und entsprechenden Appellen an den Piloten vorn gelang mir das auch. Um eben gerade nicht das Motto von HLX umzusetzen, die auf eine ihrer Tüten schrieben: „Alles muss raus.“

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