Turkish-Airlines-Chef: Europäische Flughäfen verlieren den Anschluss

20.04.2015 - 10:47 0 Kommentare

Der Druck auf Luftfahrt-Drehkreuze in Europa wächst: 2017 soll der Mega-Airport in Istanbul eröffnen. Schon jetzt droht Frankfurt abgehängt zu werden, sagt der Chef von Turkish Airlines.

Temel Kotil, Chef der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines.

Temel Kotil, Chef der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines.
© dpa - Lena Klimkeit

Fahnen der Fluggesellschaft Turkish Airlines.

Fahnen der Fluggesellschaft Turkish Airlines.
© dpa - Nicolas Armer

Ralph Beisel, ADV-Hauptgeschäftsführer

Ralph Beisel, ADV-Hauptgeschäftsführer
© EUROFORUM - Stefanie Hergenröder

Der geplante Mega-Flughafen in Istanbul wird nach Ansicht des Chefs von Turkish Airlines eine ernste Bedrohung für etablierte Drehkreuze wie Frankfurt werden. Schon jetzt drohen westeuropäische Flughäfen den Anschluss an die Konkurrenz in Istanbul und den Golfstaaten verlieren, sagte Temel Kotil, der auch Präsident des Verbands Europäischer Fluggesellschaften (AEA) ist. "Europäische Politiker verstehen das nicht."

Der neue Istanbuler Flughafen soll in zweieinhalb Jahren den Betrieb aufnehmen und nach den Worten Kotils besonders mit Dubai konkurrieren. Nach einer mehrjährigen Ausbauphase soll er bis zu 150 Millionen Passagiere im Jahr abfertigen und damit eines der größten Drehkreuze der Welt werden. Turkish Airlines fliegt inzwischen nach eigenen Angaben mehr ausländische Ziele an als jede andere Airline. Vor wenigen Tagen nahm die Fluggesellschaft mit San Francisco ihr 223. Ziel außerhalb der Türkei ins Programm.

Flughafenverband ADV wendet sich an Bundesregierung

Der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel, richtete am Sonntag einen "dringenden Appell" an die Bundesregierung: "Wettbewerbsverzerrende Regulierungen wie die Luftverkehrsteuer oder ausufernde Nachtflugbeschränkungen können nicht länger hingenommen werden", teilte Beisel mit. "Erforderliche Ausbauvorhaben wie die notwendige dritte Bahn am Flughäfen München sind endlich anzugehen."

Auch Kotil sagte, damit Flughäfen und Airlines im Wettbewerb bestehen könnten, müssten "Hubs" wie Frankfurt deutlich ausgebaut und Nachtflugverbote abgeschafft werden. EU-Politiker scheuten sich aber aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen, die notwendigen Schritte zu unternehmen. "Wenn das Flughafen-Drehkreuz nicht 24 Stunden operiert, wird die Fluglinie des Drehkreuzes zum großen Verlierer. Wie soll Frankfurt mit Istanbul oder Dubai konkurrieren?"

So soll der neue Flughafen Istanbul Yeni Havalimani einmal aussehen. Foto: Istanbul Yeni Havalimani,

Frankfurts Flughafenbetreiber Fraport hatte am Mittwoch mitgeteilt, noch in diesem Jahr mit dem Bau eines umstrittenen dritten Terminals in Frankfurt zu beginnen. Als Grund nannte der Konzern, dass selbst bei den derzeitigen Zuwächsen von zwei bis drei Prozent spätestens 2021 die Kapazitätsgrenze von Deutschlands größtem Airport überschritten würde. Fraport rechnet mit einem Investitionsvolumen von 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Das neue Terminal soll 2022 in Betrieb gehen.

Das derzeitige Turkish-Airlines-Drehkreuz - der Atatürk-Flughafen in Istanbul - droht bereits in diesem Jahr, Frankfurt bei den Passagierzahlen abzuhängen. Kotil rechnet für 2015 mit 65 Millionen Reisenden - ein Anstieg von knapp 15 Prozent verglichen mit dem vergangenen Jahr (57 Millionen). Der Frankfurter Flughafen, wo die Lufthansa ihre Basis hat, hatte im vergangenen Jahr einen Zuwachs von 2,6 Prozent und kam auf ein Rekordergebnis von knapp 60 Millionen Passagiere. In diesem Jahr sollen es zwei bis drei Prozent mehr werden.

Neuer Istanbul-Airport liegt strategisch günstig

Der neue Flughafen in Istanbul - der den Atatürk Airport ersetzen soll - soll am Ende der Ausbauphasen sechs Landebahnen haben und Platz für 500 Flugzeuge bieten. Der Airport soll 2018 vollständig in Betrieb gehen. Umweltschützer hatten gegen den Neubau in einem Waldgebiet protestiert.

In Europa befürchtet man eine Umlenkung von Passagierströmen zu Lasten des eigenen Aufkommens. Strategisch liegt der neue Flughafen Yeni Havalimani deutlich günstiger als die drei Flughäfen am Persischen Golf: Von Istanbul aus benötigt Turkish Airlines keine Langstreckenflugzeuge, um Passagiere etwa aus Deutschland abzuholen, damit sie über das neue Drehkreuz nach Asien weiterfliegen können. Zudem unterliegt Turkish Airlines keinen Beschränkungen wie etwa Emirates, Etihad oder Qatar Airways, was die Landerechte in Deutschland angeht.

© Ministerpräsident der Türkei, Lesen Sie auch: Erdogan legt Grundstein für neuen Istanbuler Großflughafen

Turkish-Airlines-Chef Kotil sagte, Punkt-zu-Punkt-Verbindungen reichten für etablierte Fluggesellschaften nicht mehr aus, um zu wachsen. Ein funktionierendes "Speichennetz" - also ein Zubringernetz für einen zentralen Drehkreuzflughafen - sei essenziell. "Transit ist die einzige Möglichkeit, dass das Geschäft aufrechterhalten werden kann." Die Lage Istanbuls am Übergang von Europa nach Asien sei für viele Umsteiger ideal.

Turkish Airlines hat die Passagierzahlen nach eigenen Angaben in den vergangenen zehn Jahren fast vervierfacht (plus 367 Prozent) - und ist damit weit überdurchschnittlich gewachsen. Weltweit nahm die Zahl der Flugreisenden zwischen 2004 und 2014 laut dem Weltluftfahrtverband IATA um rund 60 Prozent zu. Im vergangenen Jahr transportierte die türkische Fluggesellschaft 54,7 Millionen Reisende, 13,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2023 peilt sie 120 Millionen Passagiere an. Die Airline wurde 2006 privatisiert. Nach wie vor sind gut 49 Prozent der Anteile in staatlicher Hand.

Hier entsteht der neue Airport

Tipps: Karte ziehen und zoomen, für Details Symbole anklicken.

Von: airliners.de, dpa
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