Jenny Jetstream (42) ( Gastautor werden )

Tipps für einen entspannten Flug

30.09.2014 - 11:55 0 Kommentare

Die Herbstferien stehen wieder vor der Tür, überall werden in Vorfreude die Koffer gepackt. Damit der Urlaub von Anfang an entspannt beginnt, hat Jenny Jetstream diesmal ein paar Tipps zusammengetragen.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Ich werde oft nach guten Ratschlägen gefragt, wie man einen stressigen Urlaubsflug am besten über die Bühne bringt. Eine tiefenentspannte Amerikanerin erklärte es mir unlängst äußerst treffend an Bord: „I expect anything to happen, by the time I get to the airport. If it doesn’t, I don’t mind ...“ Was übersetzt soviel heißt wie: „Sobald ich am Flughafen eintreffe, rechne ich mit allem. Aber ich bin auch nicht böse, wenn alles klappt.“ Eine weise Einstellung.

Schon am Vorabend sollte man sich seines Gepäckes entledigen – fast alle Airlines bieten „late night check in“ an. Der doppelte Weg zum Flughafen mag lästig sein, aber man kann am nächsten Tag ganz entspannt mit Handgepäck reisen und es gibt keinen Stress mit schweren Koffern und den Platzkarten. Alternativ dazu gibt es noch das „web check in“. Hier kann man schon 36 Stunden vor dem Abflug seinen Wunschsitzplatz eingeben.

Doch Vorsicht: Manche Plätze, zum Beispiel die am Notausgang, sind kostenpflichtig und auch nicht für alle adäquat, mit körperlichen Beeinträchtigungen darf man hier leider nicht sitzen. Wer einfach mehr Beinfreiheit möchte, bucht die erste Dreier-Reihe im Heck in der Mitte. Dort ist in der Regel mehr Platz, allerdings auch kein Fenster. Wer gerne rausguckt, sollte die dritte Reihe hinter den Tragflächen buchen. Dort kann man das Spiel von Vorflügel, Landeklappen und Auftriebsbremsen live erleben und in Bezug zu den merkwürdigen Geräusche beim Fliegen setzen. Erklärt vieles und sieht interessant aus.

Am Abreisetag selbst sollte man frühzeitig aufstehen und reichlich Zeit für den Weg einplanen, dabei mit allen Eventualitäten rechnen: Stau, Glatteis, Plattfuß, Kuh auf der Fahrbahn, Angriff von Marsupilamis ... eine Stunde plus ist immer ein guter Zeitpuffer. Lieber entspannt am Airport noch einen Kaffee genießen, als schweißgebadet auf der Autobahn sitzen.

Leerer Magen reist nicht gut

Nie das Frühstück vergessen! Wer morgens um 3 Uhr noch nichts herunterbringt, weil der Hals wegen Reisefieber wie zugeschnürt ist, dem hilft vielleicht ein Schluck Trinkjogurt oder der Biss in einen Apfel. Mit leerem Magen reist es sich schlecht und der Kreislauf wird übermäßig strapaziert, wenn er in die dünne Kabinenluft oder andere Stresssituationen kommt. Wenn sich an Bord dann der Hunger meldet und man keine Lust hat, sich über die Standardbordverpflegung zu ärgern, bestellt man entweder sein individuelles Wunschessen bequem von zu Hause vor oder man schmiert sich der Einfachheit halber daheim ein Schnittchen, dann muss man sich auf die begrenzte Flugzeuggastronomie gar nicht erst einlassen. (Verzichte dabei aber bitte auf blähende Lebensmittel und Knoblauch. Du bist auf engstem Raum mit vielen anderen Mitreisenden und wirst dir von ihnen das gleiche wünschen.) Lass aber bitte nicht die Einfuhrbestimmungen von Lebensmitteln außer Acht, gerade in den USA könnte das zu großen Problemen führen, wenn dein Lunchpaket größer ist, als der Appetit auf dem Flug.

Aller guter Vorplanung zum Trotz hilft es enorm, sich geistig darauf einzustellen, dass weder Sitzplatzreservierung noch Essensbestellung bei der Airline angekommen sind. Klingt vielleicht ironisch, doch durch unterschiedliche Buchungssysteme versanden leider auch heute noch Wünsche der Gäste im www-Nirwana. Entspannt reist, wer sich nicht auf Dinge fixiert, die sich ad hoc nicht ändern lassen.

Zwiebellook ist angesagt

Ganz wichtig für einen gelungenen Flug ist bequeme Kleidung. Schick ist unwichtig, Garderobe im Zwiebellook versüßt die Reise. Auf manchen Fliegern ist es eiskalt, in anderen wiederum heiß wie in der Sahara. Wohl dem, der etwas an- oder ausziehen kann und sich entsprechend anpasst. Zum perfekten Outfit gehören auch noch Nackenhörnchen, Schmusekissen, Teddy und Co – es gibt natürlich Decken und Kissen an Bord, aber fein raus ist, wer eigenes Schmusematerial dabei hat.

Geht es dann endlich an Bord, bitte nicht gleich den Flugbegleiter an der Tür beim Boarding mit Sorgen, Nöten, Wünschen oder Informationen überfallen. Dieser hat in der Regel viel mit der zügigen Einweisung der Gäste und allen geäußerten Sonderwünschen zu tun. Bei größeren Maschinen ist es besser, den Sitzplatz aufzusuchen und dann die Flugbegleitung in deiner Nähe anzusprechen. Diese hat in der Regel mehr Zeit und kümmert sich gerne individuell um die Gäste in ihrem Arbeitsbereich.

Beim späteren Dutyfree-Einkauf bitte nicht vergessen, dass die bunte Auswahl im Bordmagazin nur eine begrenzte Verfügbarkeit im Flieger hat. Bitte behalte im Hinterkopf, dass das ausgesuchte Produkt schon längst vergriffen sein könnte, der Herr in der Reihe vor dir die letzte Doppelstange Marlboro kauft und die „ice watch“ leider nur in weiß statt wie abgebildet in schwarz an Bord ist. Ein Flugzeug ist kein Duty-free shop mit Warenlager. Und vergiss beim Einkaufen bitte auch nicht die Einreisebestimmungen für dein Urlaubsland. Das erspart viel Stress mit fremdländischen Zöllnern.

An Bord der meisten Airlines gibt es Unterhaltung, entweder in Form von „Inseat Monitoren“ oder größeren Displays über den Sitzreihen. Aber auch die können mal defekt sein. Auf langen Flügen ist das ärgerlich, wohl dem der einen E-Book-Reader, ein Taschenbuch, ein Tablet mit Filmen oder ein Knäuel Wolle mit Häkelnadel dabei hat. Schließlich weiß man nie, ob der Sitznachbar auch zum Klönen taugt.

Informiere dich des Weiteren über den zeitlichen Ablauf des Service, sofern er in der Ansage nicht benannt worden ist. So kannst du zum Beispiel stundenlanges Schlangestehen vor den Häuschen vermeiden, sechs Waschräume geteilt durch dreihundert Passagiere erfordern da eine gewisse Geduld, das könnte schon mal ein Engpass werden.

Glaube ja nur kein Fliegerlatein

Bei akuter Flugangst nimm etwas mit, was dir am Herzen liegt: einen schmusigen Pullover, einen tollen Film oder ein Plüschtier von der Tochter. Stelle dir an Bord vor, wie entspannt und schön die letzte Situation damit war ... und wie schön die nächste damit sein wird, wenn der Flug vorbei ist. Es ist alles nur eine Frage der Zeit. Mach aber nie den Fehler und glaube das Fliegerlatein von weitgereisten Vielfliegern, die ihre Klappe nicht halten können und von den gruseligsten Flugerlebnissen berichten. Das ist Seemannsgarn à la Kapitän Blaubär, solche Geschichten verselbständigen sich rasant. Bei Fragen wende dich lieber an Fachpersonal.

Hast du Probleme mit Thrombose? Es gibt „Reisestützstrümpfe“ rezeptfrei in der Apotheke, nicht immer ist im Gang oder in der Bordküche Platz für gymnastische Übungen, die den Blutfluss wieder auf Vordermann bringen. Gegen die trockene Luft helfen dir viel Wasser, die Anwendung von Feuchtigkeitssprays und eine gute Creme. So etwas solltest du immer dabei haben. Bei akuten gesundheitlichen Problemen kannst du natürlich die freundliche Stewardess fragen, wir haben eine gutsortierte Apotheke an Bord.

Aber deine persönlichen Medikamente gehören definitiv in dein Handgepäck, es ist uns leider nicht möglich, während des Fluges im Frachtraum nach deinem Koffer zu suchen, weil dort die wichtigen Herzmedikamente oder die Minipille drin stecken. Vergiss bitte auch nicht Nasenspray beim leisesten Anfall einer Erkältung zu nehmen. Der Druckausgleich wird durch verstopfte Nasen- und Ohrgänge verschlechtert oder sogar verhindert, was zu unglaublichen Schmerzen führen kann. Gerade bei Kindern ist dies sehr wichtig!

Empathie für die anderen Passagiere ist notwendig

Apropos Kinder: Sind sie noch klein und brauchen sie einen speziellen Kindersitz, informiere dich rechtzeitig; die meisten Kindersitze sind nicht Flugzeugtauglich und dürfen daher an Bord nicht installiert werden. Und bitte lass deinen Nachwuchs nicht unbeaufsichtigt durch den Gang krabbeln, dort ist er großen Gefahren ausgeliefert: Hinter einem Trolley sind die kleinen Würmchen für uns nicht zu sehen. Pack bitte genügend Bespaßungsmaterial für die lieben Kleinen ein, wir steuern gerne noch eine Tüte Gummibärchen oder ein bisschen Zwieback bei und nehmen dir dein Kind auch gerne einmal ab, wenn du in Ruhe essen möchtest. Aber bitte bedenke: Je kürzer der Flug ist, desto weniger Zeit bleibt uns als „Skynanny“...

Der letzte Wunsch eines Flugbegleiters: Starte deinen Flug trotz Reise- und Lampenfieber mit viel Empathie für deine Mitreisenden, für die „Rückenlehnenruntermacher“, die „Knieinskreuzbohrer“, die „Kinderlärmignorierer“, die „Mittelarmlehnenerkämpfer“, die „Zeitungsklauer“, die „Dasletztehühnchenvordernasewegschnapper“, und all die anderen Passagiere. Jeder Flug ist nur eine temporäre Zweckgemeinschaft. Und die führt dich in sagenhaft kurzer Zeit an ein fantastisches Ziel. Da kann man doch schon einmal fünf grade sein lassen, oder?

Einen entspannten Flug wünscht,
Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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