Hintergrund

Tiefe Risse in der Kabine

Exklusiv 12.09.2018 - 14:30 0 Kommentare

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo steht vor einer richtungsweisenden Mitgliederversammlung. airliners.de zeichnet den Weg in die jetzige Krise der Kabinenvertreter nach und skizziert die Möglichkeit eines Neuanfangs.

Eine Flugbegleiterin der Ufo.  - © © dpa - Oliver Berg

Eine Flugbegleiterin der Ufo. © dpa /Oliver Berg

Die Mitgliederversammlung am Donnerstag (13. September) wird die Flugbegleitergewerkschaft Ufo verändern. Denn gegen alle neun aktuellen Vorstandsmitglieder sind Abwahlanträge gestellt worden. Dies geht aus der finalen Tagesordnung hervor, die airliners.de vorliegt.

Nachdem klar war, dass der Beirat der Flugbegleitergewerkschaft für die Mitgliederversammlung Anträge gegen die beiden Vorstände Nicoley Baublies und Sylvia de la Cruz eingereicht hatte, entschloss sich Betriebsratschef Uwe Hien in den schwehlenden Machtkampf einzugreifen. Er stellte seinerseits Abwahlanträge gegen die sieben anderen Mitglieder des neunköpfigen Vorstands: Alexander Behrens, Thomas Klappert, Christoph Drescher, Sascha Nikolas Berger, Anne Struck, Gil Henschel und Stefan Fluck.

Hien wollte Druck aufbauen

Er wollte den Druck auf den Vorstand erhöhen, eine Lösung zu finden, begründet Hien, der seit über 20 Jahren bei Ufo aktiv ist, seinen Schritt in einem Brief an den Beirat. "Das Haus Ufo ist in Unordnung. Wechselseitige Schuldzuschreibung ersetzt Handeln im Sinne der Mitglieder, der Kabine."

Vom Vorstand sei keine Lösung mehr zu erwarten. "Eine Aufforderung letztlich seitens des Betriebsrates, zusammen Verantwortung zu übernehmen und in der Verantwortung zu bleiben, wird bislang mehrheitlich ignoriert", konstatiert Hien.

"Neuwahlen sind unabdingbar"

Die Ufo müsse am Freitag (dem Tag nach der Versammlung) "erklären, dass alle neun Vorstände sich der Verantwortung für das Chaos stellen und das Haus so renovieren, dass (...) die Mitglieder neue Mieter in Form eines neuen Vorstandes auswählen", fordert der Betriebsratschef.

Neuwahlen sind unabdingbar, aber nicht auf der Basis der alten Satzung.

Uwe Hien, Betriebsratschef von Ufo

Damit ist aber auch klar, dass die Ufo nach der Sitzung am Donnerstag eine Transformation durchlaufen wird. Denn neben den persönlichen Anträgen, die im Grunde auf viele Facetten eines Richtungsstreits zurückzuführen sind, gibt es auch jenen für einen Neuanfang.

Grundsatzkommission

Ins Leben gerufen wurde die Idee der Grundsatzkommission von der AG "konstruktiver Dialog", der Mitglieder der unterschiedlichsten Ufo-Tarifkommissionen angehören. Der in die Öffentlichkeit getragene Konflikt innerhalb des Vorstands hinterlasse eine fassungslose Mitgliedschaft, belaste nachhaltig die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen den Gremien und habe der Ufo einen erheblichen Imageschaden in der öffentlichen Wahrnehmung zugefügt, heißt es in einem Schreiben der AG.

Die Mitgliederversammlung drohe, auf "eine schonungslose Auseinandersetzung und einen unerbittlichen personellen Show-Down zuzulaufen, ohne die inhaltlichen Sachfragen einer dringend benötigten Lösung zuzuführen". Daher habe man ein 15-seitiges Eckpunktepapier zur Neuordnung ausgearbeitet, über das die Versammlung abstimmen soll.

"Unser Angebot an die Mitgliedschaft sieht vor, vorrangig die strukturellen Defizite in Aufbau, Struktur und Verfasstheit der Ufo zu lösen, Kompetenzen neu zu ordnen, die Autonomie der gewählten Gremien zu stärken, Leitlinien vetrauensvoller Zusammenarbeit zu entwickeln, finanzielle Stabilität zu gewährleisten und Erfordernisse wirksamer Kommunikationskultur zu definieren." Auf diesem neuen Fundament sei die Gewerkschaft "robuster" für die Zukunft aufgestellt, um die notwendigen personellen und strategischen Richtungsentscheidung herbeizuführen.

Teil des Vorschlags ist auch die Gründung eines 18-köpfigen neuen Gremiums: der Grundsatzkommission. Diese soll "innerhalb von zwölf Monaten Vorschläge zur Strukturreform der Ufo vorbereiten". Dies mit Hinblick auf unter anderem Satzung, Wahlmodus und Vorstandsgröße.

Gleichzeitig sollen spätestens Ende Oktober 2019 Neuwahlen stattfinden. "Diese Neuwahl markiert formal die Beendigung des Konflikts, eine Entscheidung im Richtungsstreit und eine personelle Neuaufstellung der Ufo." Bis dahin müsse die Gewerkschaft vom jetzigen Vorstand geführt werden.

Im Zentrum des Konflikts steht Baublies. Der ehemalige Chef der Ufo hatte 2016 die "Agenda Kabine" mit Lufthansa ausgehandelt. Über mehrere Streikrunden blieb Baublies hart und handelte am Ende ein Ergebnis aus, mit dem der streitbare Gewerkschafter selbst bei seinen Kritikern Anerkennung gewann.

Tarifabschluss für Lufthansa-Konzern teuer

Er soll "mit mehreren Bällen gleichzeitig jongliert" haben und am Ende ein Tarifwerk geschmiedet haben, das den Kranich-Konzern teuer zu stehen kam und an Komplexität kaum zu überbieten ist. Die "Agenda Kabine" besteht aus 29 Einzelverträgen, die alle im Abschnitt "Monitoring" kumulieren.

Und genau das stört viele in der Ufo. "Der Tarifabschluss ist so verworren, dass keiner die genauen Kosten absehen kann - er ist eine Blackbox", wirft ein Kollege Baublies vor. Dieser kontert: "Klar ist der Vertrag komplex. Aber er ist auch ausgewogen und kann dort, wo nötig, korrigiert werden."

Vorstand brach in zwei Teile

Doch die Komplexität schwächte Baublies' Stellung im neuen Vorstand. Er wollte sich eigentlich langsam zurückziehen und die Übergabe an den neuen Chef vollziehen. Doch diese hakte. Zu unterschiedlich waren die Meinungen bei vielen Grundsatzfragen zum Kurs der Ufo.

Es keimten zudem immer mehr Zweifel an Baublies' hartem Kurs, mit dem er das Bollwerk gegen den Widerstand der Lufthansa durchgesetzt hatte. Mit Mediationen wurde versucht gegenzusteuern, doch der neunköpfige Vorstand brach zusehends in zwei Teile.

Baublies und seine Vertraute, de la Cruz, wurden zu Personae non Gratae im Führungszirkel der Ufo. Der Vorstand entzog ihnen per Mehrheit die Aufgaben - via einstweiliger Verfügung holten sie sich diese zurück. Und damit auch die alten Probleme.

Verhandlungen aktuell kompliziert

Denn ein friedvolles Arbeiten schien im Vorstand lange nicht möglich. Zu tief waren die Gräben innerhalb der Ufo. Das blieb auch Lufthansa nicht verborgen.

Eigentlich wollte man seit einem Jahr Umsetzungsprobleme diskutieren und neuauftretende Spannungsfelder friedvoll bearbeiten. Doch weitere Verhandlungstermine mit Baublies - der immerhin Tarifvorstand der Ufo ist - lehnte der Konzern ab. Dies geht aus E-Mails hervor, die airliners.de vorliegen.

Anfang vergangener Woche dann ein Lichtblick: Der Ufo-Vorstand bewies Handlungsfähigkeit, votierte auf einer Sitzung gemeinsam für Stabilisierungsmaßnahmen innerhalb der Gewerkschaft.

Baublies unternahm den Versuch, den Showdown auf der Mitgliederversammlung abzuwenden und stellte auf einer Sondersitzung einen Befriedungsantrag. Sein Ziel: Der Vorstand sollte, ähnlich wie schon in der Tarifabteilung durch den gerichtlichen Vergleich beschlossen, wieder mit einer Stimme sprechen, eine Übergangslösung für die Besetzung der Posten beschließen, die Idee der Grundsatzkommission unterstützen und die persönlichen Anträge fallen lassen.

Hien will "nach draußen die Klappe halten"

Auch Hien unternahm einen letzten Anlauf in Richtung Befriedung und ging mit einem Brief auf den Vorstand zu. "Es ist keine Zeit, schmutzige Wäsche zu waschen. Nur mit der weißen Fahne nach der Mitgliederversammlung wird die Ufo eine Chance aufrechterhalten, nicht weiter geschwächt zu werden."

Er wolle die Grundsatzkommission unterstützen, seine Abwahlanträge fallen lassen und "nach draußen die Klappe halten".

Doch beide Vermittlungsversuche scheiterten bislang: Baublies musste Donnerstagabend erkennen, wie tief die Risse in der Kabine aktuell sind. Hien bekam von einer Beirätin die Antwort: "Der Beirat hat nach (...) sorgfältiger Prüfung (...) den Beschluss zur Abwahl von Nic und Sylvia gefasst. Der Beirat wird von diesem Entschluss (...) keinen Millimeter abweichen."

Ufo-Chef Behrens meldet sich zu Wort

Die Gewerkschafterin kritisiert die Worte Hiens als "reine Funktionärs-Tarifpolitik". Dies könne "keine langfristige Ausrichtung der Ufo sein". Zudem würden weder Hien noch Baublies oder de la Cruz ihrer Meinung nach durch eine ausgeprägte Fehlerkultur auffallen. "Doch stattdessen gab es nicht mal den Ansatz einer Lernkurve bei Nic und Sylvia, auch nicht bei dir."

Und auch der jetzige Ufo-Chef Behrens meldet sich zu Wort: "Grundsätzlich versperre ich mich nie einem gemeinsamen Weg", sagte er zu airliners.de, "doch müssen die Ziele auch gemeinsam getragen werden und die Gemeinsamkeit muss ernst gemeint sein."

Für solch eine gemeinsame Lösung rennt allerdings die Zeit davon. Wenn die Tagesordnung der Mitgliederversammlung in der Form abgearbeitet wird, wie sie derzeit vorliegt, droht laut Beobachtern ein Debakel, das mit der Mitgliederversammlung bestenfalls einen Höhepunkt, aber wohl eher kein Ende findet.

Von: cs
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