Artikel vom 29.09.2011 0
Tui baut um Pauschalreise im Wandel
© TUI
TUI-Logo auf dem Dach der Konzernzentrale in Hannover
Den Reiseveranstaltern geht es in diesem Jahr so gut wie schon lange nicht mehr. Ob politische Unruhen, Streiks oder Naturkatastrophen - nichts hat verhindern können, dass die Deutschen im Sommer 2011 wieder mit Begeisterung ihre Ferienkoffer gepackt haben. Tatsächlich aber erlebe die Branche einen Umbruch, der kaum fundamentaler sein könne, sagt der Chef des größten deutschen Anbieters Tui Deutschland, Volker Böttcher.
Er hat seinem Unternehmen daher ebenfalls einen Umbruch verordnet - einschließlich Jobabbau. Am Donnerstag sind die monatelangen Gerüchte für viele Kollegen zur traurigen Gewissheit geworden: Bis zu 550 Stellen fallen weg, davon 150 bei der Vertriebs- und Service-Tochter TVS mit ihren Callcentern und Airport-Schaltern. Die Gewerkschaft Verdi wettert gegen die Pläne, Betriebsratschef Christian Kuhn zieht mit. Die Einschnitte täten weh, seien jedoch unverzichtbar.
«Tui Deutschland hat sich selbst ein Drehbuch für die Zukunft geschrieben. Titel: die touristische Traumfabrik.» So formulierte es Böttcher kürzlich bei einer Vortragsveranstaltung. Die Reiseausgaben der Deutschen im Ausland dürften dabei immer mehr steigen. In diesem Jahr werden sie nach einer Studie der Commerzbank mit 61,3 Milliarden Euro die bisherige Bestmarke von 2008 noch übertreffen.
Der Reisemarkt wandelt sich allerdings. Beobachter stellen eine ausgeprägte Zweiteilung fest. Zum einen würden die Wünsche der Urlauber vielfältiger und individueller, heißt es auch bei der Tui. Für die Gruppe der «luxusaffinen Kunden» will der Branchenprimus sein Angebot an Reiseträumen noch erweitern. Zugleich aber gibt es immer mehr Kunden, die im Internet buchen und in erster Linie auf den Preis schauen. Und auch die nimmt Tui jetzt verstärkt ins Visier.
In den vergangenen Jahren lag das Hauptaugenmerk der Hannoveraner auf der kaufkräftigen Kundschaft. Exklusivangebote und Fernreisen wurden massiv ausgebaut, Veranstalter verdienten daran mehr als am 0815-Badetrip ans Mittelmeer. «Marge vor Menge», lautete die Devise.
Und das Edel-Geschäft soll weiter vorankommen: «Den Hotels, die punktgenau die Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe bedienen, gehört die Zukunft», erklärte Böttcher - auch um die Kürzungen im Massensegment zu rechtfertigen. Die Sparte, die die neuen Hotelkonzepte entwickelt, bleibt als einziger Unternehmensbereich vom Rotstift verschont. Bis 2015 soll es 136 hochwertige Häuser geben.
Inzwischen haben aber auch Anbieter von Standard-Reisen mehr Konkurrenz bekommen. An Hotelbetten und Flugsitzen gibt es weitaus mehr, als wirklich gebraucht werden - und im Internet sind sie für wenig Geld zu haben. Immer kleinere Unternehmen sind entstanden, die diese Plätze zu günstigen Preisen vermarkten. Der Preiskampf in der Luft und am Boden ist gnadenlos. Auch die Tui spürt daher den Zwang zu «schlanker Produktion», um ihre starke Position zu verteidigen.
Kritiker werfen dem Branchenriesen ohnehin seit längerem vor, das Geschäft im Internet verschlafen zu haben. Das soll sich nun ändern. Schon heute werde jeder vierte Euro in der Touristik online verdient, weiß Böttcher. In den kommenden vier Jahren werde dieser Anteil auf 43 Prozent steigen. Darum entsteht jetzt ein «Online-Marktplatz», der bereits Anfang 2012 an den Start gehen soll. Böttcher glaubt fest an das neue Modell: «Es wird in bisher nicht dagewesenem Umfang die Online- und die Offline-Welt miteinander verzahnen.»
Die Ausgaben für Verwaltung und Kundenbetreuung ließen sich auch dadurch drücken, dass ein größerer Teil von Beschwerden und Kulanzen künftig direkt am Urlaubsort bearbeitet wird. «Wir wollen in allen Preisvergleichen möglichst weit vorn mitspielen», sagt der Chef. Aber dazu müssen auch die Kosten runter. Das Buchungssystem ist schon umgestellt, vieles läuft nun automatisch ab. Kehrseite für die Beschäftigten: Hunderte Arbeitsplätze werden damit überflüssig.
Es steht eine ähnliche Schrumpfkur ins Haus, wie sie die britische Tochter Tui Travel schon hinter sich hat - wenn auch in deutlich geringerem Umfang. Böttcher verteidigt die Kürzungen dennoch: Wer sich neuen Geschäftsmodellen verweigere, habe heute schon verloren.
Stand: 29.09.2011 - 5:02 PM Uhr
Quelle: Eva Tasche und Jan-Henrik Petermann, dpa
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