Artikel vom 28.12.2009 0
Diskussion um bessere Fluggastkontrollen Schärfere Gesetze, teure Technik, mehr Personal?
© dpa
Sicherheitspersonal am Flughafen Frankfurt/Main
In der Europäischen Union werden nach dem vereitelten Terroranschlag auf ein aus Amsterdam kommendes US-Flugzeug die Sicherheitskontrollen auf den Flughäfen überprüft. «Das ist ganz eindeutig ein sehr schwerwiegender Vorfall», sagte Kommissionssprecher Mark English am Montag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Brüssel.
Ein Expertenkomitee für Sicherheit im Luftverkehr werde sich mit den Details des Vorgangs befassen, sagte der EU-Kommissionssprecher. Eine Sondersitzung dieses Gremiums sei jedoch derzeit nicht geplant. «Sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind, werden wir unsere eigenen Schlüsse ziehen und entsprechend handeln.»
Die USA hatten nach dem vereitelten Anschlag zunächst neue Sicherheitsmaßnahmen für Flüge im amerikanischen Luftraum angeordnet. Danach müssen Passagiere eine Stunde vor der Landung sitzen bleiben und dürfen keine Decken mehr nutzen. Allen Experten ist derweil klar, dass die Sicherheitslücke aber eigentlich schon am Boden geschlossen werden muss, damit Terroristen gar nicht erst an Bord kommen.
Mit Plastiksprengstoff am Körper durch die Sicherheitskontrolle
Wie es dem Attentäter von Detroit gelang, den Sprengsatz in Lagos und anschließend nochmals in Amsterdam durch die Sicherheitsschleusen in die Maschine nach Detroit zu bringen, ist unklar.
Der verhinderte Flugzeugbomber war vor dem Flug in die USA auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol unentdeckt durch eine Sicherheitskontrolle gegangen, obwohl sie gemäß der Vorschriften durchgeführt wurde. Das bestätigte am Wochenende das niederländische Büro für die Koordinierung des Terrorismusbekämpfung (NCTb).
Vor dem Start seien auch die personenbezogenen Daten des Terroristen ordnungsgemäß an die US-Sicherheitsbehörden durchgegeben wurden, hieß es beim NCTb. Die Amerikaner hätten nach Prüfung der Passagierliste Starterlaubnis gegeben.
Beim genutzen Sprengstoff handelte es sich angeblich um Pentaerythrittetranitrat (PETN). Der Pentrit oder Nitropenta genannte Sprengstoff besteht aus farblosen Kristallen und gehört zur selben chemischen Familie wie Nitroglycerin. Mit bestimmten Ölen oder Wachs gemischt, entsteht daraus sogenannter Plastiksprengstoff.
Die formbare Masse ist zum Beispiel bei den auf Flughäfen üblichen Kontrollen nicht durch herkömmliche Scanner technisch im Gepäck oder der Kleidung zu entdecken wie etwa Schusswaffen. Pentrit wurde auch 2001 beim «Schuh-Bomber» Richard Reid auf dem Flug von Paris nach Miami gefunden.
Politiker warnen vor schärferen Gesetzen
In Deutschland haben sich derweil Politiker in Koalition und Opposition gegen schärfere Sicherheitsgesetze gewandt. Der Vorsitzende des Bundestags- Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), verwies in der «Berliner Zeitung» (Montag) darauf, dass in den vergangenen Jahren bereits viele Sicherheitslücken geschlossen worden sind.
Es sei Aufgabe der technischen Forschung, Durchsuchungsgeräte zu entwickeln, die Tatmittel leichter erkennbar machen, sagte Bosbach dem "Hamburger Abendblatt" (Montagsausgabe). Zugleich äußerte er die Befürchtung, dass die von der EU geplanten Lockerungen, etwa bei der Mitnahme von Flüssigkeiten, nicht in Kraft treten.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) warb derweil für eine Einführung der umstrittenen Body-Scanner, die die Körperoberfläche unter der Kleidung abbilden können: «Wenn die sogenannten Nacktscanner ein zusätzliches Maß an Sicherheit bringen und nicht unzumutbar die Intimsphäre verletzen, müssen wir über eine Einführung jetzt neu nachdenken.»
Polizei fordert mehr Personal
Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, forderte ebenfalls eine Weiterentwicklung technischer Durchsuchungsmöglichkeiten. "Die technischen Möglichkeiten bei der Entdeckung chemischer Substanzen müssen immer auf der Höhe der Zeit sein. Sparen wäre hier im höchsten Maßen verantwortungslos", sagte er dem Abendblatt.
Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, fordert derweil auch mehr Personal für die Kontrolle von Fluggästen. «Es müssen erheblich mehr Bundespolizisten eingesetzt werden», sagte Wendt der «Berliner Zeitung». «Es ist erforderlich, dass wir die wichtigste Schnittstelle der Luftsicherheit optimal ausstatten. Das ist der Fluggastkontrolldienst.»
Doch während die Fluggastkontrolldienste neue Techniken und mehr Personal an den Sicherheitskontrollen verlangen, warnen die Flughäfen und Airlines vor noch höheren Kosten ohne erkennbaren Sicherheitsgewinn.
«Schnellschüsse, die nach Aktionismus aussehen, lehnen wir ab», sagte beispielsweise der Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV), Ralph Beisel, am Montag der dpa. Stattdessen komme es auf sehr schnelle Ursachenanalyse an.
Neben effektiver Technik müssten vielmehr auch die Prozesse bei den Kontrollen des Handgepäcks und der Reisenden optimiert werden, sagte Barig-Generalsekretär Martin Gaebges in einem dpa-Gespräch. «Aber dabei müssen wir immer gucken, was ist sinnvoll und was ist den Passagieren noch zuzumuten.»
Es dürfe nicht sein, dass das Prozedere vor dem Flug länger dauere als der Flug selbst, betonte Gaebges. Grundsätzlich gebe es in Deutschland hohe Sicherheitsstandards. «Hier ist es eher wichtig, dass man die internationale Zusammenarbeit verbessert.»
Diskussion über private Kontrolldienste
Angesichts einer drohenden Verschärfung der Sicherheitskontrollen hat auch die Weltpilotenvereinigung IFALPA vor blindem Aktionismus gewarnt. Sicherheitsfanatismus helfe nicht weiter, sagte der IFALPA-Vizepräsident Georg Fongern in einem Gespräch mit der dpa in Frankfurt. Langfristig könne bessere Technik mit automatisierten Systemen eine Lösung sein.
Bis dahin sei aber der Mensch als Fehlerquelle die größte Gefahr, sagte Fongern und spricht damit ein weiteres Problem im Sicherheitsbereich an: «Denn eine entscheidende Frage ist: Was können wir eigentlich von einem Niedrigstlohnempfänger erwarten, der die Kontrollen durchführt?»
Eine bessere Bezahlung der Mitarbeiter privater Kontrolldienste an den Flughäfen kann auch nach Ansicht eines Polizeiexperten die Sicherheit im Luftverkehr verbessern. «Wer Luftsicherheit will, der muss auch begreifen, dass das etwas kostet», sagte Josef Scheuring, Chef der Bundespolizei in der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Hilden, am Montag der dpa. Erst vor Weihnachten hatten in Hamburg Fluggastkontrolleure wegen Verdacht auf verdeckte Leiharbeit Klagen eingereicht.
Laut Scheurig werden die Sicherheitskontrollen an Airports seit 1993 von der Bundespolizei öffentlich ausgeschrieben und heute nur noch zu einem sehr geringen Teil von Angestellten des Bundes ausgeübt. Angesichts immer neuer Herausforderungen durch Terrorgefahren seien engagierte Mitarbeiter im Sicherheitsbereich, die sich auf neue Situationen einstellen können, wichtiger als alle Technik.
Der Nigerianer hatte am Freitag versucht, das Flugzeug mit fast 300 Menschen an Bord beim Landeanflug auf Detroit mit einem Sprengsatz zum Absturz zu bringen. Er wurde von Passagieren und Crewmitgliedern überwältigt.
Stand: 28.12.2009 - 6:07 PM Uhr
Quelle: airliners.de mit dpa, ddp und AFP
Meistgelesen
- 1 Air Berlin wagt den Billigst-Tarif Neue Tarifstruktur
- 2 Lufthansa-A380 heißt «Berlin» Taufe in Tegel
- 3 A400M-Tests in Brandenburg beendet Testflüge verliefen «nicht nach Plan»
Anzeige

Wieder Charterflüge ab Lübeck