Emotionale Abschiedsgala

Tempelhof für Flugverkehr geschlossen

31.10.2008 - 17:44 0 Kommentare

Der älteste Verkehrsflughafen der Welt, Berlin- Tempelhof, ist Geschichte. Begleitet von einer emotionsgeladenen Abschiedsgala und Demonstrationen ist am Donnerstag auf dem Berliner Airport Tempelhof nach 85 Jahren der reguläre Flugbetrieb eingestellt worden. Kurz vor Mitternacht starteten die letzten beiden Maschinen vom innerstädtischen Flugfeld.

Eins der letzten beiden Flugzeuge, ein Rosinenbomber vom Typ Douglas DC 3 verl - © © dpa -

Eins der letzten beiden Flugzeuge, ein Rosinenbomber vom Typ Douglas DC 3 verl © dpa

Bei einer Abschiedsfeier am Abend mischte sich in die Vorfreude auf den künftigen Hauptstadt-Airport Wehmut und Ärger über die Schließung des geschichtsträchtigen Flughafens, der 1923 eröffnet worden war. Tagsüber hatten zahlreiche Berliner mit einem letzten Besuch Abschied von dem Flugplatz genommen, mit dem viele Erinnerungen an die Teilung der Stadt und die Hilfe der Amerikaner in Zeiten des Kalten Krieges verbinden. Mehr als 100 Demonstranten protestierten gegen die Schließung.

Unter dem Beifall, aber auch Pfiffen hunderter Augenzeugen hatten sich um 23.54 Uhr zwei Propellerflugzeuge in die Luft erhoben. Die Sitzplätze in dem originalen Rosinenbomber und der historischen Junkers Ju 52 waren bereits seit Monaten vergeben. Flugzeuge des Typs DC 3 hatten in den Jahren 1948/49 das durch die Sowjetunion abgeriegelte West-Berlin mit lebenswichtigen Gütern versorgt, unter ihnen die am Donnerstag gestartete Maschine.

Mit dem Parallelstart der historischen Flugzeuge um 23.55 Uhr endete der Flugbetrieb auf dem Tempelhofer Feld. Als letzte Linienmaschine hatte zuvor um 22.17 Uhr eine Dornier 328 der Cirrus Airlines den Flughafen mit dem Ziel Mannheim verlassen. Um Mitternacht erloschen dann die Lichter auf dem Rollfeld und dem Flughafendach.

In direkter Umgebung des Flughafens verabschiedeten Berliner Bürger «ihren» Flughafen. Am Rande erwiesen technische Kräfte, Luftfahrt-Veteranen und Piloten den startenden Maschinen ihre Referenz. Kurz zuvor waren Flaggen des Flughafens bei einem Zapfenstreich eingeholt worden. Punkt Mitternacht erloschen auf den Rollfeldern die Positionslichter, Markierungslichter auf den Dächern des Airports wurden abgeschaltet.

Während die Bürgerinitiative "Flugfreies Tempelhof" das Ereignis mit Leuchtdrachen feierte, protestierten Gegner der Stilllegung mehrere Stunden lang vor dem Abfertigungsgebäude mit einer Lichterkette.

Emotionsgeladene Abschiedsgala

Ebenfalls emotionsgeladen war zuvor die Abschiedsrede von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) aufgenommen worden. Gäste der Gala äußerten sich mit Buhrufen und Pfiffen. Wowereit hatte als Berliner Regierungschef die Einstellung des Flugbetriebes vorangetrieben.

Der Regierende Bürgermeister sagte, er könne die großen Emotionen verstehen. Zugleich verwies er auf die Rolle des Areals in der Zeit des Nationalsozialismus. Mit seiner Rolle als Basis zu Zeiten der Luftbrücke habe sich der Airport jedoch die Herzen der Berliner für immer erobert, nunmehr aber gehöre ein nicht ungefährlicher Flugbetrieb in der Stadt der Vergangenheit an.

Wowereit fügte hinzu, mit dem Ende des Flugbetriebs eröffneten sich für das Areal neue Perspektiven. Das Airportgebäude werde nicht leerstehen, sondern weiter genutzt werden.

Der Geschäftsführer der Berliner Flughäfen GmbH, Rainer Schwarz, nannte den Ort Tempelhof einen Mythos. Das Erbe Tempelhofs sei «grandios» und werde es bleiben - «unabhängig davon, ob Flugzeuge starten oder nicht». Mit dem Bau des künftigen Berlin-Brandenburg International (BBI) in Schönefeld ergreife Berlin seine größte Zukunftschance. Mit der Fertigstellung des BBI soll auch der dritte Berliner Flughafen in Tegel geschlossen werden.

Dort und auf dem früheren DDR-Flughafen in Schönefeld starten und landen schon seit Jahren die meisten Maschinen von und nach Berlin. Für den Linienverkehr hatte Tempelhof zuletzt kaum noch Bedeutung, bei Privat- und Geschäftsfliegern blieb der Flughafen jedoch beliebt.

Noch stehen drei Maschinen auf dem Vorfeld

Für Ärger beim Flughafenbetreiber sorgten auf dem Flugfeld drei verbliebene kleinere Flugzeuge. Flughafensprecher Ralf Kunkel sprach von einer «Provokation». Allen Eignern und Piloten sei seit langem die Beendigung des Flugbetriebs zum 31. Oktober bekannt gewesen. Die Flugzeuge müssten nun auf eigene Kosten und «ohne Ausnahmegenehmigung» entfernt werden. Die beiden Antonov-Doppeldecker und eine Cessna müssten demnach demontiert und per Tieflader abtransportiert werden.

Die Eigner setzten jedoch auf eine Sonderfluggenehmigung - was einen weiteren letzten Flug von Tempelhof zur Folge hätte. Ein Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sagte am Freitag, für einen Abflug der Maschinen müsse nun eine sogenannte Außenstart-Genehmigung eingeholt werden. Diese werde von den Eigentümern erteilt, im vorliegenden Fall von Bund und Land. Er gehe für Berlin aber nicht von einer Erteilung aus.

Beim neuen sogenannten Geschäftsbesorger für das Tempelhofer Areal, der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), war am Freitagnachmittag noch keine Entscheidung über das weitere Vorgehen gefallen. Wie Sprecherin Katja Potzies betonte, müsste die Außenstart-Genehmigung bei der Luftfahrtbundesbehörde mit Sitz in Brandenburg beantragt werden. Diese Behörde wende sich dann wiederum an den Senat und die BIM. Wegen des Feiertages in Brandenburg sei die Luftfahrtbehörde jedoch am Freitag geschlossen und somit für die Flugzeugeigner nicht erreichbar. Potzies: «Vor Montag wird sich da also nichts tun.» Die BIM versuche aber, eine Lösung zu finden.

Das denkmalgeschützte Tempelhofer Areal soll künftig als Themenpark für Luft- und Raumfahrt, als Freizeitanlage und als Medienstandort genutzt werden. Am Rand des Geländes ist die Entwicklung von fünf neuen Stadtquartieren geplant. Die Einstellung des Flugbetriebes war notwendig geworden, weil der Senat aus SPD und Linkspartei im Weiterbetrieb eine rechtliche Gefährdung für den neuen Flughafens Berlin Brandenburg International (BBI) in Schönefeld sah. Der BBI soll im November 2011 seinen Betrieb aufnehmen.

Von: ddp, dpa
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