Tarifexperte zur Pilotenschlichtung: "Verkorkst, aber mit diplomatischem Geschick"

28.02.2017 - 10:20 0 Kommentare

Im Lufthansa-Tarifkonflikt mit den Piloten gab es eine Schlichtung. Luftfahrt-Tarifexperte Eckhard Bergmann bewertet die Teileinigung und spricht im airliners.de-Interview über verfehlte Ziele und überhöhte Erwartungen.

Ein Lufthansa-Pilot trägt bei einer Kundgebung der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit einen Button

Ein Lufthansa-Pilot trägt bei einer Kundgebung der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit einen Button "Streik" auf seiner Uniform. © dpa /Uwe Anspach

airliners.de: Es gibt eine erste Teilschlichtung zwischen Lufthansa und den Piloten. Ist die Gehaltsschlichtung ein großer Schritt in Richtung Gesamteinigung?

Eckhard Bergmann: Kein großer, aber ein notwendiger erster Schritt, um die total verfahrene Tarifsituation im Lufthansa-Cockpit befrieden zu können. Der Vergütungsabschluss erhöht die Gehälter stufenweise während der relativ langen Vertragslaufzeit zwischen 2012 und 2019 um 8,99 Prozent. Das sind pro Jahr im Schnitt 1,17 Prozent - nicht üppig, aber voraussichtlich ein ausreichender Kaufkraftverlustausgleich.
Der Schlichter Dr. Gunther Pleuger, der sein erhebliches diplomatisches Geschick während der Schlichtung offenbar voll ausreizen musste, sieht neben oben genannten Erhöhungen eine Einmalzahlung an die Piloten im Gesamtvolumen von 30,4 Millionen Euro vor. Das sind etwa 5000 bis 6000 Euro pro Pilot. Die Zahlung ist aber erst im Januar 2018 fällig. Dies soll die offensichtlich auch aus Sicht des Schlichters dringend erforderliche Gesamteinigung weiterhin ermöglichen. Vielleicht, indem diese 30 Millionen in weiteren Einzeltarifvertragsabschlüssen "andere Verwendung finden".

Über den Interviewpartner

Eckhard Bergmann Dipl-Ing. und Flugingenieur Eckhard Bergmann ist seit 36 Jahren in der Luftfahrt tätig. Über 17 Jahre und 10.000 Stunden flog er im Cockpit und arbeitet seit 2002 als selbstständiger Luftfahrt-Berater und Geschäftsführer der Europairs GmbH. Er lebt in Ratingen und Bern. Bergmann ist außerdem Autor des Buches "Fliegen - Ein (Alb-)Traum?", das hier erhältlich ist.
Kontakt: www.europairs.org

Was hat es eigentlich mit den drei Prozent "automatischer Gehaltssteigerung" für Piloten zu tun, von der immer wieder die Rede ist?

Bergmann: Das oft von Lufthansa vorgebrachte Argument, dass die Piloten ohnehin eine jährliche Gehaltssteigerung von drei Prozent erhalten, ist erstens richtig und zweitens ein Relikt aus Zeiten, als die Gehaltsstruktur des ehemals öffentlichen Arbeitgebers entstand. Ein Lufthansa-Pilot durchläuft in seiner Karriere mindestens 30 Gehaltsstufen mit im Durchschnitt drei Prozent, inklusive der Beförderung zum Kapitän. Wird kein neues Personal eingestellt, das dann die unteren Gehaltsstufen "besiedelt", wird eine solche Gehaltsstruktur schnell sehr teuer, eben drei bis 3,6 Prozent pro Jahr – schon ohne tarifliche Erhöhung. Lange Piloten-Gehaltstabellen mit 20 bis 35 Stufen sind allerdings europa- und auch weltweit üblich, so wie es auch Angestellte und Beamte des öffentlichen Dienstes kennen.

Kann denn Lufthansa mit diesem Gehaltstarifvertrag allein dennoch irgendwie Kosten einzusparen?

Bergmann: Das Lufthansa-Ziel, Kosten zu senken, ist so selbstverständlich nicht ansatzweise zu erreichen. Personalvorstand Frau Dr. Volkens sagte dann auch nach dem Vergütungsabschluss: "Da aber noch genug andere Tarifverträge offen sind (...), gibt es alternative Möglichkeiten, im Zuge einer Gesamtlösung die Kosten deutlich zu senken".

War also die von Lufthansa direkt nach der Schlichtung verkündete Auslagerung größerer Teile der zukünftigen Flotte zu erwarten?

Bergmann: Es ist ja keine direkte Auslagerung. Es wird aber die Erwartung weiteren Wachstums innerhalb der tariflichen Bedingungen der Konzernpiloten "abgewürgt". Das war nach Tariferhöhungen statt Einsparungen unbedingt zu erwarten! Der Konzernvorstand hat ja seit spätestens 2013 - und in durchaus irritierender Weise auch noch kurz vor dem Ende der laufenden Schlichtung - ständig mitgeteilt, dass die Gehalts-und Arbeitsbedingungen der Piloten im Konzerntarifvertrag Wettbewerb in den Wachstums-Märkten nicht zulassen. Das ist - zum Leidwesen der Lufthansa-Piloten - aber auch nicht ganz falsch.

© AirTeamImages.com, Carlos Enamorado Lesen Sie auch: Nach Pilotenschichtung: Lufthansa setzt neuen Langstrecken-Ableger auf

Glauben Sie denn, dass die Piloten unter diesen Voraussetzungen die Schlichtung überhaupt annehmen werden?

Bergmann: Ja, das glaube ich, und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen, weil es neben den "normalen" drei Prozent die erste Gehaltserhöhung seit 2012 ist – also eine Erwartungshaltung endlich erfüllt wurde. Zum andern, weil der Maßstab für die Erfolgsbeteiligung der Piloten im Tarifabschluss dem des Lufthansa-Vorstands angepasst wurde. Hier wird das Selbstverständnis der Konzernpiloten ohne Zusatzkosten bedient und das begrüßt die Tarifkommission Vereinigung Cockpit "ausdrücklich".
Zu guter Letzt aber auch, weil die Pilotengewerkschaft die Annahme durch die Urabstimmung empfiehlt. Das war nach der Lufthansa-Ankündigung, 40 Flugzeuge nunmehr woanders zu bereedern, nicht unbedingt zu erwarten. Diese "Fremdbereederung" aber als Ablehnungsgrund zu deklarieren wäre juristisches Glatteis. Eine solche Entscheidung des Lufthansa-Vorstands zu verhindern, wäre nämlich kein rechtmäßiges tarifpolitisches Ziel, wie die Vereinigung Cockpit schon vor den Arbeitsgerichten im Herbst 2015 lernen musste.

Alles in allem also eine irgendwie verkorkste Schlichtung für beide Seiten?

Bergmann: Nicht unbedingt. Der große Brocken "Vergütung" aus dem zu lösenden Gesamtpaket ist so bis Ende 2019 befriedet. Unverständlich ist aber, dass das sogenannte "Maßregelungsverbot" in der Schlichtungsschlussempfehlung fehlt, also der gegenseitige Verzicht auf rechtliche Maßnahmen in Zusammenhang mit diesem Vergütungskonflikt. Dem Schlichter war wohl bewusst, dass Lufthansa die Empfehlung dann vermutlich nicht angenommen hätte.
Der Wortlaut der Schlichtung deutet aber darauf hin, dass Dr. Pleuger während der Schlichtung mehr als einmal sehr irritiert war - vermutlich vom Handeln beider Seiten. Er will "die dringend erforderliche Gesamteinigung weiterhin […] ermöglichen und keine Schuldzuweisungen für die bisher nicht erfolgreich abgeschlossenen Verhandlungen zur Gesamteinigung vor[…]nehmen." Eine schallende Ohrfeige - für wen auch immer. Wenn sich ein Berufsdiplomat derartiger Formulierungen bedient, ist die Bezeichnung "verkorkste Schlichtung" wohl noch zu bedeutungsschwach.

Wie könnte es jetzt also in Sachen Tarifkonflikt bei der Lufthansa weitergehen?

Bergmann: Als nächstes wird wohl der Manteltarifvertrag mit Arbeits- und Einsatzbedingungen verhandelt werden. Nicht ohne Sprengstoff, aber eine Einigung erscheint mir zu diesem Thema ohne umfangreiche Arbeitskampfmaßnahmen möglich.
Die wichtigsten dann noch ausstehenden Regelungsgegenstände sind die Übergangsversorgung ab beruflichem Ausstieg - derzeit ab dem 55. beziehungsweise 60. Lebensjahr - bis zum gesetzlichen Rentenalter. Und es geht um die tarifliche Altersversorgung zur Aufstockung der Rente. Das ist ebenfalls in ihrer Höhe ein Relikt aus Zeiten, zu denen Lufthansa-Angestellte noch die "VBL-Renten" von der "Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder" erhielten. Dass man am derzeitigen Kapitalmarkt bei Rentenpapieren nicht etwa sechs Prozent Zinsen erwarten kann, sollte sich auch bei Piloten herumgesprochen haben. Dies sind die Brocken mit dem größten Konfliktpotential der gesamten tariflich regelbaren Themen.

Wie wird es also weitergehen?

Bergmann: Es bleibt im Lufthansa-Cockpit noch viele Monate spannend, mindestens bis Ende 2017. Derweil wird Lufthansa an der Peripherie via Eurowings kräftig wachsen, auch mithilfe von Flugzeugen der maroden Air Berlin, deren Piloten übrigens ebenfalls schon einige Zeit unter guten VC-Tarifverträgen fliegen - allerdings günstiger als Lufthansa- oder Germanwings-Piloten. Auch kooperiert Lufthansa neuerdings mit Etihad. In Abu Dhabi sind die Errungenschaften sozialer Marktwirtschaft mit Tarifautonomie eher gering ausgeprägt.
Letztendlich wird jeder Angestellte deutscher Fluggesellschaften inklusive ihrer Vorstände zwischen Aktionärs-Erwartungen und "Geiz-ist geil"-Mentalität der Kunden erdrückt. Das sollte zumindest den Airline-Aktionären und "Billigticket"-Passagieren klar sein, wenn sie wieder einmal wegen eines Arbeitskampfes ihr Business-Meeting in Shanghai oder das Date am Markusplatz verspätet oder gar nicht erreichen.

© Repro: airliners.de, Lesen Sie auch: Fliegen - ein (Alb-)Traum?

Von: dh
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