Auf Wiedersehen Tempelhof

«Tante Ju» und «Rosinenbomber» beenden Tempelhof-Ära

08.10.2008 - 15:25 0 Kommentare

Der 1923 eröffnete Flughafen Berlin-Tempelhof ist einer der dienstältesten Flughäfen der Welt. Zwei Traditionsflugzeuge werden am 30. Oktober als letzte Maschinen den City-Airport Tempelhof verlassen. Von überlebenswichtiger Bedeutung war die "Mutter aller Flughäfen" (Lord Norman Foster, Architekt) während der Berliner Luftbrücke: 1948/49 landeten dort wegen der sowjetischen Blockade die legendären «Rosinenbomber» mit Hilfsgütern für den Westteil der Stadt. Die Nazis hatten das große Gelände mit seinem mehr als 1,2 Kilometer langen Flughafengebäude von 1937 bis 1941 ausgebaut, die Geschichte des Flugfeldes beginnt aber schon etliche Jahre zuvor. Ein kurzer geschichtlicher Abriss zum Ende eines historischen Flughafens.

Die DC-3 des Air Service Berlin in Tempelhof. - © © Air Service Berlin -

Die DC-3 des Air Service Berlin in Tempelhof. © Air Service Berlin

Das Tempelhofer Feld war ursprünglich als Exerzierplatz genutzt worden, bevor das Reichsverkehrsministerium 1923 die Zulassung für den Flugbetrieb mit kleinen, leichten Flugzeugen ausstellte. Bereits 1909 hatte Orville Wright hier seinen "Startapparat" aufgestellt, um den staunenden Berlinern mit Flugvorführungen die Motorluftfahrt näherzubringen.

Noch vor Paris, Amsterdam und London - Der größte europäische Flughafen entsteht

Ende 1924 wurde dann mit dem Bau von Flugzeughallen begonnen. Der erste Bauabschnitt war im Jahr 1927 fertig und konnte über den damals ebenfalls neu eröffneten U-Bahnhof Flughafen (später in U-Bahnhof Paradestraße umbenannt) erreicht werden. Das Jahr 1926 brachte die Gründung der „Deutschen Luft Hansa A.G.“ am 6. Januar durch Vereinigung der beiden Luftverkehrsgesellschaften Junkers Luftverkehr und Aero Lloyd, die Tempelhof zu ihrem Heimathafen machte.

Letzte Tempelhof-Flüge

Die «Tante Ju» und der «Rosinenbomber» werden am 30. Oktober kurz vor Mitternacht von Tempelhof abheben. Die letzte reguläre Linienmaschine - eine Dornier 328 der Cirrus Airlines - startet um 21.50 Uhr nach Mannheim.

Für wen es nicht die allerletzten Flüge sein müssen, gibt es aber auch noch andere Alternativen. Dennoch: Wer an diesem historischen Tag mit an Bord sein möchte, muss nun schnell buchen. Zahlreiche Airlines bieten kurz vor der Schließung des Flughafens Rund- und Sonderflüge nach Tempelhof an:

Die folgenden Jahre sahen einen rasanten Anstieg der Flugbewegungen. 1934 waren es bei 59.198 Starts und Landungen immerhin 122.814 Passagiere. Damit stand der Flughafen Tempelhof sogar noch vor Paris, Amsterdam und London an der Spitze des europäischen Flugverkehrs.

Das ab 1936 entstandene Flughafengebäude war mit einer Fläche von 284.000 m² lange Zeit das flächengrößte Gebäude der Welt. Die Gesamtlänge des bogenförmigen Teils des Gebäudes beträgt beachtliche 1,2 Kilometer. Das Flugfeld wurde als ovaler Rasenplatz mit annähernd zwei Kilometern Durchmesser angelegt, sodass die damaligen Flugzeuge, wie beispielsweise die Junkers Ju 52, jeweils exakt gegen den Wind starten und landen konnten.

Die Bauarbeiten liefen auch bei Kriegsbeginn 1939 noch weiter, doch selbst bei Kriegsende 1945 war der neue Flughafen noch nicht vollständig fertig gestellt - während er durch Bombardierungen bereits wieder mehr und mehr beschädigt wurde.

Turbulente Nachkriegszeit: Blockade, Airbase, Zentralflughafen, Airbase, Regionalflughafen

1945 wurde durch die Amerikaner dann der „Tempelhof Central Airport“ eingerichtet, bevor der Flughafen ab 1947 unter dem Namen „Tempelhof Airbase“ als amerikanischer Militärstützpunkt genutzt wurde. 1948 bekam der Flughafen eine neue Bedeutung: Zusammen mit den beiden Flugfeldern Tegel und Gatow diente er während der Blockade West-Berlins dem Transport von Verpflegung und Gütern für Berlin per Flugzeug.

Ab 1951 wurde ein Teil des Flughafens auch wieder zivil genutzt, 1954 entstand die nördliche Bahn mit 2093 m Länge und die südliche mit 2116 m Länge. Die zuvor während der Blockadezeit entstandenen drei Start- und Landebahnen wurden zugleich entfernt. Im Sommer 1975 wurde Tempelhof erneut für den zivilen Luftverkehr geschlossen. Der Luftverkehr von Berlin-West wurde ab sofort über den neu errichteten Flughafen Tegel abgewickelt. 1985 wurde Tempelhof dann erneut für den Zivilverkehr eröffnet. Fluggesellschaften mit kleinerem Fluggerät und Geschäftsreiseverkehr konnte nun wieder von Tempelhof aus operieren.

2003 erließ der Berliner Senat nach erfolgtem Planfeststellungsbeschluss für den neuen Flughafen Berlin Brendenburg International (BBI) einen Bescheid, der die Berliner Flughafengesellschaft von der Betriebspflicht des Flughafens befreite. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verkündete dann 2007 den Bescheid zur "Entwidmung" des Flughafengeländes zum 31. Oktober 2008. Um die Schließung des Flughafens doch noch zu verhindern, wurde von einer Interessengemeinschaft ein Volksentscheid initiiert, der aber im April 2008 an mangelnder Beteiligung scheiterte.

"Historisches Los" entscheidet über letzten Flug

Bevor die Betriebserlaubnis des Flughafens Berlin-Tempelhof nun endet, wollen verschiedene Airlines mit dem letzten Flug vom geschichtsträchtigen Flughafen in die Geschichte eingehen. Cirrus Airlines hat den Start ihres für 20 Uhr angesetzten Fluges nach Mannheim eigends auf 21:50 Uhr verschoben, um so zehn Minuten vor Beginn des Nachtflugverbots als letzter Linienflug in die Tempelhof-Chronik einzugehen. Darüber hinaus werden diverse Rundflüge angeboten, auch am Schließungsvortag selbst. (s.a. Kasten oben rechts.)

Die Betriebserlaubnis für den Flughafen endet zwar erst um 24 Uhr. Doch um Sonderflüge nach Beginn des Nachtflugverbots um 22 Uhr durchführen zu können, bedarf es einer Ausnahmegenehmigung der Luftfahrtbehörde. Und die Behörde zeigte sich spendabel: Sowohl ein «Rosinenbomber» vom Typ DC 3 als auch eine Ju 52 mit dem Spitznamen «Tante Ju» erhielten eine behördliche Ausnahmegenehmigung für den 30. Oktober um 23.55 Uhr.

Sowohl die Ju-52 der Lufthansa Stiftung als auch die in Tempelhof stationierte DC-3 des "Air Service Berlin" hatten sich um den geschichtsträchtigen letzten Flug vom Berliner Stadtflughafen Tempelhof beworben. Welcher der «Rivalen» als letzter abheben darf, wird nun am Tag selbst per Los entschieden.

Von: ddp, GNU, airliners.de
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Berlin Jobs Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »