Interview

"Sylt ist eine Qualitätsdestination"

07.06.2019 - 07:03 0 Kommentare

Der Flughafen Sylt hat sich noch nicht vollständig von der Air-Berlin-Pleite erholt. Geschäftsführer Peter Douven spricht im airliners.de-Interview über die Wirtschaftlichkeit seines Flughafens, die neue Kassel-Route und welche Strecken noch Potenzial bieten.

Lufthansa-Regional-Jet auf dem Vorfeld des Sylter Flughafen.

Lufthansa-Regional-Jet auf dem Vorfeld des Sylter Flughafen.
Flughafen Sylt GmbH

Bahnhof Westerland auf Sylt.

Bahnhof Westerland auf Sylt.
© Adobe Stock 251614342 - dirk

Viele Verbindungen, die mit der Air-Berlin-Pleite weggefallen waren, werden am Flughafen Sylt mittlerweile durch andere Airlines bedient. Nun kommt mit Kassel eine ganz neue Route. Mit Easyjet fliegt seit kurzem sogar ein Billigflieger nach Westerland. Im Gespräch mit airliners.de berichtet Geschäftsführer Peter Douven über neue Strecken und alte Potenziale.

airliners.de: Herr Douven, wie läuft es auf Sylt im Jahr zwei nach Air Berlin?
Peter Douven: Das Ganze ist auf jeden Fall angestrengt. Ich kann mich nicht bei denjenigen einreihen, die in den letzten eineinhalb Jahren gesagt haben: "Das Ganze ist schnell kompensiert." Das ist es nicht, zumindest nicht bei uns. Das ist aber auch nicht überraschend, denn da ging es mehr um die Standard-Rennstrecken und weniger um die Randgebiete wie Sylt, die dann mitgenommen werden, wenn es freie Kapazitäten gibt. Wir liegen ganz gut, aber wir haben den Kapazitätsstand zum Zeitpunkt des Wegfalls von Air Berlin definitiv noch nicht wieder erreicht.

Sie haben uns vergangenes Jahr im Interview gesagt, dass sie bei 83 Prozent vom ehemaligen Stand waren. Wo stehen Sie heute?
Ich rechne mit 85 bis 86 Prozent, also eine kaum feststellbare Veränderung. Eurowings hat einen Großteil der Air Berlin übernommen und ist ein wichtiger neuer Partner für uns. Eurowings hat allerdings bei weitem nicht die Kapazitäten für Sylt eingestellt, die Air Berlin geflogen ist. Air Berlin hat vielfach höhere Frequenzen angeboten und auch die Größe der Flugzeuge relativ flexibel der Nachfrage angepasst. Das reißt auch unser neuer Kunde Easyjet nicht raus.

Auch wenn sich Easyjet selbst nicht als Billigflieger sieht gab es nach der Ankündigung der Berlin-Strecke zum Teil deutliche Vorbehalte, weil Sylt sich nicht als Billigdestination sieht...
Wir auf Sylt verstehen uns nicht, uns sind auch keine, Destination für Billigurlaub. Deswegen kommt das Wort "billig" einfach nicht gut rüber. Aber egal, wie die Bezeichnung für eine Airline ist - für uns ist sie einfach ein Verkehrsträger. Das steht im Vordergrund, weil wir ansonsten als Insel hoch im Norden einfach schwierig erreichbar sind. Die Urlauber, die zu uns kommen, wissen, worauf sie sich auf der Insel einlassen, egal womit sie kommen. Wir sind eine Qualitätsdestination.

Die Anfahrstrecke hier hoch macht man nicht mal eben für drei oder vier Tage

Peter Douven

Jetzt nimmt Rhein-Neckar-Air eine neue Route von Kassel nach Sylt auf. Wie kam es denn dazu?
Das ist dem starken Engagement der Kasseler geschuldet. Die Kollegen vom Flughafen und einiger Reisebüros sind auf diese Idee gekommen, weil Urlauber aus der Region Kassel die Abfahrtsstrecke hier hoch nicht mal eben für drei oder vier Tage machen. Genau dieser Bereich der Kurzaufenthalte boomt aber gerade überall im Tourismus. Der funktioniert aber nur mit vernünftiger Erreichbarkeit und das ist mit dem Auto und der Bahn nach Sylt von Kassel aus nicht gegeben.
Die Kollegen aus Kassel haben dann nach einem Airline-Partner gesucht. Der Anbieter-Markt für Verbindungen dieser Größe ist aber sehr übersichtlich, außer Rhein-Neckar-Air gibt es eigentlich keinen mehr. Die Airline fliegt bei uns sogar bereits erfolgreiche die Mannheim-Strecke und sie passt mit ihrer Do 328 auch sehr gut nach Kassel.

Welche weiteren Strecken haben denn ihrer Meinung noch ungenutztes Potenzial?
Nehmen wir zum Beispiel aus dem süddeutschen Raum Stuttgart. 2018 wurde die Verbindung von Eurowings nur in der Sommerferienzeit bedient, also viel zu wenig. Die Frequenz ist erst auf unseren konkreten Hinweis hin zaghaft erhöht worden, aber da würde auch noch mehr gehen. Die Nachfrage lässt übrigens aufgrund der mangelnden Anbindung etwas nach, was für uns nicht gut ist. Aber ich habe auch Verständnis für die Probleme der Eurowings, die ja Air Berlin erstmal integrieren musste.

Das aktuelle Sylt-Flugangebot

Angaben: Kapazitätsangebot Sommer 2019
Quelle CH-Aviation/OAG

  1. Eurowings, 35%
  2. Lufthansa, 23%
  3. Swiss, 16%
  4. Condor, 12%
  5. Easyjet, 6%
  6. Rhein-Neckar Air, 5%
  7. Sylt Air, 3%
  1. Düsseldorf, 41%
  2. München, 17%
  3. Zürich, 15%
  4. Stuttgart, 7%
  5. Berlin-Tegel, 6%
  6. Frankfurt, 6%
  7. Hamburg, 4%
  8. Mannheim, 3%
  9. Kassel, 1%

Gibt es denn Routen, die noch komplett fehlen?
Auf unserem Hauptquellmarkt Nordrhein-Westfalen sind definitiv Potenziale offen, weil Köln komplett weggefallen ist. Da fehlen aber die alternativen Carrier. Die gibt es schlicht nicht mehr. Zum Glück konnten wir letztes Jahr zusätzlich zur Eurowings auch noch die Condor mit A320 aus Düsseldorf gewinnen. Was allerdings mit der Condor passiert, ist ja im Moment völlig offen.

Wie sieht es denn mit Österreich und der Schweiz aus?
Ich versuche seit Jahren für den relevanten Markt Wien eine Direktverbindung zu bekommen. Das halte ich für wirtschaftlich darstellbar, aber Austrian und Eurowings sind da zögerlich. Wir bleiben allerdings weiter dran.
Zürich war früher eine reine Umsteigerverbindung, die konnte ich aber der Air Berlin schmackhaft machen für eine Direktverbindung. Heute muss ich dafür nicht mehr in die Bütt, das Ding läuft von alleine. Swiss fliegt mehrmals pro Woche und sogar im Winter, wenn auch mit geringerer Frequenz. Das ist eine stabile Verbindung, die sogar wächst. Daneben sind von der Skywork auch Basel und Bern gut gelaufen. Dass die Airline in wirtschaftliche Probleme kam, lag auf jeden Fall nicht an der Sylt-Strecke.

© Flughafen Sylt

Zum Interviewpartner

Peter Douven ist Sylts Tourismus-Multifunktionär. Er ist seit 2005 Geschäftsführer am Flughafen von Westerland. Gleichzeitig ist er auch Chef der Insel Sylt Tourismus-Service GmbH, die verschiedenste Dienstleistungen rund um den Tourismus auf der Insel anbietet.

Wo wir gerade beim Thema Wirtschaftlichkeit sind: Im Vergleich mit anderen Regionalflughäfen fällt Sylt durchaus positiv aus. Wie schaffen Sie es, einen Inselflughafen mit hoher Saisonalität fast kostendeckend zu betreiben?
Einer von vielen Punkten ist beispielsweise unser Umgang mit dem Luftsicherheitsbereich. Der hochsensible Bereich umfasst nicht das gesamte luftseitige Gelände, sondern beschränkt sich auf das Vorfeld 1, wo die kommerziellen Flüge abgefertigt werden. Für die Abfertigung ist natürlich immer die volle Sicherheit gegeben, aber dazwischen wird das Level etwas runtergefahren. Dieses Vorgehen ist auch auditiert und zertifiziert. Es wäre absurd, bei unserem Verkehrsaufkommen und unseren übersichtlichen Öffnungszeiten den ganzen Platz rund um die Uhr als Sicherheitsbereich zu betreiben.
Darüber hinaus halten wir unsere Infrastrukturkosten sehr gering. Unser Terminal hat keinen Marmorboden und ist auch kein Glaspalast. Es ist sehr kostensparend gemacht. Außerdem sind wir wohl einer der wenigen Regionalflughäfen mit weniger als 100 Angestellten. Und davon sind dann viele auch noch sozusagen "Multifunktionstalente". Die verladen beispielsweise Gepäck und sind nebenher auch für die Feuerwehr tätig. Damit kommen wir insgesamt auf vergleichsweise geringe Kosten und eine gute finanzielle Bilanz.

Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass Sie die neuen EU-Vorgaben zur operativen Eigenständigkeit komplett erreichen werden?
Wenn ich den Regionalflughafenbereich insgesamt so sehe und mir die Jahresendergebnisse angucken, dann sind wir sicherlich die letzten, die da Prüfungsprobleme haben werden. Probleme haben wir vor allem beim Thema Flugsicherung. Der Lotsenmarkt ist von der DFS leergefegt, weil sie selber zu wenig ausgebildet hat. Das macht uns Probleme bei der Besetzung des Towers, deshalb mussten wir schon Öffnungszeiten reduzieren. Das ist natürlich schon ärgerlich.
Dazu kommt das rechtliche Kuriosum, dass sich andere Flughäfen - im Gegensatz zu uns - weder um Feuerwehr noch um Flugsicherung selbst kümmern müssen. Wir aber müssen das alles selber stellen und das Geld dafür wieder reinholen. Das stört mich sehr. Das ist eine massive Verzerrung im System und möglicherweise muss da sogar mal Brüssel drauf gucken.

Herr Douven, ich danke Ihnen für das Gespräch.

© dpa, Bernd Thissen Lesen Sie auch: Es gibt Perspektiven für regionale Flughäfen in Deutschland Aviation Management

Von: hr
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