Interview

"Weitere Streiks bei Ryanair sind möglich"

12.09.2018 - 07:00 0 Kommentare

VC-Vize Wahl skizziert Lösungen für den Konflikt mit Ryanair, er erklärt, warum die Tarifverträge in Irland sowie Italien keine Blaupause für Deutschland sein können und prophezeit, ob der Billigflieger so viele Pilotenstreiks erleben wird wie zuletzt Lufthansa.

Markus Wahl: "Eine Teillösung hilft uns hier nicht weiter."

Markus Wahl: "Eine Teillösung hilft uns hier nicht weiter."
© dpa - Frank Rumpenhorst

Boeing 737 von Ryanair.

Boeing 737 von Ryanair.
© AirTeamImages.com - Serge Bailleul

Unmittelbar nach der Streikandrohung von Vereinigung Cockpit (VC) und Verdi veröffentlichte Ryanair den Briefwechsel zwischen der Pilotengewerkschaft und dem Airline-Management der vergangenen Wochen. "Datenschutzrechtlich ein No-Go", findet VC-Vizepräsident Markus Wahl. Er schlüpft am Mittwoch zurück in die Rolle des Sprechers - in der er auch schon die zuletzt 14 Streikrunden bei Lufthansa begleitete.

airliners.de: Herr Wahl, ist das jetzt Streik Nummer zwei von 14 bei Ryanair?
Markus Wahl: Ich hoffe doch sehr, dass das Streik zwei von zwei ist. Voraussetzung dafür wäre entweder endlich, nach über einem Jahr der Verhandlungen, ein Angebot der Ryanair, das seinen Namen auch verdient hat und nicht nur das bisherige Wischi-Waschi. Alternativ stehen wir auch für eine Schlichtung zur Verfügung - diese haben wir dem Management bereits angeboten. Dazu bräuchten wir eine Einigung über einen Schlichter, die genauen Schlichtungsinhalte und die Modalitäten, nach denen ein solches Verfahren ablaufen soll. Wir haben Ryanair dazu bereits Vorschläge gemacht. Sollte beides, vernünftiges Angebot oder Schlichtung, nicht zu Stande kommen, so sind weitere Streiks allerdings möglich.

Vor ziemlich genau einem Monat hat die VC zum ersten Mal Ryanair bestreikt. Seit dem gab es viele Briefwechsel, aber wenig Substanzielles. Wie viel Hoffnung auf eine Lösung hat die VC nach vier Wochen post Streik Stillstand noch?
Die Hoffnung auf eine Lösung ist doch mit der Auslöser für einen Streik. Ziel dieses Streiks ist es, den Arbeitgeber zur Vernunft zu bringen und zurück an den Verhandlungstisch zu bekommen. Dieses Mal soll er ein vernünftiges Angebot mitbringen und zur Not greifen wir auch zur Hilfe eines Schlichters. Ich bin überzeugt davon, dass es uns gelingen wird, bei Ryanair Tarifverträge abzuschließen. Hier ist, übrigens nicht nur im Cockpit ein Stein ist Rollen gekommen, der nicht mehr aufgehalten werden kann.

Inwiefern?
Bei Ryanair sind die Bedingungen so schlecht, dass im vergangenen Jahr zwei Piloten pro Tag das Unternehmen verlassen haben. Die Übrigen haben sich nun zusammengeschlossen - erst allein, später mit Hilfe der Gewerkschaften - und stehen für ihre Arbeitnehmerrechte ein. Diese lassen sich am Besten in Tarifverträgen festhalten. Und es wird bei Ryanair Tarifverträge geben, da wird sich Ryanair nicht mehr herauswinden können, auch wenn Airline-Chef Michael O'Leary einmal gesagt hat: 'Bevor wir Gewerkschaften bei Ryanair haben, friert eher die Hölle zu.'

Vor vier Wochen haben Sie an dieser Stelle die Prognose geäußert, dass Ryanair angesichts des wirtschaftlichen Drucks bald nachgeben wird - wie viel Glaube Ihrerseits ist noch übrig?
Der Druck auf Ryanair ist nach wie vor da. Nicht umsonst wurden Journalisten von der Aktionärsversammlung Ende September ausgeschlossen. Anscheinend hat man dort Angst vor unbequemen Fragen ... Wie schnell Ryanair sich nun endlich dazu bereit erklärt, vernünftige Tarifverträge zu unterschreiben, bleibt aber natürlich abzuwarten. Zum Wohle der Angestellten fordere ich aber, dass Ryanair schnell zu Lösungen bereit sein muss. Sollten dazu weitere Streiks notwendig sein, werden wir davor nicht zurückschrecken. Ich hoffe aber, dass das nicht der Fall ist. So oder so: Es wird eine Lösung geben.

Was macht den Konflikt oder auch die Kommunikation mit Ryanair so schwierig?
Ryanair gibt sich in der Kommunikation, sowohl öffentlich als auch intern, gern als der Wolf im Schafspelz. So behaupten sie auf der einen Seite zum Beispiel, dass man doch den Piloten schon ganz tolle Angebote gemacht habe - indem man beispielsweise deutsche Verträge zusichert. Auf der anderen Seite verkennt man damit aber völlig, dass ein solches Angebot komplett an den Forderungen der Piloten vorbeigeht. Sicherlich ist es gut, deutsche Verträge zu haben, Streikgegenstand sind sie jedoch nicht. Wenn man sich aber anschaut, dass es nicht nur die deutschen Piloten sind, die zu Streiks gegriffen haben, sondern auch Piloten in mehreren anderen Ländern und es auch bei den Flugbegleitern in Deutschland sowie Europa Ausstände gibt, kann man durchaus daraus schließen, dass im Gesamtsystem Ryanair etwas im Umgang mit den Arbeitnehmern nicht stimmt. Diese Einstellung zieht sich leider durch die ganzen Verhandlungen: Man verspricht zwar Besserung, wenn es aber darum geht, konkret zu werden und wirklich etwas schriftlich festzuhalten, duckt sich Ryanair ganz schnell wieder weg.

Zum Interviewpartner

Markus Wahl ist seit Ende Mai ehrenamtlicher Vizepräsident der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit. Selbst sitzt der heute 38-Jährige seit 15 Jahren im Cockpit, aktuell bei Lufthansa. Mit Streiks kennt der Langstreckenpilot sich aus, denn vor seinem jetzigen Amt war er Pressesprecher der VC und begleitete die 14 Streikrunden beim Lufthansa-Konzern.

Aber sind die Tarifabschlüsse in Irland und Italien nicht eine gute Vorlage?
Die Abschlüsse in Italien und Irland taugen leider nicht als Vorlage für uns in Deutschland. Zum einen liegt das daran, dass sie vor einem ganz anderen rechtlichen Hintergrund entstanden sind. Italienisches und irisches Recht sind nun mal grundlegend anders. Aber auch sonst können sie keine Lösung sein, denn beispielsweise ist das, was Ryanair in Irland als Lösung verkauft, nicht einmal im Ansatz eine komplette Lösung. Über Vergütung, Arbeitszeitregelung und Urlaubsregelungen wurde dort gar nichts gesagt, da ist immer noch alles ungeklärt. Gerade diese Dinge sind aber hier in Deutschland sehr wichtig und ein großer Teil der Gesamtforderung. Eine Teillösung hilft uns hier nicht weiter.

Nur ist es nicht gut ist, überhaupt einfach einen Fuß in der Tür zu haben und dann in zwei Jahren bei der nächsten Verhandlung für zum Beispiel den VTV die Ziele zu erreichen?
Natürlich könnte man argumentieren, dass eine Teillösung besser ist als gar keine Lösung. Dieses Argument ist aber aus meiner Sicht nicht zielführend, weil die Verträge derartig komplex und miteinander verzahnt sind, dass eine Teillösung nur wenig Sinn macht. So kann man beispielsweise nicht über eine Vergütungserhöhung sprechen, ohne gleichzeitig die benötigte Arbeitszeit abgesteckt zu haben.

In Irland hat Ryanair mitten in den dortigen Pilotenstreiks angekündigt, Flugzeuge aus Dublin abziehen zu wollen. Ein bisschen verhaltener kam am Dienstag eine ähnlich lautende Drohung Richtung Deutschland - obwohl Ryanair das ja noch vor ein paar Wochen ausgeschlossen hatte ... Ist das alles nur Säbelrasseln?
Dass eine solche Drohung überhaupt offen ausgesprochen wird, zeigt doch nur, wie das Management mit seinen Angestellten umgeht: Man erzeugt Angst, Druck und bedroht die Piloten mit Arbeitsplatzverlust. Getreu dem Motto: 'Wenn Du nicht endlich spurst, dann schmeiß ich Dich einfach raus.' Das kann doch kein guter Umgang mit seinen Angestellten sein und da wundere ich mich nicht, dass diese sich zu Wehr setzen.

Eingangs erwähnten Sie bereits die Schlichtung als möglichen alternativen Ausweg aus dem Konflikt. In Irland hat es eine solche gegeben. Dennoch lehnt die VC den dortigen Mediator Kieran Mulvey ab und zieht zum Beispiel Gerhard Schröder vor - warum?
Für Irland war Herr Mulvey bestimmt ein hervorragender Mediator. Allerdings brauchen wir für den Konflikt hier in Deutschland nicht nur eine Führungspersönlichkeit, die beide Parteien zu einer gemeinsamen Lösung führen kann, sondern auch jemanden, der das deutsche Recht und das wirtschaftliche Gesamtsystem in Deutschland bestens versteht. Das kann Herr Mulvey gar nicht leisten, und daher kommt er als Schlichter für uns nicht in Frage. Wir haben dem Ryanair-Management mehrere Vorschläge zu einem Schichter gemacht, die allerdings alle abgelehnt wurden. Das Management beharrt auf seinem irischen Fachmann.

... jetzt sind Sie dem zweiten Namen in meiner Frage ausgewichen: Warum will die VC Schröder?
Gerhard Schröder war nur ein Beispiel für eine mögliche Schlichterpersönlichkeit. Wir haben mehrere mögliche Schlichter vorgeschlagen, sind aber auch weiteren Vorschlägen von Ryanair gegenüber aufgeschlossen. Schröder wäre aber mit Sicherheit eine Führungspersönlichkeit und hätte auch Schlichtungserfahrung, die er bei Tengelmann gesammelt hat.

Herr Wahl, vielen Dank für das Gespräch.

Von: cs
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Markus Wahl, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC). "Ryanair wollte den Streik herbeireden"

    Interview Seit drei Uhr in der Nacht bestreiken die deutschen Piloten Ryanair. VC-Vizepräsident Wahl zieht im Gespräch mit airliners.de ein erstes Resümee und erklärt, wieso es durchaus zu weiteren Streiks kommen könnte.

    Vom 10.08.2018
  • Ryanair-Kabinenpersonal fordert mehr Geld sowie bessere Konditionen. Deutsche Crews bestreiken am Mittwoch Ryanair

    Gewerkschaften in ganz Europa streiten für bessere Arbeitsbedingungen bei Ryanair. In Deutschland legen die Piloten am Mittwoch erneut die Arbeit nieder. Ihnen schließt sich die Kabine an - nicht ohne Kritik.

    Vom 11.09.2018
  • Ryanair am Flughafen Frankfurt. Deutscher Streik trifft Ryanair stärker als gedacht

    Deutsche Flugbegleiter und Piloten bestreiken am Mittwoch Ryanair. Diese strich vorsorglich fast alle Abflüge ab Deutschland. Dementsprechend zufrieden zeigen sich die Gewerkschaften in einer ersten Reaktion.

    Vom 12.09.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »