Analyse

Auf diesen Air-Berlin-Strecken droht ein Lufthansa-Monopol

06.09.2017 - 08:02 0 Kommentare

Lufthansa kann die insolvente Air Berlin aus kartellrechtlichen Gründen wohl nicht komplett übernehmen. Die Frage ist, wie viel darf sie - oder andersrum: Auf welchen Strecken droht ein Monopol? Eine Analyse.

Flugzeuge der Air Berlin und der Lufthansa. - © © AirTeamImages.com - TT

Flugzeuge der Air Berlin und der Lufthansa. © AirTeamImages.com /TT

Das Pokerspiel um die Aufteilung der insolventen Air Berlin ist in vollem Gange. Dem Vernehmen nach will Lufthansa etwa 90 Flugzeuge von Air Berlin übernehmen. Das wären fast zwei Drittel der Flotte oder sogar 70 Prozent der Sitzkapazitäten, denn Lufthansa scheint ein besonderes Interesse an den Langstreckenflugzeugen der ehemaligen Konkurrentin zu haben.

Schon warnen Verbraucherschützer sowie Konkurrenten wie Ryanair vor einem drohenden Monopol der Lufthansa. Diese Einschätzung sei in Teilen durchaus realistisch, sagt Verkehrsexperte Manfred Kuhne im Gespräch mit airliners.de. Die Anzahl von Flugzeugen oder Sitzplätzen an sich sei jedoch kartellrechtlich nicht relevant: "Es kommt vielmehr darauf an, wo die Flugzeuge eingesetzt werden."

Innerdeutsch drohen kartellrechtliche Probleme

Dabei sieht Kuhne bei einer Übernahme der Air-Berlin-Strecken durch Lufthansa vor allem im innerdeutschen Verkehr kartellrechtliche Probleme. Durch den Wegfall von Air Berlin könnten dann nämlich auf den wichtigsten Inlandsrouten Monopolstrukturen entstehen.

Insgesamt gibt es laut Kuhne rund 16 Millionen Passagiere pro Jahr im rein innerdeutschen Flugverkehr - Umsteiger nicht mitgerechnet. Bei einem Marktaustritt von Air Berlin und einem Übergang auf die Lufthansa Group hätten neun Millionen Passagiere auf innerdeutschen Hauptrouten nicht mehr die Möglichkeit, zwischen mehreren Anbietern zu wählen. 6,1 Millionen Passagiere würden auf das potentielle zukünftige Lufthansa-Netz entfallen und 2,9 Millionen auf das Eurowings-Netz.

Drohende innerdeutsche Monopolrouten
bei Marktaustritt von Air Berlin
Route
Originärpassagiere
(ohne Umsteiger)
in beide Richtungen
Air Berlin
(bisheriger Anteil)
potentieller
alleiniger Anbieter
(zukünftig)
München Berlin
1,6 Mio.
47 %
Lufthansa
Hamburg
1,4 Mio.
38 %
Lufthansa
Düsseldorf
1,2 Mio.
51 %
Lufthansa
Köln/Bonn
0,8 Mio.
45 %
Lufthansa
Berlin Frankfurt
1,1 Mio.
30 %
Lufthansa
Stuttgart
1,0 Mio.
55 %
Eurowings
Düsseldorf
1,0 Mio.
56 %
Eurowings
Nürnberg
0,20 Mio.
41 %
Eurowings
Hamburg Düsseldorf
0,50 Mio.
48 %
Eurowings
Düsseldorf Nürnberg
0,20 Mio.
50 %
Eurowings
10 Routen
9,0 Mio.
46 %
Lufthansa 6,1 Mio,
Eurowings 2,9 Mio

Originärpassagiere gesamt pro Jahr und bisheriger Marktanteil von Air Berlin (angenäherte Werte). Berechnungen: Kuhne

"Innerdeutsche Konkurrenz gäbe es zukünftig nur noch auf der Route von Berlin nach Köln/Bonn mit 1,8 Millionen Passagieren", so der Experte. Dort fliegt aktuell neben Air Berlin und dem Lufthansa-Billigflieger Eurowings noch Ryanair auf ihrer bislang einzigen innerdeutschen Route.

Schon heute gäbe es innerdeutsch zahlreiche Routen, auf denen nur eine Gesellschaft fliegt, analysiert Kuhne. Wobei den Lufthansa-Routen zu den Hubs Frankfurt und München ohnehin vorrangig eine Zubringer-Funktion zukomme. Auf diesen Routen befördert die Lufthansa noch in erheblichem Umfang Umsteigepassagiere.

Bereits bestehende innerdeutsche Monopolstrecken
mit mehr als 0,1 Mio. Originärzusteigern
Route
Originärpassagiere
(ohne Umsteiger),
beide Richtungen
alleiniger Anbieter
(aktuell)
Hamburg Stuttgart
720.000
Eurowings
Frankfurt
680.000
Lufthansa
Köln/Bonn
410.000
Eurowings
Nürnberg
230.000
Eurowings
München Frankfurt
440.000
Lufthansa
Hannover
270.000
Lufthansa
Bremen
230.000
Lufthansa
Münster/Osnabrück
180.000
Lufthansa
Dortmund
170.000
Lufthansa
Stuttgart Hannover
200.000
Eurowings
Bremen
160.000
Eurowings
Düsseldorf
100.000
Air Berlin
Dresden Düsseldorf
180.000
Eurowings
Köln/Bonn
120.000
Eurowings
Stuttgart
100.000
Eurowings
Berlin Saarbrücken
110.000
Air Berlin
16 Routen
4,3 Mio.

Originärpassagiere gesamt pro Jahr. Berechnungen: Kuhne

Zu den bisher genannten 27 innerdeutschen Routen (einschließlich Berlin-Köln/Bonn) kommen laut Kuhne noch zwei weitere Strecken, auf denen Air Berlin der alleinige Anbieter ist (zusammen 160.000 Passagiere). Etwa eine Million Passagiere fliegt pro Jahr zudem auf insgesamt 37 weiteren innerdeutschen Verbindungen. Routen mit weniger als 200.000 Passagieren pro Jahr sind laut Kuhne allerdings kaum von zwei Fluggesellschaften gleichzeitig wirtschaftlich zu betreiben.

Auflagen der EU-Kommission erwartet

Vor diesem Hintergrund bleibt laut Kuhne abzuwarten, inwieweit die EU-Kommission "zur Sicherstellung des Wettbewerbs" die für den 21. September angekündigte Entscheidungen des Air-Berlin-Gläubigerausschusses zur Air-Berlin-Aufteilung mit Auflagen überzieht.

Das ist laut Kuhne im innerdeutschen Markt nicht auszuschließen: Eine begrenzte routenbezogene Übertragung von Slots an interessierte Mitbewerber sei durchaus denkbar. "Die Monopolsituation ließe sich nur entschärfen, wenn beim jetzigen Verteilungsprozedere einem Lufthansa-Konkurrenten ein Teilzugang im innerdeutschen Markt zufällt."

Sollten der offenbar bereits vor der Insolvenzverkündung an den Beratungen beteiligten Easyjet bei der Aufteilung innerdeutsche Flüge zufallen, könnten nicht beteiligte Gesellschaften wie Ryanair hiergegen allerdings noch Klage erheben, mutmaßt Kuhne: "Ryanair-Chef Michael O'Leary dürfte trotz seiner offiziellen Absage im Bieterstreit weiter in Lauerstellung liegen."

Situation innereuropäisch und interkontinental anders

Aus Marktsicht weniger problematisch dürfte laut des Experten die innereuropäische Neuaufteilung sein. Von den Kartellbehörden unter die Lupe genommen werden dürfte jedoch wegen der dortigen Lufthansa-Konzerntöchter vor allem der Verkehr von Deutschland nach Belgien, Österreich und in die Schweiz.

© dpa, Federico Gambarini Lesen Sie auch: Air-Berlin-Pleite: Ursachen und drohende Probleme Apropos (19)

Die Übernahme der Air-Berlin-Langstreckenflugzeuge einschließlich der von ihnen beflogenen Routen ist den Einschätzungen des Experten zufolge dagegen kartellrechtlich relativ unproblematisch. Sollte nach den jüngst verkündeten Streichungen vieler Air-Berlin-Langstreckenrouten in Berlin-Tegel und Düsseldorf die zur Wahrung der Großvaterrechte erforderliche 80 prozentige Nutzung der Slots über den gesamten Sommerflugplan nicht mehr erreicht werden, würden diese allerdings in den Slotpool fallen und neu verteilt.

Von: David Haße
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