Spaethfolge (152) ( Gastautor werden )

Sterbendes Statussymbol

25.09.2013 - 12:37 0 Kommentare

Weltberühmte Künstler und Designer wurden von den Airlines einst angeheuert, um ihre mondänen Repräsentanzen auf den Prachtstraßen der Welt zu gestalten. Ich habe als Kind schon Stadtbüros besucht. Heute sind sie fast alle verschwunden.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Es muss 1972 gewesen sein, als ich meine Mutter in Hamburg in den Colonnaden, einer Fußgängerzone in der Innenstadt, in das Stadtbüro von Pan American World Airways gezerrt habe. Schon damals als Sechsjähriger faszinierte mich die Aura dieser Geschäftsstellen der großen weiten Welt. Zumal in ihren prächtigen Schaufenstern meistens riesige Modelle von Flugzeugen standen, damals war es vermutlich eine Boeing 747, die Pan Am als erste Airline der Welt ab 1970 im Einsatz hatte. Ich wollte unbedingt eine Broschüre über Flugzeuge haben – und bekam ein sehr schönes Werbe-Heftchen mit Bildern über die 747, das ich heute noch in meiner Sammlung habe.

Seitdem faszinierten mich die Stadtbüros von Fluggesellschaften. Vor allem auf den Prachtstraßen dieser Welt sorgten sie für besonderes Flair – auf der Fifth Avenue in New York, den Champs Elysées in Paris, früher dem Kurfürstendamm in West-Berlin oder Unter den Linden in Ost-Berlin, auch auf der eher schlichten Dammtorstraße in Hamburg, wo viele Jahre lang die Lufthansa mit ihrem Büro Weltläufigkeit demonstrierte. Und was ist heute? Tote Hose. Im Hamburger Pan Am-Büro meiner Kindheit residiert seit Jahren ein Day Spa. Internet killed the City Ticket Office. Wer braucht noch Schalter mit Anstehen, wenn sich alles mit ein Paar Wisch- und Klickbewegungen auf dem Smartphone erledigen lässt? Damit ist eine ganz eigene Kunstform des Flugwesens so gut wie ausgestorben.

Ich habe viele Bücher in meiner umfangreichen Luftfahrt-Bibliothek durchgeschaut, weil mich das Phänomen Stadtbüro und sein Aussterben interessiert. Dabei lernte ich, dass KLM schon 1921 ihr erstes Stadtbüro eröffnet hat, Lufthansa 1930, aber ihre Hochzeit hatten diese Repräsentanzen nach dem Zweiten Weltkrieg, seit 1946 Air France ihr Ticket Office in New York eröffnete, als erste Nicht-US-Airline, erst 1952 empfing Pan Am als erste amerikanische Gesellschaft das Publikum auf der Fifth Avenue in Manhattan. Kurz darauf boomten die Airline-Repräsentanzen auf New Yorks teuerster Straße – den Abschnitt zwischen 42. und 57. Straße nannte man damals sogar „Airline Alley“. Da wurde richtig was geboten für’s Auge, nicht nur Flugzeugmodelle.

Alitalia wartete mit von Künstlerhand entworfenen Terrakotta-Figuren auf, SAS beschäftigte einen eigenen Möbeldesigner nur für ihre Stadtbüros, Air France ließ in in ihrer Vertretung in Tokio das Foto eines hinterleuchteten Nordpols erstrahlen, bei KLM gab es speziell für diese Orte entworfene Kunstwerke. Immer waren die Stadtbüros auch Werbeträger für die Heimatländer. Und der Pan Am-Wolkenkratzer an der New Yorker Grand Central Station mit seinem über der ganzen Stadt bis in die späten 1980er Jahre sichtbaren Schriftzug gilt ohnehin als der Gipfel der Airline-Selbstdarstellung. Im Kleinen ging die Hybris auch bei anderen weiter: Nach der Pleite von Swissair behielt etwa Swiss in New York zunächst ihr prominent platziertes Stadtbüro bei, zusammen mit dem Schweizer Fremdenverkehrsamt.

Und heute? Beinahe nichts ist im digitalen Zeitalter von dieser früheren Pracht übrig geblieben. Turkish Airlines unterhält noch eine Vertretung auf der Fifth Avenue, verborgen irgendwo in höheren Stockwerken. Auf den Champs Elysées in Paris habe ich neulich tatsächlich eine Vertretung der Iran Air entdeckt, die sich schon Jahrzehnte hält. Im Schaufenster stehen verstaubte und angekratzte Modelle von A300 und Boeing 747SP. Solche Büros dienen manchen Staaten oftmals auch für andere Zwecke als dem Ticketverkauf ihrer nationalen Airlines.

Leider werden die Büros auch immer mal wieder Ziel von Anschlägen, die sich gegen das Heimatland der jeweiligen Airline richten. Ach ja, als vor zehn Jahren Swiss neu startete entwarf Stardesigner Tyler Brulé für die Eidgenossen auch Interieurs für Stadtbüros, die dann aber nirgends umgesetzt wurden. Ich erinnere mich an eine wilde, bizarre Swiss-Party in Berlin 2003 in einem Bally-Schuhladen, den ebenfalls Tyler Brulé gestaltet hatte. Dort wollte er wohl einen Eindruck geben, wie Swiss-Repräsentanzen hätten aussehen können.

Kurz vor dem Verfassen dieser Kolumne erreichte mich eine erstaunliche Nachricht: Etihad und Air Berlin eröffnen an diesem Donnerstag in Berlin am Potsdamer Platz ein Stadtbüro! Vom früheren Glanz dieses Genres herrscht dort allerdings keine Spur: Das Gebäude sieht von außen aus wie ein 1970er-Jahre-Universitäts-Moloch in Bochum, um überhaupt hineinzukommen muss man 25 Stufen erklimmen, um dann nochmal in den achten Stock aufzufahren. Laufkundschaft wird man so keine gewinnen und der Werbeeffekt für beide Firmen dürfte auch begrenzt sein. Von künstlerischer Ausgestaltung ganz zu schweigen. Das war einmal.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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