Jenny Jetstream (48) ( Gastautor werden )

Standbys: Die Feuerwehr, wenn jemand ausfällt

11.11.2014 - 13:00 0 Kommentare

In einer Fluggesellschaft wird nach der Sicherheit die Pünktlichkeit ganz groß geschrieben. Wenn Mitarbeiter der Crew spontan ausfallen, muss die Bereitschaft ran. Jenny Jetstream erklärt, warum das stressig sein kann.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Für eine Airline ist nach der Sicherheit Pünktlichkeit besonders wichtig. Denn die Fluggesellschaft verdient nur Geld, wenn ein Flugzeug in der Luft ist. Darum wird, sollte sich ein Crew-Mitglied unverhofft verspäten oder ganz ausfallen, jemand als Ersatz aus der Bereitschaft aktiviert. Derjenige hat dann genau 60 Minuten Zeit, um geschniegelt und gebügelt, eventuell mit Langstreckenkoffer, am Airport zu erscheinen, damit die Maschine trotzdem pünktlich starten kann.

Früher gab es genau zwei Sorten von Bereitschaftsdiensten: Lang- oder Kurzstrecke. Während man bei Kurzstrecken-Standby die Garantie hatte, am selben Tag wieder zur Homebase zurückzukehren, konnte einen das Langstreckenmodell auch schon mal eine Woche in die Karibik oder sonst wo hinschießen. Heute werden unsere Bereitschaften blockweise über mehrere Tage geplant, um mehr Planstabilität zu erreichen. Was bedeutet, dass am ersten Tag so gut wie alles möglich ist und am letzten Tag der Einsatz nur noch ein Tagestrip sein kann.

Es gibt drei gefühlte Kategorien von Standbys

Kategorie 1: Tage, an denen gar nichts passiert. Finde ich persönlich am nervigsten. Während andere Kollegen sich frohen Mutes auf die Bügelwäsche stürzen oder mal so richtig gründlich die Bude durchputzen, zucke ich bei jedem Telefonklingeln zusammen - es könnte ja die Firma sein! Ich überlege mir an diesen Tagen drei Mal, ob es sich überhaupt lohnt, etwas anzufangen: selbstgekochte Marmelade, eine krümelige Blumenumtopfaktion oder eine Anprobe von Bademoden in der Stadt sind schlechte Grundvoraussetzungen für einen schnellen Sprung in die Uniform.

Kategorie 2: Tage, an denen man direkt eine Langstrecke aufs Auge gedrückt bekommt. Da gibt es einen kurzen Schreck, wirft alles Nötige in den Koffer und saust los - Standby-Block erledigt. In meinen Augen die angenehmste Art und Weise, den Bereitschaftsdienst abzuarbeiten.

Kategorie 3: Kurzstreckenaktivierung schon am ersten Tag. Hat zur Folge, dass für die verbleibenden Standby-Tage weitere Kurzstrecken sehr wahrscheinlich werden, da die geplanten Tage für weite Reisen nicht mehr reichen.

Wie Wohnen im Flugzeug

Eine Bereitschaft der Kategorie 3 habe ich vergangene Woche gerade hinter mich gebracht. Ganz ehrlich? Ich habe gedacht, ich wohne im Flugzeug! Ich habe die vier Tage Bereitschaft am Stück mal in Zahlen und Fakten zusammengefasst: Ich habe insgesamt 21.380 Kilometer zurückgelegt. Im Detail sieht das so aus, alles ex Düsseldorf: Tag 1- Fuerteventura A 330, Tag 2- La Palma A320, Tag 3- Palma-Malaga-Palma, A321 Tag 4- Stuttgart A319.

Mein Einsatz war somit auf vier verschiedene Airbus-Modelle verteilt, insgesamt war ich 26 Stunden in der Luft, bei einer Dienstzeit von 34 Stunden. Um diese Dienste antreten zu können, habe ich 800 Kilometer Autobahn hinter mich gebracht. Ich habe insgesamt 1862 Gäste begrüßt und verabschiedet. Davon habe ich 668 Gäste gefragt, was sie gerne Trinken und Essen möchten und ob der Kaffee mit Milch und Zucker oder doch eher schwarz sein soll. Ich habe zirka 40 Tüten Tomatensaft ausgeschenkt, 17 VIPs und 56 Statuskunden besonders betüdelt, einen medizinischen Notfall wegen Kreislaufkollaps verarztet, einen Eisbeutel, zwei Vomacur gegen Übelkeit, sieben Kopfschmerztabletten und zwei Nasensprays ausgegeben. Das Vorhandensein von Tampons und einem Bügeleisen musste ich leider verneinen.

Des Weiteren hatten wir an Bord ein volltrunkenes Pärchen, drei Promis, eine Rockband und einen Fußballspieler. Ich habe vierzehn Mal vermittelt, wegen der bösen zurückgeklappten Rückenlehne, sieben Mal über die Qualität und Menge des Flugzeugessens diskutiert und vier Mal erklärt, das alle Gepäckfächer nach XY fliegen, auch das, unter dem man nicht unmittelbar seinen eigenen Sitzplatz hat.

"Hallo Fräulein", ein Babybett und Krankengeschichten

Wir konnten mit Müh und Not eine Schlägerei verhindern, weil jemand bei einer wilden Wühlerei kurz nach der Landung aus dem Gepäckfach etwas hatte fallen lassen, was dem Passagier, der darunter saß, leider die Brille mit teurem Gleitsichtglas zerlegte. Ich habe sechs Mal ein Babybett auf- und abgebaut, vier volle Windeln entsorgt, sieben Fläschchen gefüllt und drei Mal Babynahrung gewärmt. Es gab sieben Beschwerden wegen unzureichender Sitzplatzreservierungen, 63 Mal wurde ich wegen Anschlussflügen angesprochen und zwei Mal musste ich den Hund in die geschlossene Tasche zurück bitten.

Einmal habe ich mit einer mir unbekannten Videoanlage gekämpft, aber gemeinsam konnten wir sie mit unserem geballten ausgedruckten Fachwissen in die Knie zwingen. Drei Mal wurde ich mit "Hallo Fräulein" angesprochen, sieben Krankengeschichten habe ich mir mehr oder weniger komplett angehört, insgesamt wurden mir beim Warten vor der Toilette gefühlte zwei Dutzend Urlaubsgeschichten aus früherer Zeit erzählt und ich habe sechs Passagiere über ihre Flugangst hinweg geholfen. Des weiteren habe ich auf diesen vier Flügen zehn neue Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, sieben Kolleginnen in der Crew-Lounge getroffen mit denen ich gerne geflogen wäre, die aber leider ein anderes Ziel hatten und vier Mal habe ich das Auto nach dem Dienst auf dem Parkplatz gesucht. Und verdient habe ich dafür... ach, das erzähle ich Euch beim nächsten Mal bei einem Kaffee in der Bordküche.

Ganz ehrlich: Meine Kinder haben sich in den vergangenen Tagen nur von Rührei ernährt, das Familienleben lag komplett brach und mein großer Sohn meinte: "Du bist aber grade viel von Zuhause weg." Wenn man zu jedem Flug noch die Anfahrt rechnet, war ich von 96 verfügbaren Stunden 50 aus dem Haus, daheim war ich zumeist dann, wenn andere Leute schon längst schlafen. Da war der letzte Flug nach Stuttgart doch ein wahres Highlight: 50 Gäste hin und 50 Gäste zurück, bei einer Flugzeit von 45 Minuten one way. Ein Hüpfer, ein Augenzwinkern, im Vergleich zu den drei Flügen davor. Ich ziehe an dieser Stelle meinen Hut vor allen Kurzstreckenfliegern, die sich täglich mit Contenance, Freundlichkeit und Ehrgeiz diesem Wahnsinn stellen. Chapeau!

Es grüßt Euch und alle Nichtflieger ganz herzlich
Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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