Sparwölfe im Umweltpelz

04.04.2016 - 10:31 0 Kommentare

Achtung! Bevor Sie diesen Gedankenflug lesen, müssen Sie zwei Dinge wissen: Der neue Umwelt-Werbespot der Branche ist grotesk dämlich und airliners.de-Herausgeber David Haße wird gerne mal sarkastisch, wenn ihm sowas begegnet.

Die Geizhälse aus der schwäbischen Hippie-Kommune werden durch ihren Wechsel vom VW-Bus in das Flugzeug unbemerkt und damit sprichwörtlich von

Die Geizhälse aus der schwäbischen Hippie-Kommune werden durch ihren Wechsel vom VW-Bus in das Flugzeug unbemerkt und damit sprichwörtlich von "Umweltwölfen im Sparpelz" zu "Sparwölfen im Umweltpelz". © BDL

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Werbung funktioniert so einfach: Die Leute glauben alles, sobald es nur schön lustig verpackt wird. Und weil das so einfach ist, hat der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) jetzt diese Chance genutzt, um mit einer lustig verpackten Botschaft den Umwelt-Zeitgeist in der Gesellschaft ein für alle Mal zu verändern. Aber schauen Sie selbst:

Nun wäre eine gute Werbung nicht gelungen, wenn sie nicht auf mehreren Ebenen kommuniziert. Oberflächlich lustig und gleichzeitig auf einer versteckten, bedeutungsschwangeren Metaebene. Lassen wir zunächst das Offensichtliche Revue passieren:

Die Alt-Hippies aus dem Spot trauen sich also zunächst nicht, ihrem schwäbisch-geizigen Naturell per Billigflug zu frönen. Warum? Sind sie einfach nur blöd oder etwa Opfer einer gesellschaftlich akzeptierten Umwelt-Diktatur? Egal, denn alle geistigen Fesseln werden nun durch die junge Generation gesprengt, im Werbefilm personalisiert durch ein schlaues Mädchen. Die von ihr verkündete und von der Gesellschaft offenbar so lang ersehnte Botschaft besteht aus fünf einfachen Worten:

"Fliegen ist das neue Öko!"

Kaum ist der neue Zeitgeist verkündet, sitzen alle vier Werbespot-Protagonisten im Flugzeug. Die neuen Mainstream-Flugökos fühlen sich nun endlich frei. Sie sind dankbar für eine gesellschaftlich akzeptierte Umwelt-Rechtfertigung, die nicht mehr hinterfragt werden muss: Vier Liter Verbrauch, das ist sogar weniger als die meisten Autos! Das versteht noch der letzte Hippie.

So lustig und so einfach verständlich ist das neue Meisterwerk der Branche aber nur oberflächlich. Denn gleichzeitig hält der BDL einer selbstsüchtigen, lediglich image-grünen Vielfliegerklientel geschickt den Spiegel vor. Denn die Geizhälse aus der schwäbischen Hippie-Kommune werden durch ihren Wechsel vom VW-Bus in das Flugzeug quasi unbemerkt von "Sparwölfen im Umweltpelz" zu "Umweltwölfen im Sparpelz".

Diesen Seitenhieb auf einen bigotten Lebenswandel von Lifestyle-Ökos versteckt die Luftfahrtbranche im Werbespot aber so geschickt im Kleingedruckten, dass nur Kenner die Feinsinnigkeit erkennen: Wenn nämlich Flugzeuge rund vier Liter pro Person und 100 Kilometer verbrauchen, dann sind das für die vier Konsum-Ökos aus Stuttgart insgesamt 16 Liter.

So ein alter VW-Bulli für die alternative Fahrgemeinschaft hätte sich dagegen nur 13 Liter genehmigt, wie diese durchaus vergleichbar erfolgreiche Umwelt-Kommunikation des Autoherstellers Smart ausführt:

Also hätte eine Reisegruppe aus vier echten Hippies in einem alten VW-Bus zwar weniger Treibstoff verbraucht als die im Werbespot präsentierten Image-Ökos im Flugzeug. Aber das ist Dank des fantastischen BDL-Spots im neuen Mainstream-Zeitgeist jetzt egal, weil sich niemand mehr für einen billigen Kurzstreckenflug rechtfertigen muss.

Und so können die zuvor umweltgehemmten Geizhälse zum Schluss des Werbespots auch offen und ehrlich ihre wahres Gesicht zeigen: "Do hen mer aber gscheit was gschpart!" Die letztlich doch glasklare Botschaft: Es ist jetzt gesellschaftlich akzeptiert, auch beim Fliegen auf Umweltkosten geizig zu sein.

Oder habe ich da etwa irgendwas falsch hineininterpretiert?

© brandalism.org.uk, Lesen Sie auch diesen Gedankenflug: Ehrlich kommunizieren schont die Branche und die Umwelt

Über den Autor

David Haße David Haße ist Herausgeber und Chefredakteur von airliners.de. Der studierte Marketing- und Kommunikationsfachmann ist beruflich seit rund 15 Jahren in der Onlinebranche zu Hause. 2007 machte er sich mit dem zuvor als Projekt gestarteten airliners.de selbständig. Kontakt: david.hasse@airliners.de

Von: dh
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